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    Kreis Birkenfeld

    Fünf Jahre nach „Schwer verliebt“: Drama in Sarahs neuer Heimat

    "Meinen Glauben an die Liebe können sie mir nicht nehmen. Liebe ist stärker als der Hass." So steht es in Sarahs Tagebuch, das sie unserer Zeitung im November 2011 zur Verfügung stellte. Nun verdichten sich die Anzeichen, dass die junge Frau, die damals so gern lachte, sich nicht unterkriegen ließ und ein Fan von Lady Gaga war, möglicherweise nicht mehr lebt. Eine Polizeimeldung führt zu dieser schrecklichen Vermutung.

    In diesem Haus in Alt Rehse/Neubrandenburg lebte Sarah nach ihrem Wegzug aus Fischbach im Kreis Birkenfeld. Im Internet hatte sie einen Mann kennengelernt. 
    In diesem Haus in Alt Rehse/Neubrandenburg lebte Sarah nach ihrem Wegzug aus Fischbach im Kreis Birkenfeld. Im Internet hatte sie einen Mann kennengelernt. 
    Foto: Crimespot

    Von unserer Redakteurin Vera Müller

    Nachdem am Dienstag in einem Wohnhaus in Alt Rehse/Neubrandenburg eine Leiche gefunden worden war, konnte im Rahmen der Obduktion festgestellt werden, dass es sich um eine Frau handelt. Aufgrund des starken Verwesungsgrades des Körpers sind bislang weder eine Identifizierung noch die Feststellung der Todesursache möglich. Der 51-jährige Wohnungsinhaber wurde bereits am Dienstag festgenommen und befindet sich gegenwärtig im polizeilichen Gewahrsam.

    Die Ermittlungen der Kriminalpolizei Neubrandenburg dauern nach wie vor an. Dem Beschuldigten wird Körperverletzung mit Todesfolge vorgeworfen, wie die Sprecherin der Staatsanwaltschaft Neubrandenburg, Beatrix Komning, betont. Er habe Angaben zu der Leiche gemacht, die aber aus ermittlungstaktischen Gründen nicht erläutert würden, sagt sie. Gesicherte Erkenntnisse über die Identität der Toten lägen noch nicht vor und seien erst in ein paar Tagen zu erwarten. Die Polizei war ursprünglich wegen einer Ruhestörung zu dem Haus gerufen worden: Am frühen Morgen hatte der Mann Trompete gespielt.

    Bei der Frauenleiche könnte es sich durchaus um Sarah handeln. Ist das möglicherweise das Ende einer Geschichte, wie sie tragischer nicht sein könnte? Sarah H. (32) suchte vor fünf Jahren die große Liebe. Sie war Kandidatin der Sat.1-Kuppelshow "Schwer verliebt" und erlangte zweifelhaften Ruhm: Mit unzähligen Barbie-Puppen hatte sich die damalige Fischbacherin eine Fantasiewelt aufgebaut, die ihr nach den TV-Sendungen allerlei Hohn und Spott in den sozialen Netzwerken einbrachte.

    Viele sorgten sich, nachdem Sarah verschwunden war. 
    Viele sorgten sich, nachdem Sarah verschwunden war. 
    Foto: Crimespot

    Verhängnisvolle Beziehung

    Doch Sarah kämpfte mithilfe unserer Zeitung: gegen Knebelverträge, gegen die seelischen Vergewaltigungen, die ihr durch das damals heftig umstrittene TV-Format zugefügt worden waren, gegen gescriptete Dialoge. Sarah ist eine Pionierin: Sie war die erste Kandidatin, die sich traute, die üblen Machenschaften der Reality-TV-Branche öffentlich zu machen, was ein enormes mediales Echo auslöste und sogar auf landespolitischer Ebene diskutiert wurde.

    Im Januar 2015 verstarb Sarahs Mutter, zu der sie einen recht guten Kontakt hatte. Der seit Jahren schwer kranke Vater kam in ein Seniorenheim. Kurz darauf lernte sie im Internet jenen 51-Jährigen, der seit 2007 in Alt Rehse lebt und sich nun in polizeilichem Gewahrsam befindet, kennen. Es entwickelte sich über Monate eine Beziehung, von der viele, die Sarah näher kennen, sagen, sie sei verhängnisvoll. Sarah zog zu dem Mann.

    In Fischbach hängt seit einiger Zeit an ihrem früheren Elternhaus ein Zettel, der darauf verweist, dass Sarah dort nicht mehr wohnt. Die neue Adresse ist angegeben. Unterzeichnet ist der Zettel von einer gerichtlich bestellten Betreuerin. Sie ist beim Verein Sozialdienst katholischer Frauen und Männer im Kreis Birkenfeld tätig. Vonseiten des Vereins wurde im NZ-Gespräch bestätigt, dass die Polizei die Betreuerin kontaktiert hat - offenbar wegen eines DNA-Abgleichs mit Blick auf Sarah und den Leichenfund. Sarah hatte nach wie vor Kontakte zu Menschen in Idar-Oberstein und Umgebung, via Facebook chattete sie mit Freunden und Bekannten - seit knapp vier Wochen gibt es allerdings kein Lebenszeichen mehr von ihr. Auch bei WhatsApp ist sie letztmals am 12. Juli aktiv. Via Handy ist sie nicht zu erreichen: Die Nummer ist nicht mehr vergeben …

    Dunkle Mächte und Dämonen

    Vor einigen Monaten meldeten sich Sarah und ihr Freund in unserer Redaktion: Die Nahe-Zeitung solle sie unterstützen, Skandale öffentlich machen. Der Mann, der immer wieder mit der Polizei zu tun hatte, bezeichnet sich im Internet als Mitglied des "Zentralrates Europäischer Bürger" sowie als "Reichsbürger", der sich nicht als Staatsangehöriger der Bundesrepublik sieht, sondern des "Königreichs Preußen". Verschwörungstheorien postete er, dunkle Mächte, Dämonen spielten eine Rolle: Auch Sarah war besessen von Gedanken, die niemand mehr nachvollziehen konnte und für Kopfschütteln sorgten, wie viele Einträge auf ihrem Facebook-Profil zeigen. Sie fühlte sich verfolgt, glaubte nicht an den Rechtsstaat Deutschland.

    In Traumwelten zu flüchten, das war schon immer Sarahs einzige Möglichkeit, für sie Unerträgliches erträglich zu machen. Die Schulkameraden mobbten sie von der ersten Klasse an. Keinen Halt fand sie bei den Eltern, die viel mit sich selbst beschäftigt waren und finanzielle Sorgen hatten. Den Hauptschulabschluss schaffte sie, aus einer angestrebten Lehre als Verkäuferin oder Friseurin wurde nichts. Sie räumte im Globus-Markt Waren ein. Morgens ab 4.30 Uhr. Auch Angebote hilfsbereiter Menschen - und die gab es in großer Zahl nach der Veröffentlichung ihrer Leidensgeschichte während der Kuppelshow - lehnte sie ab. Und dennoch machte ihr die Welle der Solidarität Mut, und ein bisschen stolz, im Mittelpunkt zu stehen, war sie ebenfalls. Die Enge auf dem Land, die dörfliche Struktur in Fischbach, wo sich manche einst zum Public Viewing trafen, um die "Schwer verliebt"-Sendungen zu schauen: Das wirkte bedrohlich auf die damals 27-Jährige.

    Wie Barbie sein und einen Ken finden: Das war ihr Lebensziel. Offenbar ist sie einem Mann in die Hände gefallen, der es nicht gut mit ihr meinte, sie beherrschte, wohl auch gewalttätig wurde - berichten Bekannte. Sarah soll einige Zeit in einem Frauenhaus gelebt haben, was sie auch selbst auf Facebook berichtete. Naiv, gutgläubig, nach eigener Aussage "ein bisschen verpeilt": Wer Sarah (ver)führen wollte, hatte leichtes Spiel. Sarahs letzter Post befasst sich mit Anubis, dem altägyptischen Gott der Totenriten und der Mumifizierung. Oder postete sie damals gar nicht mehr selbst? Viele Fragen mit Blick auf das Drama, das sich in Alt-Rehse abgespielt hat, müssen noch geklärt werden.

    HINTERGRUND:
    Die Artikel über den "Fall Sarah" erregten Aufmerksamkeit über die Grenzen des RZ-Landes hinaus - nicht zuletzt, als die sogenannte "Produktionsbibel" von "Schwer verliebt" mit detaillierten Vorgaben zum vorgesehenen Verhalten der Protagonisten auftauchte. Unsere Redakteurin Vera Müller recherchierte weiter. Wir haben die Artikel damals in unserem Blog gesammelt. Auch bei Facebook gab es damals viele Diskussionen rund um das Thema

    Sarah H.: Chronik eines einsamen Lebens Drama geht weiter: Prozess um zu Tode gefolterte Sarah H. wird neu verhandelt  [Update]Fall Sarah: Anwalt Hötger setzt auf RevisionAuch Nebenkläger Hötger legt Revision ein - Wie es im Fall Sarah weitergehen kannZu Tode gefoltert: Nach Revision kommt Fall Sarah vor den Bundesgerichtshofweitere Links
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