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Kreis Neuwied

Kreis wird älter: Pflege-Notstand in Sicht

Robin Brand

Droht im Kreis Neuwied der Pflege-Notstand? Für Rheinland-Pfalz hat das Statistische Landesamt schon für 2035 Tausende fehlende Plätze in Pflegeeinrichtungen und Tausende fehlende Pfleger prognostiziert (wir berichteten). Ein ähnlich düsteres Bild zeichnet sich mittelfristig für den Kreis Neuwied ab, wenn nicht rechtzeitig gegengesteuert wird. Aktuell weist der Kreis landesweit noch den zweithöchsten Überhang an Plätzen in der stationären Pflege aus, nur der Westerwaldkreis ist besser aufgestellt.

Noch ist der Kreis Neuwied in Sachen Pflegeplätze gut aufgestellt. Das könnte sich in Zukunft ändern, warnt das Statistische Landesamt.  Foto: Peter Steffen/dpa
Noch ist der Kreis Neuwied in Sachen Pflegeplätze gut aufgestellt. Das könnte sich in Zukunft ändern, warnt das Statistische Landesamt.
Foto: Peter Steffen/dpa

Dass die aktuell scheinbar entspannte Lage nur eine Momentaufnahme ist, zeigt ein Blick auf die Entwicklung der Bevölkerungsstruktur: Demnach waren es zwischen 2005 und 2015 vor allem die Landkreise, die gealtert sind. Im Schnitt wuchs die Anzahl der Übersechzigjährigen in besagtem Zeitraum in den rheinland-pfälzischen Landkreisen um 12,8 Prozent. In Neuwied waren es 9,6 Prozent – die Anzahl der Pflegebedürftigen wuchs im gleichen Zeitraum um 40,2 Prozent.

Und der Trend der demografischen Alterung wird sich in den nächsten Jahren noch beschleunigen, warnen die Statistiker. Allein weil Ende der 2020er-Jahre alle Babyboomer ihr 60. Lebensjahr überschritten haben werden. 1,42 Millionen Rheinland-Pfälzer werden nach Berechnungen des Statistischen Landesamts 2035 60 Jahre oder älter sein, 300.000 mehr als derzeit. Für den Kreis Neuwied prognostiziert das Amt ein Wachstum von 24,4 Prozent bis 2035. Die Anzahl der Pflegebedürftigen steigt im selben Zeitraum gar um 38,9 Prozent, auch weil die Menschen immer älter werden. Bis 2060, glauben die Statistiker, wird sich die Zahl der Pflegebedürftigen im Kreis um 80 Prozent erhöhen. Aus dem Überhang an Plätzen in der stationären Pflege würde sich so eines der landesweit größten Defizite von mehr als 400 Plätzen entwickeln.

Für den pflegepolitischen Sprecher der CDU-Bundestagsfraktion, Erwin Rüddel, ist deshalb klar: „Wir brauchen mindestens 20 Prozent mehr Pflegekräfte, und das muss mit mehr Flexibilität und einer Senkung der Fachkraftquote einhergehen. Dabei müssen die Pflegekräfte in ihrem Beruf auch Erfüllung und Zufriedenheit finden.“ Dass Zufriedenheit im Beruf oftmals auch vom Verdienst abhängig ist, weiß Rüddel. Die Finanzierung im Zusammenhang mit mehr Pflegekräften könne nur gelingen, wenn die Pflegebeiträge stiegen. Die Neuwieder Pflegedienstgründerin Gabriele Krüger äußert, dass sogenannte Servicearbeiten oftmals mehr aufhalten als qualifizierte Arbeiten. „Da stellt sich die Problematik, dass alles nichts kosten darf, wir aber alles machen müssen. Zudem werden wir eigentlich auch gar nicht mehr wertgeschätzt.“

Rüddel betont, es sei wichtig, die Pflege insgesamt aufzuwerten und auch Schülern auf Hauptschulniveau eine Ausbildung zu ermöglichen. Nur so könne einem drohenden Pflegenotstand begegnet werden. „Wir können uns nicht leisten, auf potenzielle Fachkräfte zu verzichten. Eine ganz große Herausforderung ist, dass keine fachlichen Inhalte bei der Ausbildungsreform verloren gehen und wir Menschen mit Hauptschulniveau sowie Quereinsteigern weiter die Chance bieten, eine dreijährige Pflegeausbildung zu absolvieren“, sagt Rüddel.

Nicht nur in der Politik, auch in den Pflegeeinrichtungen ist der drohende Notstand erkannt. Mehr noch, „er ist jetzt auch in der Region angekommen“, sagt Heribert Frieling, Sprecher der Marienhaus- Gruppe Waldbreitbach, die im Kreis Altenpflegeeinrichtungen in Neuwied, Unkel, Neustadt und Hausen unterhält. Es sei unstrittig, dass mehr Pflegekräfte gebraucht werden. Frieling: „Da liegen wir mit der Gewerkschaft Verdi auf einer Linie, wenngleich wir Warnstreiks als den falschen Weg ansehen.“

Aktuell seien in den Kliniken und Altenpflegeeinrichtungen der Marienhaus-Gruppe die Pflegestellen alle besetzt: „Und es können bislang auch noch alle frei werdenden wieder besetzt werden. Aber es wird auch für uns als großen Träger schwieriger.“ Die Tatsache, dass man nach Tarif bezahle, was längst nicht alle Träger tun würden, sei ein schlagkräftiges Argument, um Fachkräfte auch langfristig zu binden. Im Umkehrschluss heißt das laut Frieling: „Die Pflegeberufe müssen attraktiver gemacht werden.“ Das Thema Pflege gehöre auch bei den sich anbahnenden Koalitionsverhandlungen in Berlin ganz nach oben auf die Agenda. „Die Politik muss einfach mehr Mittel für die Pflege bereitstellen, vor allem um mehr Personal einstellen zu können. Dafür gilt es eine Form der Gegenfinanzierung zu finden.“

Die Marienhaus-Gruppe selber will sich die künftig benötigten Kräfte vor allem über Aus- und Fortbildung sichern. Davon abgesehen will das Unternehmen gezielt darauf reagieren, wie sich die Zahlen für die Pflege tatsächlich entwickeln. „Die Hochrechnungen zeigen zunächst mal nur eine Tendenz“, so Frieling.

Die gesamten Zahlen des Statistischen Landesamts rund um die Pflege finden Sie, wenn Sie das Foto mit RZplus scannen.

Von Robin Brand und Ralf Grün

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