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    Kirschweiler

    Tag ohne Nähmaschine war ein verlorener Tag

    Eine seltene Auszeichnung erhielt in diesen Tagen Alice Reinhard, geborene Dreher, aus Kirschweiler: Ihr wurde im Rahmen einer Feier bei der Handwerkskammer Koblenz der Platin-Meisterbrief überreicht (die NZ berichtete). Vor 70 Jahren hat die 92-Jährige ihre Meisterprüfung als Damenschneiderin abgelegt.

    Geboren wurde Alice Reinhard 1925 in Tiefenstein, damals noch ein selbstständiges Dorf, und ihre Bindung dorthin ist niemals abgerissen. „Wir waren damals 40 Schüler in der Abschlussklasse“, erinnert sie sich. „Und zu vielen ist der Kontakt dann ein Leben lang bestehen geblieben.“

    Unbedingt einen Beruf lernen

    Ihr Vater August Dreher war Edelsteinschleifer und die Mutter Hausfrau. Anders als die meisten ihrer Altersgenossinnen wollte Alice Reinhard unbedingt einen Beruf lernen, während die meisten Mädchen nach der Schule lieber in die Fabrik gingen, um schnell Geld zu verdienen. Nach dem Abschluss der Volksschule – das war im Jahr 1939 – galt es zunächst einmal, ein sogenanntes Pflichtjahr zu absolvieren, das ein Jahr zuvor eingeführt worden war und ein Jahr Arbeit in der Haus- und Landwirtschaft bedeutete.

    Ihre Lehre begann Alice Dreher am 15. April 1940 bei der Damenschneidermeisterin Maria Raßweiler in Idar. Ihre Lehrherrin war eine Institution in der Stadt und fungierte auch als Obermeisterin der Innung. Schneiderin war für Alice Reinhard immer der Traumberuf gewesen, bereits als Kind nähte sie fleißig Puppenkleider, und schon die Mutter sagte ihr, wenn sie nach Hause kam, sie solle sich lieber an die Nähmaschine setzen, als im Haushalt zu helfen. „Ein Tag, an dem ich nicht an der Maschine saß, war ein verlorener Tag“, blickt sie zurück.

    1943 bestand Alice Reinhard die Gesellenprüfung mit einem ausgezeichneten Ergebnis und bereits 1947 die Meisterprüfung. Kurz darauf machte sie sich selbstständig. „Nach der Lehre bekam ich als Gesellin 50 Pfennige in der Stunde, als ich bei Frau Raßweiler aufhörte, waren es 83 Pfennige. Das war auch für damalige Verhältnisse nicht viel.“ Als Selbstständige arbeitete sie im Haus der Eltern, der Vater hatte an die alte fußgetriebene Nähmaschine einen Elektromotor angebaut, sodass sie fast professionell arbeiten konnte. „Bei Frau Raßweiler hat nur sie an der Maschine gearbeitet, meine Kolleginnen und ich mussten alles mit der Hand machen.“

    Schon ein Jahr später heiratete sie mit 24 den Edelsteinschleifer Erich Reinhard aus Kirschweiler und zog in dessen Elternhaus ein, wo sie mit drei Generationen unter einem Dach wohnten. Außer der Schleiferei war jetzt noch eine weitere Werkstatt im Haus, nämlich die Schneiderei von Alice Reinhard in der Küche, wo auch gleich anprobiert, abgesteckt und abgeändert wurde. „Ich hatte gut zu tun“, erinnert sie sich. „Die Männer kamen aus der Gefangenschaft, und es wurde viel geheiratet.“

    Außerdem wurde damals noch nicht so viel Kleidung von der Stange gekauft. „Es gab in den Geschäften noch nicht so viele unterschiedliche Größen, deshalb war es ganz normal, zum Schneider zu gehen, wenn man etwas haben wollte, was auch passt“, erklärt sie. Ihre Kundinnen kamen mit Heften oder Modezeitschriften, die Modelle hat sie dann entweder übernommen oder abgeändert, manchmal auch etwas Eigenes entworfen.

    Einen Riesensprung machte die Entwicklung 1952. Da kam das erste „Burda“-Heft mit seinen bekannten Schnittmustern heraus. Längst nicht jede Frau konnte danach ihre Kleider selbst nähen, zumal ja auch nicht alle eine Nähmaschine hatten. Für Alice Reinhard machten die Muster die Arbeit jedenfalls deutlich einfacher.

    Mehrfachbelastung zeigt Wirkung

    Allerdings machte schon nach fünf Jahren die Gesundheit aufgrund der Mehrfachbelastung von Selbstständigkeit, Kindern und Haushalt nicht mehr mit, sodass sie ihren Betrieb aufgeben musste. Das Schneidern blieb aber dennoch lebenslang ihre Leidenschaft, bis das Rheuma in ihren Händen auch das nicht mehr erlaubte. Besonders hat sie sich darüber gefreut, dass sie das Hochzeitskleid ihrer Enkelin vor einigen Jahren noch selbst nähen konnte. Und dass sie mit der Gartenarbeit noch eine weitere Leidenschaft hat, die sie auch heute noch ausüben kann.

    Von unserem Reporter
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