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Idar-Oberstein

"Macbeth" als Puppenspiel: Kasperles Geburtstag endet blutig

"Macbeth für Anfänger" – der Titel weckt Zutrauen beim Ticketkauf, baut Barrieren ab. Anfangen ist immer gut. Der Titel bezieht sich aber gar nicht aufs Publikum, sondern auf die Puppen, die endlich mal was Großes beginnen wollen, nicht immer nur Kasperletheater.

Charakterstark und gar nicht kindisch wirkt die Kasperlefigur, die im wie immer blutigen Drama "Macbeth" die Hauptrolle spielt.  Foto: Hosser
Charakterstark und gar nicht kindisch wirkt die Kasperlefigur, die im wie immer blutigen Drama "Macbeth" die Hauptrolle spielt.
Foto: Hosser

Von unserer Mitarbeiterin Jutta Gerhold

Ein bisschen erstaunt reagieren die 150 Zuschauer, die vom Schloss ins Stadttheater umdirigiert worden waren, schon, als der Puppenspieler Tristan Vogt ihnen eröffnet, "Macbeth" könne nicht stattfinden, weil die Puppen noch nicht fertig seien, und stattdessen "Die gestohlene Geburtstagstorte" dargeboten werde. Im Dunkel der großen Bühne hat die kleine Truppe "Thalias Kompagnons" einen grau melierten Quader aufgerichtet, matt angestrahlt. Vogt kriecht in seinen Kasten, aus dem heraus er die Puppen bewegt, und oben öffnen sich die Läden.

Klassisches Puppenspielensemble

Man sinkt in den bequemen Sessel und in die Kindheitserinnerungen zurück und folgt dem waschechten Kasperle und den klassischen Figuren des Ensembles, dem hübschen Krokodil, dem Briefträger, der Großmutter, wie sie Kasperles Geburtstag und sein Liebeswerben organisieren. Wohl dem, der ein Opernglas zur Hand hatte: Die Puppenköpfe sind überraschend klein geraten.

Auf der sehr übersichtlich gestalteten Internetseite der Truppe kann man die liebevolle kunstfertige Gestaltung der Handpuppen bewundern. In Erstaunen versetzt auch Vogts Kunst. Jeweils drei Finger seiner Hände lenken virtuos die Puppen. Jedem Charakter ordnet er einen Dialekt zu. So spricht der Briefträger Sächsisch ("O Grääun"), das Krokodil Ostpreußisch, und Seppls "Doi, doi, doi" weist auf die Heimat des Schauspielers hin, das fränkische Nürnberg, wo es bekanntlich kein t gibt. Vogt zieht alle Register seiner modulierfähigen Stimme. Großmutters "Froh zu sein bedarf es wenig" und "Guter Mond, du geht so stille" sind hübsch anzuhören. Im gemütlichen ersten Teil wird viel gelacht, zum Beispiel, wenn das Krokodil sich mit einer grünen Fliege unkenntlich macht oder es bei "Schwimm, schwimm, platsch, plitsch" davonzieht. Kasperle hat sich, ungeachtet seiner pubertär krächzenden hohen Stimme, in den Kopf gesetzt, nun doch den Macbeth zu geben, und beginnt sein Casting.

Die Puppen entziehen sich der Autorität des Puppenspielers und die Handlung um Kaspers blutiges Intrigenspiel um die Königskrone nimmt ihren Lauf. Die Eitelkeit, große Monologe sagen zu dürfen, lockt sie – und sie werden zu tragischen Figuren. Indem sie Shakespeares Worte sprechen, müssen sie ihre Rollen erfüllen.

Katastrophe bleibt nicht aus

Seppl hat durch unglaublich drastisches Fluchen bewiesen, dass er Lady Macbeth darstellen kann, der Briefträger ist Duncan: "Das ist einfach, der stirbt zuerst!" Kaspers Flehen – "Ich will zurück zu meiner Geburtstagstorte" – berührt zutiefst. "Der Satz jagt selbst mir beim Spielen jedes Mal einen Schauer über den Rücken", bekennt Vogt. Das riesige Schwert, einziges Requisit und von Anfang an im Spiel, tut, was es in sämtlichen Macbeth-Adaptionen seit dem 17. Jahrhundert getan hat: Es tötet, diesmal sogar unwiderruflich Kasper. Seppl-Lady Macbeth stürzt sich in die Tiefe. Das Publikum leidet mit den sympathisch-naiven Puppen: Diesmal hätte die Katastrophe vermieden werden können.

Ungläubig sitzen die Zuschauer im Dunkeln. Vogt tritt heraus, zögernd setzt der Beifall ein. "Der Kasper ist tot, Sie können gehen!" Das Publikum ruft nach Kasper, vergeblich. Die klugen Autoren Gigio Brunello und Gyula Molnàr haben die naiven Puppen benutzt, um uns Macbeths gefährliches Machtspiel tief ins Bewusstsein eindringen zu lassen. Für Anfänger? 70 Minuten später ist man auf jeden Fall fortgeschritten.

Idar-Oberstein Birkenfeld
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