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Leutesdorf

Projekt zum Jubiläum zeigt: Darum ist es in Leutesdorf am Rhein so schön

Sabine Nitsch

Leutesdorf ist ein Gefühl! Warum? Weil es besonders ist. Besonders schön, wegen der Landschaft mit ihren Weinbergen, den Rheinanlagen und dem Fluss vor der Tür. Besonders sind die Menschen, die sich als weltoffen, anpassungsfähig und vorurteilsfrei verstehen. Besonders ist auch das lebendige Vereinsleben. Rund 30 Vereine sowie 14 Nachbarschaften gibt es in dem kleinen Weinort mit seinen rund 1800 Einwohnern.

Das sind keine Vermutungen, sondern Ergebnisse eines kleinen Forschungsprojekts mit dem Titel „Wir Leutesdorfer“ von Harald Stoffels. Der Soziologe, Journalist und gebürtige Leutesdorfer hat es rechtzeitig zum 1150-jährigen Bestehen von Leutesdorf fertiggestellt und präsentiert die Ergebnisse in einer Ausstellung. 40 fotografische Einzel- und Gruppenporträts mit rund 130 Leutesdorfern fließen in die Arbeit ein. Dazu kommen 30 Porträttexte, die nach Interviews mit „typischen“ Leutesdorfern entstanden. Organisiert wurde das Projekt „Wir Leutesdorfer“ vom Arbeitskreis Kultur im Verkehrs- und Verschönerungsverein Leutesdorf (KVV).

Harald Stoffels freut sich auf viele Ausstellungsbesucher.  Foto: privat
Harald Stoffels freut sich auf viele Ausstellungsbesucher.
Foto: privat

„Ich denke, die Interviews liefern einen repräsentativen Querschnitt. Es sind Teenager dabei, der älteste Leutesdorfer mit dem ich für das Projekt gesprochen habe, ist 88 Jahre alt“, erläutert Stoffels die aufwendige Arbeit, die mehr als ein Jahr gedauert hat. Die Idee für das Projekt entstand beim Weinfest 2016. „Du kannst doch fotografieren. Kannst Du nicht was machen?“, fragte Erich Schneider, vom Arbeitskreis Kultur, im Hinblick auf das anstehende Jubiläum des Weinorts. „Ich bin Soziologe. Nur Fotos waren mir zu wenig. Also wollte ich dem Lebensgefühl Leutesdorf auf den Grund gehen“, sagt Stoffels. Aus dem „was machen“ entwickelte er mit Unterstützung des KVV das Forschungsprojekt, das nicht nur zur der Ausstellung führte. Es entstand auch ein 80-seitiger Begleitband in der Reihe „Leutesdorfer Hefte“. Er dokumentiert das Projekt in Fotos und Texten.

Stoffels fragte die Leutesdorfer, wie das Dorfleben heute aussieht und nach ihrer Einschätzung, wie es in Zukunft mit dem Dorf weiter geht. Irgendwie haben alle Leutesdorfer quer durch alle Generationen eine Liebeserklärung an ihr Dorf abgegeben. Es ist ein Ort, in dem die Alten alt werden wollen, und die Jungen nicht weg wollen, hat er herausgefunden. „Die jüngeren wollen alle nach den Studium wieder zurück und hier leben“, wundert sich der 62-Jährige, der selber 40 Jahre lang in Frankfurt, München oder Köln lebte. In der Domstadt hat er eine Medienberatung. Seit drei Jahren wohnt auch er wieder in seinem Elternhaus in Leutesdorf. Was ist der Grund, abseits der Landschaft, der Leutesdorf auch für die junge Generation so attraktiv macht? „,Wir leben da, wo andere Leute Urlaub machen', war in den Gesprächen ein oft gesagter Satz“, berichtet Stoffels. Auch würden die Leutesdorfer als „offen und vorurteilsfrei“ geschildert. Das würden auch Neubürger bestätigen. „Alle werden hier aufgenommen“, sagt Stoffels. Das Dorf zeige geradezu exemplarisch, wie Integration funktioniert. „Die Tür wird aufgemacht. Durchgehen müssen die Leute selber. Das heißt, sie müssen aktiv am Dorfleben teilnehmen. Egal ob in Vereinen oder der Politik“, erklärt er.

Durch besagte Tür hindurchgegangen sind vor Jahrzehnten Khan und Jaheen Zeus, die 1977 aus dem indischen Punjab an den Rhein kamen. Sohn Daniel Zeus amtiert nun als Weingott Bacchus. Zusammen mit Weinkönigin Johanna Schneider ziert er das neue Leutesdorfer Heft. Er sagt: „In Leutesdorf war meine Hautfarbe niemals Thema. Hier findest Du Freunde fürs Leben.“

Auch Damiano Mellone ist längst überzeugter Leutesdorfer. „Die Leute sind hier offener als anderswo“, sagt der gebürtige Italiener, der vor mehr als 40 Jahren der Liebe wegen herzog. Gastwirt Erich Vonhoegen (58) hingegen, ist ein Leutesdorfer Urgestein. „Eines der seltenen Exemplare aus der bedrohten Art erstklassiger Wirte“, beschreibt Stoffels ihn. Seit 35 Jahren betreibt Vonhoegen den „Kurtrierischen Hof“, das Stammlokal fast aller Vereine. Sein Credo: „Jesocks passt nicht zu meiner Tapete“ – Ein Statement, das die Leutesdorfer offenbar teilen, wenn es um vorurteilsfreies Miteinander geht . Waldemar Manns (88) ist der älteste befragte Leutesdorfer. Er stammt aus Siershahn im Westerwald, hat aber seit 1955 alle Hochwasser in Leutesdorf selbst erlebt. Bis Anfang der 60er-Jahre fühlte er sich, wie er sagt, fremd in der neuen Heimat. Das änderte sich grundlegend, als er Vereinen beitrat und Ehrenämter übernahm. Heue scherzt er: „Lieber im Rhein ertrunken, als im Westerwald erfroren.“ Zu Wort kommen auch Antonia Boden, Julia Hardt und Magdalena Hilbert – alle Jahrgang 2002. Sie bringen ein verbreitetes Lebensgefühl auf den Punkt: „Großstädte sind cool. Studieren in der Stadt – aber dann wieder zurückkommen nach Leutesdorf.“

Von unserer Reporterin Sabine Nitsch

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