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Niederhofen

Mein 68: Kunst, lange Haare und ein eigener Kopf

Angela Göbler

Sommer 1968, Deutschland zwischen Studentenrevolte, freier Liebe und Flower Power? Fragt man Reinhard Zado nach seinen Erinnerungen an diese Zeit, fällt ihm vor allem eins ein: „Wir wollten Künstler werden!“ Da waren Politik und allgemeine Aufbruchstimmung eher zweitrangig. Und doch: Ganz entziehen wollten sich auch Reinhard Zado und seine jungen Künstlerfreunde dem Zeitgeist nicht.

Mit den 68ern verbinden die meisten auch die langen Haare, mit denen sich auch Männer schmückten. Ein Foto vom jungen Reinhard Zado erschien sogar in der Zeitung, mit der Überschrift „Aus Protest und Mode wachsen lange Mähnen“.
Mit den 68ern verbinden die meisten auch die langen Haare, mit denen sich auch Männer schmückten. Ein Foto vom jungen Reinhard Zado erschien sogar in der Zeitung, mit der Überschrift „Aus Protest und Mode wachsen lange Mähnen“.
Foto: Angela Göbler

„Wir waren noch nicht volljährig, haben bei den Eltern gewohnt, und die Einziehung zur Bundeswehr klemmte in der Luft“, erinnert sich der heutige Niederhofener an seine Jugend im Rhein-Sieg-Kreis. 1968 wurde Zado 17 Jahre alt und war gerade dabei, seine Lehre als Schriftsetzer in Siegburg abzuschließen. „Da hat man noch ganz spießig zu Hause bei den Eltern gewohnt, von 200 Mark im dritten Lehrjahr konnte man sich auch nichts anderes leisten“, schmunzelt er. Das Elternhaus war konservativ, aber tolerant.

„Meine Eltern haben mich machen lassen. Da gab es nicht viel, gegen das man hätte rebellieren müssen.“ Nur bei einer Sache ließen Zado und seine Altersgenossen sich nicht reinreden: Bei der Frisur. „So lang waren meine Haare gar nicht, und doch hat der Ausbilder gesagt: ‚Morgen gehst du aber zum Friseur!‘“ Ein Foto vom jungen Zado erschien sogar in der Zeitung, mit der Überschrift „Aus Protest und Mode wachsen lange Mähnen“.

Außer der Frisur hatten fast alle Freunde Zados noch eine Gemeinsamkeit: den Traum von einem Studienplatz an der Kölner Werkkunstschule. Und an diesem Traum wurde fleißig gebastelt: Reinhard Zado schloss sich einer kleinen Künstlergruppe in Menden an, die sich in einer ehemaligen Kapelle ein Atelier teilte: „Da stand ein Klavier drin, und Maler, Bildhauer und alle möglichen Künstler gingen ein und aus“, berichtet er. „Klar wurde da viel palavert, auch über Politik und Demos, aber mitmarschiert bin ich nie.“

Nebenbei wurde an Motoren geschraubt: „In den Fünfzigern hatte sich jeder Autos und Motorräder gekauft, und plötzlich standen die ungenutzt überall rum, in jeder Scheune. Die haben wir uns geholt und sie hergerichtet.“ Ganz unpolitisch war aber auch der Künstler Zado nicht: Er arbeitete nebenbei in einer Druckerei und setzte einmal in der Woche die Zeitungskolumne der katholischen Kirchenzeitung für das Erzbistum Köln. „Die haben einen Artikel von mir gebracht unter dem Titel ‚Rettet Angela Davis‘. Offenbar wussten die gar nicht, wer das ist, sie waren nur begeistert davon, jemanden zu retten. Ein Artikel über eine schwarze Bürgerrechtlerin und bekennende Kommunistin in einem katholischen Kirchenblatt – da war ich schon ein bisschen stolz.“

Eine Freundin hatte der damals 17-Jährige nicht – viel zu anstrengend. „Am schlimmsten waren die vielen Psychologiestudentinnen, die wollten einen immer therapieren und Selbstanalyse betreiben“, lacht er heute. Zado packte lieber seine Koffer und trampte bis nach Schottland. Sorgen gemacht, dass etwas passieren könnte, hat er sich damals nicht: „Das war halt der Zeitgeist.“ Da war es auch kein Problem, bei der Durchreise durch London die Nacht auf der Parkbank im Hyde-Park zu verbringen: „Man musste sich nur eine Zeitung kaufen und sich damit zudecken, dann ging man als Penner durch und wurde in Ruhe gelassen, Touristen wurden gleich verjagt.“ Besser war es natürlich in den Jugendherbergen: „Da traf man immer alle möglichen Leute aus allen Herren Länder. Irgendwer konnte immer Klavier spielen, und es wurde gefeiert. Man durfte drei Tage bleiben und dann zog man weiter.“

Zurück zu Hause war Zado zehn Kilo leichter und die Mutter verrückt vor Sorge. „Aber es ist immer alles gut gegangen.“ Er ging später tatsächlich auf die Werkkunstschule und hat seinen Traum vom Künstlerleben verwirklicht.

Von unserer Mitarbeiterin Angela Göbler

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