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    Kreis Birkenfeld

    Kleine Prellung hat dramatische Folgen: Idar-Obersteiner prangert Behandlungsfehler im Krankenhaus an

    Es ist ein Tag wie viele andere auch. Stefan Neuberger steht um 6 Uhr auf, trinkt seinen Kaffee. Draußen ist es bitterkalt. Der damals 45-Jährige arbeitet als Kfz-Mechaniker und Reisebus-Fahrer bei der Bohr-Omnibus GmbH in Lautzenhausen. Er wohnt in Gollenberg. Reisebusse fahren, an Fahrzeugen schrauben: Er liebt seinen Beruf. Mit einer netten Truppe zum Helene-Fischer-Konzert, zum Bayern-München-Spiel, zum Oktoberfest: Neuberger sagt noch heute, dass es nichts Schöneres gibt.

    Stefan Neuberger (48) aus Idar-Oberstein wälzt unzählige Akten, die seinen Fall betreffen – und er hat täglich unbeschreibliche Schmerzen. Foto: Vera Müller
    Stefan Neuberger (48) aus Idar-Oberstein wälzt unzählige Akten, die seinen Fall betreffen – und er hat täglich unbeschreibliche Schmerzen.
    Foto: Vera Müller

    An jenem 7. Januar 2015 verletzt er sich morgens in der Werkstatt. „Ich schlug beim Anziehen einer Schraube mit dem Handrücken der linken Hand an ein Rahmenteil von einem Bus. Eigentlich nur eine kleine Verletzung, wie sie bei so einem Job immer wieder mal passieren kann.“ Diese kleine Prellung an der anschwellenden Hand zieht allerdings eine Geschichte nach sich, die unvorstellbar erscheint.

    Der heute 48-Jährige quält sich täglich mit heftigen Schmerzen, ist querschnittsgelähmt: Ohne Rollator geht nichts. Er ist auf einen Katheter angewiesen, auch die Sexualfunktionen sind nicht mehr vorhanden. Neuberger sagt selbst: „Ich hänge am Leben. Aber natürlich denkt man schon mal darüber nach, sich eine Pistole an den Kopf zu setzen. Wenn ich gewusst hätte, was ich alles erleben muss, dann hätte ich mich wohl umgebracht.“

    Beim NZ-Gespräch in seiner Wohnung in Idar-Oberstein – seine Lebensgefährtin Rita (52) sitzt dabei – stellt er klar: „Hätte ich diese wunderbare Frau nicht im Januar bei der Reha kennengelernt, wüsste ich nicht, wie es gehen soll.“

    Neuberger erzählt seine dramatische Geschichte weiter, das Reden fällt ihm zunehmend schwer, traumatisch sind seine Erlebnisse: „Ich fuhr zur Untersuchung nach Birkenfeld ins Klinikum.“ Die Hand wird geröntgt, eine Gipsschiene zur Ruhigstellung angelegt. Bei den wöchentlichen Untersuchungen stellen die Ärzte jedoch fest, dass die Schwellung an der Hand nicht zurückgeht. Ein MRT und eine ambulante OP brachten das Ergebnis, dass eine Fingersehne gequetscht war: „Ich war erst einmal beruhigt.“ In den folgenden Wochen heilt die Wunde der OP sehr gut, die Schwellung geht immer noch nicht zurück.

    Schmerzen steigern sich von Tag zu Tag

    „Als ich mich am 18. Februar 2015 wieder in der Ambulanz des Klinikums Birkenfeld vorstellte, sagte man mir, dass ich wahrscheinlich eine seltene Knochenhaut-Erkrankung namens Morbus Sudeck hätte. Man schlug mir eine Cortisonbehandlung im Krankenhaus vor, die eine stationäre Aufnahme für etwa 14 Tage beinhaltet.“

    Als Neuberger am 23. Februar 2015 ins Krankenhaus geht, hängt man ihm sofort eine Infusion an. Als er am nächsten Tag aufwacht, hat er sehr starke Rückenschmerzen im Bereich der Lendenwirbel. Die Schmerzen steigern sich von Tag zu Tag. Ein CT wird gemacht, eine Magensonde gelegt, erinnert sich Neuberger. Ein Urologe wird hinzugezogen. Von einem banalen Hexenschuss ist plötzlich die Rede.

    Am rechten Unterarm entzündet sich ein Infusionsnadel-Einstich: „Der Eiter lief beim Wechsel der Nadel einfach so heraus …“ Auch die linke Schulter schmerzt.

    „Man verabreichte mir nur immer weiter Cortison und gab mir Schmerzmittel. Nachts brach ich plötzlich vor Schmerzen zusammen, sodass ich in der Ohnmachtsphase wohl gesagt habe, dass ich mich am liebsten wegen der Schmerzen umbringen würde.“

    Eine Reaktion mit Folgen: „Am Morgen nahm man mich aus meinem Zimmer und überwies mich nach Idar-Oberstein in die Psychiatrie. Dieses sogar mit Androhung der Polizei. Ich ließ mich verlegen, weil ich unbedingt dort raus wollte. Es war so gegen 17 Uhr. Ein Psychiater ging daraufhin mit mir in den Raucherraum, da ich raus zum Rauchen wollte. Wir unterhielten uns – ich unter sehr starken Schmerzen – und er sagte mir dann im Zuge des Gesprächs: ‚Herr Neuberger ,Sie haben nichts Psychisches, Sie haben doch Schmerzen. Das sehe ich doch Ihnen ganz klar an.‘ Ich war erleichtert. Endlich glaubte man mir.“ Das sei überhaupt das Allerschlimmste: „Ich habe mich voller Vertrauen in ärztliche Obhut gegeben. Ich habe immer wieder gesagt, dass ich Schmerzen habe. Und keiner hat mir geglaubt oder entsprechend reagiert.“

    Der Psychologe erklärt, er könne keine weiteren Schmerzmittel verabreichen, da Neuberger vom Klinikum Birkenfeld schon total mit Cortison, Paracetamol und Morphium vollgepumpt sei. „Ich blieb dann dort über Nacht und wurde am nächsten Tag auf eine andere Station verlegt. Man schnitt mir auch die rechte Hand auf, um den Eiter des Abszesses aus der Hand abzulassen. Die Diagnose war niederschmetternd. Ich hatte einen Abszess im Lendenbereich, einen Abszess in der Schulter, einen Abszess in der Lunge und einen Abszess in der rechten Hand. An diesem Donnerstag befand ich mich in einer lebensbedrohlichen Situation. Am nächsten Tag sagte mir ein Arzt, dass die Abszesse ausgeräumt und ausgespült seien: und dass ich leider jetzt querschnittsgelähmt sei …“

    Der Abszess in der Lunge wurde durch eine lange Antibiotika-Behandlung geheilt: „Dies alles geschah dadurch, dass ich mir im Klinikum Birkenfeld den sogenannten Krankenhauskeim MRSA eingefangen hatte“, sagt er. Neuberger hat Anzeige gegen zwei Ärzte erstattet, die ihn behandelt haben. Nach Informationen der NZ ermittelt die Staatsanwaltschaft. Weitere Gutachten mit Blick auf die juristischen Schritte werden in den nächsten Monaten folgen, weiß Neuberger, der aktuell berentet ist und von Rücklagen in einem Mietshaus lebt.

    Er sagt achselzuckend: „Ich habe mich abgefunden. Was soll ich sonst machen? Mir geht es nicht um Geld. Mir geht es darum, dass die Ärzte, die damals falsch reagiert haben, nicht mehr weiter behandeln dürfen und Patienten sensibilisiert werden.“ Statt Reisebus zu fahren, beschäftigt er sich nun mit Modellbau. Und einen großen Wunsch hat er: In der VOX-Sendung „Höhle der Löwen“ hat er jüngst den bewegenden Auftritt von Dindia Gutmann und ihrer Mutter Anna Vonnemann gesehen. Dindia Gutmann hat vor ihrer Geburt einen Schlaganfall erlitten. Sie ist halbseitig gelähmt, hat Bewegungseinschränkungen, Gleichgewichts- und Koordinationsschwierigkeiten. Trotz aller Therapien prophezeiten die Ärzte Dindia eine Zukunft im Rollstuhl. Mutter Anna lötete auf dem Küchentisch ein künstliches Gleichgewichtsorgan zusammen. Das Gerät ist am Körper befestigt und sendet über Sensoren kleine Elektroschocks: Die heute 26-jährige Dindia kann damit selbstständig gehen. Mutter und Tochter wollen, dass das medizinische Gerät weiterentwickelt und anderen Patienten zugänglich wird. „Ich würde die Mutter gern kennenlernen, mit ihr in Kontakt kommen. Vielleicht wäre das was für mich, eines Tages, formuliert Neuberger eine klitzekleine Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

    Krankenhaus-Chefin Lindemann weist Vorwürfe zurück

    Michaela Lindemann, Direktorin des Krankenhauses Birkenfeld, schildert den Fall auf Nachfrage unserer Zeitung so: „Beim Morbus Sudeck handelt es sich um ein komplexes regionales Schmerzsyndrom, welches definiert ist als ein posttraumatisches Schmerzsyndrom einer Extremität, bei dem die Schmerzen im Vergleich zum erwarteten Heilungsverlauf unangemessen stark ausgeprägt sind. Die Häufigkeit liegt bei 5 pro 100 000 im Jahr. Die Therapie besteht in frühzeitiger Vergabe von Cortikosteroiden. Ergänzend wird eine symptomatische Schmerztherapie eingesetzt sowie eine CRPS-Physiotherapie/Ergotherapie, die auch verhaltenstherapeutische Elemente enthält.“ Der Krankenhaus-Versicherer hatte ein Gutachten bei der Universität Düsseldorf eingeholt.

    Dieses Gutachten bestätige, dass die medikamentöse Therapie eine Analgesie (Ausschalten von Schmerzen) umfasste sowie die Durchführung einer Hochdosis-Dexamethason (Entzündungshemmer)-Therapie, die den Leitlinien zu diesem Krankheitsbild entsprochen habe.

    Während des stationären Aufenthaltes habe der Patient über Schmerzen im Rücken geklagt, dies erstmalig am 1. März 2015. In Folge und zur Abklärung dieser Schmerzen wurden weitergehende Untersuchungen durchgeführt, anhand derer keine wegweisenden Befunde erhoben werden konnten, weist Lindemann Neubergers Vorwürfe von sich.

    Alles sei den üblichen Weg gegangen: Vor dem Hintergrund der beschriebenen Rückenschmerzen des Patienten sei eine Stufendiagnostik eingeleitet worden. Auf der Basis eines pathologischen Befundes auf dem Gebiet der Psychiatrie sei eine Verlegung des Patienten in die Psychiatrie erfolgt. „Die Tatsache, dass von unserer Versicherung zunächst eine Zahlung geleistet wurde, ist der damaligen Annahme geschuldet, dass ein Zusammenhang zwischen der Medikamentengabe des Dexamethasons und dem späteren Abszess bestehen könnte. Dies wurde jedoch durch das erst danach eingeholte Gutachten von Prof. Dr. Lödgers widerlegt. Weitere Zahlungen erfolgten daher nicht mehr“, stellt die Krankenhaus-Chefin ihre Sichtweise klar.

    Neuberger befindet sich in psychologischer Behandlung. Er nippt an seinem Kaffee und sagt kopfschüttelnd: „Ärzten, den angeblichen Halbgöttern in Weiß, vertraue ich sicher nicht mehr.“

    Von unserer Redakteurin Vera Müller

    Morbus Sudeck - Was ist das?

    Anhaltende, starke Schmerzen an Arm oder Bein, für die sich keine Ursache finden lässt, bezeichnen Ärzte als Morbus Sudeck.

    Meist geht eine Verletzung, ein Unfall oder eine Operation an den betroffenen Gliedmaßen voraus.

    Noch immer tappen Ärzte und Wissenschaftler bezüglich der Krankheitsursachen im Dunkeln.

    Idar-Oberstein Birkenfeld
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