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    Idar-Oberstein

    Shakespeare im Jugendklub und auf dem Sozialamt

    Über einen sehr guten Besuch beim Premierenabend mit fast 400 Besuchern konnten sich Organisatoren und Mitwirkende der Inszenierung von „Romeo und Julia aktuell“ freuen, mehr als 200 waren es dann noch einmal bei der Schulvorstellung gestern Vormittag im Stadttheater. Bei dem Projekt der Jugendtheatergruppe des Jugendamtes, das von Schauspielerin und Regisseurin Kathy Becker geleitet wurde, forschten Jugendliche und junge Erwachsene verschiedener Nationalitäten der Aktualität des Stoffes nach. Sie wurden schnell fündig und fanden die verfeindeten Familien der Montagues und Capulets in der Gruppe der Einheimischen und Migranten wieder.

    Frau Montague (Rebecca Reinhard) hat für ihren Sohn Romeo (Anna-Lena Lommatzsch, links) herzlich wenig Zeit und genau so wenig Verständnis für die Anliegen des Flüchtlings Capulet (Ibrahim Nassar, rechts).  Foto: Hosser
    Frau Montague (Rebecca Reinhard) hat für ihren Sohn Romeo (Anna-Lena Lommatzsch, links) herzlich wenig Zeit und genau so wenig Verständnis für die Anliegen des Flüchtlings Capulet (Ibrahim Nassar, rechts).
    Foto: Hosser

    Frau Montague ist Sachbearbeiterin in der Leistungsabteilung des Sozialamtes, für ihren Sohn Romeo hat die Alleinerziehende, die lustlos ihren Job herunterreißt und den im Leben verpassten Vergnügungen hinterherläuft, herzlich wenig Zeit und Aufmerksamkeit übrig. Herr Capulet ist Flüchtling aus Afghanistan und durch den Krieg in seinem Heimatland zum Krüppel geworden. Durch ihre Begegnungen auf dem Sozialamt, die von Unverständnis und wechselseitiger Ablehnung der Art und Lebenswelt des jeweils anderen geprägt sind, hat sich eine tiefe gegenseitige Abneigung gebildet. Capulet führt seine Familie patriarchalisch-autoritär, wobei der Neffe Tybalt höher in seiner Wertschätzung zu stehen scheint und größere Freiheiten genießt als seine Tochter Julia, der er mit einer Strenge begegnet, die allerdings noch von der ihres Cousins übertroffen wird.

    Die Inszenierung knüpft personell und ästhetisch an das Theaterprojekt „Die Dilettanten“ an, bei dem junge Menschen aus der Region ihre Hoffnungen und Ängste, ihre Pläne und Planlosigkeit auf die Bühne brachten. Eine eigene feste und verlässliche Größe bei den Inszenierungen Kathy Beckers ist das Bühnenbild ihres Lebensgefährten Dettmer Fischbeck, dem es auch dieses Mal wieder gelungen ist, mit einfachen wie wirkungsvollen Mitteln eine ebenso variable wie aussagekräftige Ausstattung buchstäblich im Baukastensystem zu schaffen. Darüber hinaus hat Fischbeck eine längere, sehr eindrucksvolle und mitreißende Filmsequenz geschaffen, die sozusagen für den gesamten Mittelteil des shakespearschen Dramas steht, an dessen Struktur die Jugendlichen sich ansonsten sehr stark orientiert haben, inklusive der aus der Rivalität der Familien entstehenden Fechtkämpfe mit tödlichem Ausgang, die eigens von Jörg Mielke einstudiert wurden. Neben dem Bühnenbild ist es auch die fast ständige präsente Popmusik, die das Gefühl der Jetztzeit vermitteln und etwa die Atmosphäre eines Jugendklubs schaffen. Aus der Nähe zum Original resultiert auch der einzige größere Schwachpunkt des Stückes. Musste schon Shakespeare in seinem einige logische Klimmzüge machen, um zu dem gewünschten Ergebnis – dem unglücklichen, weil eigentlich ungeplanten gemeinsamen Selbstmord der beiden Liebenden – zu kommen, so wirkt der Drogentod der beiden im Jugendklub am Ende doch arg an den Haaren herbeigezogen.

    Immerhin führt er zum erwünschten Schluss: Die Versöhnung der verfeindeten Familien, die erst durch die gemeinsame Trauer möglich gemacht wird, eine zeitlose und universelle Botschaft, die leider aktueller denn je ist. Einmal mehr ist es Becker gelungen, mit jungen Darstellern eine berührende Inszenierung zu erarbeiten und sie zu hervorragenden schauspielerischen Leistungen zu führen. Sie hat aus einheimischen und immigrierten jungen Leuten ein Ensemble ohne Schwachpunkte geformt, aus dem Ibrahim Nassar in der Rolle des Vater Capulet besonders herausragt. Lob gebührt allen Beteiligten auch dafür, dass sie bis in die Nebenrollen hinein – wie etwa eine Jugendsozialarbeiterin oder eine Putzfrau – lebendige und glaubwürdige Charaktere geschaffen haben.

    Von unserem Reporter Jörg Staiber

    Die Mitwirkenden

    Anna-Lena Lommatzsch: Romeo Frieda Becker: Julia

    Rebecca Reinhard: Frau Montague Lisa Marie Neeß: Benny Montague Robel Kidane: Mercutio

    Ibrahim Nassar: Herr Capulet

    Zain Nameh: Tybalt Capulet

    Shahem Elfeel: DJ Shames,

    Pauline Vogt: Greta:

    Leonie Völker: Steffi Schwindler Linda Müller: Petra

    Abdalla Haj Awad: Besucher

    Für Bühne, Licht und Video zuständig: Dettmer Fischbeck

    Maske: Jenny Seibel

    Fechttraining und -choreografie: Jörg Mielke

    Die Regie und Gesamtleitung des Stücks hat die Herrsteinerin Kathy Becker.

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