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Hoppstädten-Weiersbach

Neujahrsempfang: Zwei besonders geehrte Männer und ein spannender Blick auf die Welt von morgen

Das war am Dienstagabend kein Neujahrsempfang von der Stange. Üblicherweise laufen Veranstaltungen dieser Art nach Schema F ab: Handschlag am Eingang und dazu ein Glas Sekt, dann Platz nehmen und zuhören, wie der Hausherr eine lange Liste an illustren Teilnehmern abarbeitet und sodann zurück sowie nach vorn blickt. Es folgen ein Vortrag zu Thema X oder Y und nach Abschluss des offiziellen Parts das Beisammensein mit Zeit für lockere Gespräche.

Gastgeber, Gastredner Jörg Heynkes (2. von rechts) und die beiden Geehrten – Ernst Theilen (links) und Arnold Meiborg (3. von rechts) – stellten sich am Rande des Neujahrsempfangs von Hoppstädten-Weiersbach, Stadt und VG Birkenfeld sowie der Hochschule Trier zum Gruppenbild auf.  Foto: Reiner Drumm
Gastgeber, Gastredner Jörg Heynkes (2. von rechts) und die beiden Geehrten – Ernst Theilen (links) und Arnold Meiborg (3. von rechts) – stellten sich am Rande des Neujahrsempfangs von Hoppstädten-Weiersbach, Stadt und VG Birkenfeld sowie der Hochschule Trier zum Gruppenbild auf.
Foto: Reiner Drumm

Zwar gehörten mehrere der oben beschriebenen Bestandteile auch zum gemeinsamen Neujahrsempfang von Stadt und VG Birkenfeld, der Gemeinde Hoppstädten-Weiersbach und der Hochschule Trier im Kommunikationsgebäude des Umwelt-Campus Birkenfeld (UCB) dazu, aber diesmal erwartete die rund 420 geladenen Gäste nicht nur eine große Überraschung, sondern es gab mit Jörg Heynkes einen Referenten, der in sehr packender Manier ein Schlaglicht auf eine rasante Entwicklung warf. Danach dürfte so mancher Zuhörer – frei nach dem Titel des großen Zukunftsromans von Aldous Huxley – wohl nicht so genau gewusst haben, ob er dieser „schönen neuen Welt“ hoffnungsfroh oder doch mit einem gewissen Maß an Bangigkeit entgegensehen soll.

Ein Paradebeispiel für Zähigkeit

Kaum hatte VG-Bürgermeister Bernhard Alscher, der darauf verzichtete, eine Bilanz 2017 zu ziehen und die aus seiner Sicht wichtigsten Projekte 2018 im Birkenfelder Land vorzustellen, seine Begrüßung beendet, bat er zwei besondere Gäste auf die Bühne: den früheren Ortsbürgermeister von Hoppstädten-Weiersbach, Arnold Meiborg, sowie Ex-Landrat Ernst Theilen. Deren große Verdienste um die Umwandlung des einstigen US-Lazaretts in eine moderne Hochschule und der damit einhergehende Ausbau einer zivilen Infrastruktur auf dem Militärareal sollte auf Beschluss des zuständigen Zweckverbands Projektentwicklung Umwelt-Campus Birkenfeld noch zu Lebzeiten eine besondere Würdigung erfahren.

Und so verkündete Alscher, dass die 2015 fertiggestellte Sporthalle am UCB fortan „Arnold Meiborg-Halle“ heißen wird. Insbesondere für dieses Projekt hatte sich der Ehrenbürger von Hoppstädten ebenso wie für den geplanten Bau des Kunstrasenplatzes, für den vor wenigen Tagen die Zuschussbewilligung des Landes eingetroffen ist, jahrelang starkgemacht. „Arnold Meiborg ist ein Paradebeispiel für die Zähigkeit, an einem Thema dranzubleiben“, lobte Alscher.

Kreisel bekommt neuen Namen

Nach Ernst Theilen wird der Platz am Kreisel in Sichtweite des Zentralen Neubaus am UCB und der Bürogebäude des Oak Gardens benannt. In dessen Mitte thront eine bewegliche Fotovoltaikanlage. „Für mich war sie schon immer Ausdruck der Innovationskraft, die der Campus hat“, betonte Theilen, der auch im Namen von Meiborg schmunzelnd hinzufügte: „Wir freuen uns natürlich sehr über diese besondere Ehrung. Denn in der Regel ist es ja so, dass man sie erst bekommt, wenn man nichts mehr davon hat.“

Apropos Innovationskraft: Genau dieser Blick auf die technologischen Entwicklungen, die schon in naher Zukunft das Leben unserer Gesellschaft nachhaltig verändern werden, stand anschließend im Mittelpunkt des Vortrags, der unter der Überschrift „Die große digitale Transformation“ stand. Jörg Heynkes, Unternehmer und Umweltberater aus Wuppertal, wurde 2016 als Träger des deutschen Solarpreises ausgezeichnet. Er zeigte unter anderem mithilfe eingespielter Werbefilme von weltbekannten Firmen auf, warum die Menschheit an der Schwelle zur vierten industriellen Revolution steht. Deren Grundlage sind künstliche Intelligenz und digital vernetzte Systeme, die auf einem Planeten, auf dem aktuell 7,3 Milliarden Menschen leben, Lösungen für drei zentrale Themen finden müssen: Ernährung, Energie und Mobilität.

Ob Google, Apple, Microsoft, Amazon oder Facebook: Allein das Ranking der wertvollsten Marken 2017 beweist, dass die Zukunft datenbasierten Unternehmen gehört. Und das Rad des Fortschritts dreht sich rasant weiter. So hat das Start-up-Unternehmen Wavery Labs aus New York schon jetzt eine Technologie entwickelt, bei der auf Knopfdruck im Ohr Simultanübersetzungen in alle erdenklichen Sprachen möglich sind.

Noch ein Beispiel: Bislang sind Roboter nur hilfreiche Genossen in der Großindustrie – etwa bei Autobauern. Doch die Maschinen werden immer humanoider. Eindrucksvoll belegt wurde das durch Filme, die zum einen 2013 den von der Firma Honda entwickelten Roboter Asino zeigten. War der noch recht ungelenk, so demonstrierten die nur dreieinhalb Jahre später entstandenen Aufnahmen vom Roboter Atlas des Unternehmens Boston Dynamics, wie sich die Beweglichkeit dieser künstlichen Wesen frappierend verbessert hat.

Auch autonomes Fahren wird für Heynkes keine ferne Zukunftsvision mehr sein. „Wir bekommen alle einen Chauffeur“, ist er überzeugt. 2021 werden die ersten Autos dieser Art, die nicht nur von altehrwürdigen Unternehmen aus der Branche wie Mercedes Benz, sondern zum Beispiel auch von Google entwickelt werden, auf die Straße kommen, prophezeite der Referent. Und wie lange dauert der Wandel, bis das autonome Fahren die herkömmliche Art des Fahrens verdrängt haben wird? „Das ist Spekulation. Aber ich denke, dass die Nummer 2030 durch ist“, glaubt Heynkes.

Ein Burger für 325.000 Dollar

Das mag – wie bei einigen anderen Punkten, die er an diesem Abend anspricht – als steile, ja sogar provokante These erscheinen. Doch Heynkes hält denen, die an der Macht des Fortschritts zweifeln, zwei Bilder aus der Vergangenheit entgegen. Das eine entstand 1900 in New York und zeigt eine Straße, auf der nur Pferdedroschken unterwegs waren. Das zweite wurde nur zwölf Jahre später, also 1912, an derselben Stelle geschossen und belegt: Die Pferdefuhrwerke sind komplett verschwunden, ausschließlich Automobile beherrschen das Bild.

Schwarmmobilität, also die gemeinsame Nutzung von Fahrzeugen, wird den Verkehr vor allem in Großstädten völlig verändern und dort wieder zu sauberer Luft und mehr Entwicklungsraum führen, weil nicht mehr so immense Flächen für Parkplätze vorgehalten werden müssen. Fest glaubt Heynkes auch an Fortschritte bei der Speichertechnologie und betont, dass eine Versorgung mit 100 Prozent erneuerbarer Energie schon bald möglich sein wird. „Wir müssen es nur tun“, sagt der Referent aus Wuppertal und verweist auf ein Gutachten, das die renommierte US-Bank Morgan Stanley in Auftrag gegeben hat, wonach bereits im Jahr 2020 die erneuerbaren Energien die preisgünstigste Energiequelle sein werden.

Auch ein Ende der Massentierhaltung und ein „Kippen dieses Marktes“ hält Heynkes für ein realistisches Szenario. Denn um die Menschheit besser ernähren zu können, könnte In-vitro-Fleisch, also synthetisch im Labor hergestellte Lebensmittel, die Lösung sein. Die Machbarkeit dafür hatte der Forscher Mark Post 2013 schon nachgewiesen. Damals hätte der Burger aus der Petrischale aber noch 325.000 US-Dollar gekostet. Heute kann er schon zum Preis von 11 Dollar verkauft werden.

„Alles ist also in Bewegung, und nichts bleibt, wie es ist“, betonte Heynkes. Sein Credo lautet dabei, dass die praktisch unaufhaltsame digitale Transformation mehr Chancen als Risiken birgt. Dafür muss jedoch eine Voraussetzung erfüllt sein: „Es wird ein Kampf sein, dass der Mensch im Zentrum des Prozesses bleibt und ihn in Griff behält. Denn wenn er aus den Fugen gerät, bekommen wir ein Problem.“ Deshalb sind nach Auffassung des Gastredners zum einen klare Regeln und Kontrolle nötig, zum anderen bedarf es laut Heynkes bei der Umgestaltung unseres Lebens aber eines: Mut.

Von unserem Redakteur Axel Munsteiner

Idar-Oberstein Birkenfeld
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