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Puderbach

Vier Wochen Krankenhaus: Befund unbekannt

Zwischenzeitlich dachte Tasheen Ullah, er würde sterben. Auch sein Chef Roger Giel hatte den Glauben daran verloren, dass Ullah wieder gesund und munter in Hien's Bistro stehen würde. Doch die Odyssee durch die Krankenhäuser, die Tasheen Ullah auf sich nehmen musste, als ihn eines Abends im Sommer dieses Jahres schwere Bauchschmerzen plagten, nahm nach 28 Behandlungstagen doch noch ein gutes Ende. Was er hatte? Darüber können Ullah und Giel nach eigenem Bekunden nur spekulieren. Doch der Reihe nach:

Vier Wochen wurde Tasheen Ullah (rechts) im Krankenhaus behandelt. Woran, kann er bis heute nicht mit Sicherheit sagen. Aber er und Roger Giel (links), der Ullah unter seine Fittiche genommen hat, sind froh, wieder gesund und munter im Bistro zu stehen. Foto: Mira Müller
Vier Wochen wurde Tasheen Ullah (rechts) im Krankenhaus behandelt. Woran, kann er bis heute nicht mit Sicherheit sagen. Aber er und Roger Giel (links), der Ullah unter seine Fittiche genommen hat, sind froh, wieder gesund und munter im Bistro zu stehen.
Foto: Mira Müller

Es war ein Mittwochabend, als Ullah seinen „Chef“, wie er Giel zu nennen pflegt, anrief und sagte: „Ich habe starke Bauchweh.“ Tasheen Ullah stammt ursprünglich aus Pakistan, musste von dort flüchten und landete Anfang 2017 in Puderbach. Regelmäßig kam er in Hien's Bistro, dessen Inhaberin Roger Giels Ehefrau ist. Dort machte er ein Praktikum und gehört heute fest zum Team. An besagtem Abend setzte sich Giel ins Auto, holte Ullah ab und fuhr mit ihm nach Dierdorf ins Evangelische Krankenhaus. Nach einer Ultraschalluntersuchung lag die Diagnose nahe, dass die Schmerzen von einem verengten Gallengang herrühren, erzählen Giel und Ullah. Ullah musste im Krankenhaus bleiben. Auf die Nachfrage, wer außerhalb der Klinik über Ullahs Gesundheitszustand informiert werden soll, bot sich Giel an – schließlich hatte er Ullah versprochen, sich um ihn zu kümmern.

Doch dies erwies sich als schwieriger als gedacht. Denn Giel, der kein Familienangehöriger Ullahs ist, wurde die Auskunft über dessen Gesundheitszustand verweigert. Täglich besuchte Giel seinen Schützling am Abend – bis er ihn nicht mehr auf der normalen Station, sondern auf der Intensivstation vorfand. Ullah kam gerade aus dem OP. Was dort gemacht wurde? Die Frage können beide nach eigenen Angaben bis heute nicht beantworten. Ullah wurde es im Rahmen der Arztvisite erzählt, vermutet Giel – und so erzählt es auch Thomas Schulz, Geschäftsführer des Evangelischen Krankenhauses Dierdorf. Diese Auskunft jedoch habe sein Schützling nicht verstanden, sagt Giel. Ein Dolmetscher wurde zu der Zeit nicht eingeschaltet.

Genauso wenig können sie sich den Grund für eine zweite Operation erklären – und für jenen erschreckenden Anruf, den Giel an einem Samstagmorgen entgegennahm. „Ich glaube, ich muss sterben“, lauteten Ullahs Worte, der auf die Quarantänestation verlegt worden war. Aus welchem Grund? Darauf hätten sie bis heute keine Antwort, sagen beide. Wenig später sei Ullah ohne weitere Erklärungen wieder auf die normale Station gekommen.

Das Krankenhaus erklärt, dass Tasheen Ullah zweimal täglich im Rahmen der Visite besucht und über den Gesundheitszustand informiert worden sei. Dass Giel bei seinen abendlichen Besuchen von den Pflegekräften keine Informationen erhielt, erklärt Schulz so: „Die Pflegekräfte sind angewiesen, bei Fragen zum Gesundheitszustand an die Ärzte zu verweisen.“

Als nach drei Wochen immer noch keine wirkliche Verbesserung der Gesundheit festzustellen war, entschlossen sie sich Ullah und Giel, eine Vollmacht aufzusetzen, die die Ärzte von der Schweigepflicht gegenüber Giel entband, erzählen sie. Doch auch mit dem unterzeichneten Schrieb erhielt Giel keine Informationen. Warum, erläutert Schulz so: Die Nachfrage, ob er wisse, was er unterschrieben habe, habe Ullah verneint. „Da der Eindruck des ,Erschleichens' der Gesundheitsvollmacht und damit der Urkundenfälschung im Raume stand, wurde diese vom behandelnden Arzt nicht akzeptiert.“

Besagtes Schreiben habe Giel auch dazu bevollmächtigt, Ullah seinem Wunsch entsprechend in ein anderes Krankenhaus zu verlegen, erzählt Giel. Und Ullah bekräftigt in gebrochenem Deutsch, dass er sich gewünscht hat, in einem anderen Krankenhaus weiter behandelt zu werden.

Doch als Giel die Papiere für Ullah verlangte, um auf eigenen Willen und gegen den ärztlichen Rat das Krankenhaus zu verlassen, hätten der behandelnde Arzt sowie Chefarzt Dr. Barthel Kratsch mit Konsequenzen gedroht.

Den weiteren Verlauf der Geschehnisse schildert Giel so: Ein Arztbrief oder Ähnliches sei Ullah nicht ausgehändigt worden. Dennoch machten sich beide auf den Weg ins Krankenhaus nach Altenkirchen, nachdem Ullah die Entlassungspapiere unterschrieben hatte. In der Notaufnahme angekommen, hätten die Altenkirchener Krankenhausmitarbeiter Ullah ohne Arztbrief die Aufnahme verweigert. Auch dem Vorschlag Giels, telefonisch in Dierdorf Informationen einzuholen, seien sie nicht gefolgt. Also ließ Giel Ullah in der Altenkirchener Notaufnahme zurück, um den Arztbrief aus Dierdorf zu holen. Auf dem Weg dorthin erhielt Giel einen Anruf von der Polizei, das Krankenhaus Dierdorf habe gemeldet, Giel hätte einen Patienten entführt. Giel klärte die Situation auf. In Dierdorf angekommen, bekam er auf Nachfrage abermals keinen Arztbrief ausgehändigt. So schnell und am Abend, wenn die behandelnden Ärzte Feierabend haben, sei dies nicht möglich, erläutert Schulz.

Unverrichteter Dinge fuhr Giel wieder zurück nach Altenkirchen. Dort angekommen, war Ullah nicht mehr in der Notaufnahme anzutreffen. Doch statt auf einem Krankenhauszimmer befand sich dieser in einem Krankentransport zurück nach Dierdorf. „Obwohl Tasheen auf seinen eigenen Wunsch in Dierdorf entlassen wurde, wurde er wieder gegen seinen Willen nach Dierdorf zurückgebracht“, erzählt Giel. „Was sollten wir denn zu dem Zeitpunkt noch machen?“, fragen sich beide auch heute noch. Als Giel seinen Schützling in Dierdorf besuchen wollte, wurde ihm der Zugang verweigert. Er habe Hausverbot, teilte man ihm an der Rezeption mit. Und so trafen sich Ullah und Giel bei den abendlichen Besuchen vor der Tür. Eine Woche später hatte der Spuk ein Ende, Ullah wurde aus der Klinik entlassen. Was genau während der 28 Tage des Aufenthalts passierte, wissen beide bis heute nicht.

Der Geschäftsführer des Evangelischen Krankenhauses Dierdorf versichert derweil, dass Ullah aufgeklärt worden sei. Da auch sie den Eindruck hatten, dass Ullah des Deutschen nicht so mächtig ist, um die medizinischen Hintergründe zu verstehen, sei ein Dolmetscher hinzugezogen worden.

Giel bestätigt das. Allerdings sei es Ullah gewesen, der über einen Bekannten einen Dolmetscher ausfindig gemacht habe, der am Tag der Entlassung übersetzte. Heute ist Tasheen Ullah wieder vollständig genesen – von was? Er vermutet, sein Blinddarm wurde entnommen. Aber mit Sicherheit weiß er es nicht.

Von unserer Redakteurin Mira Müller

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