40.000
Aus unserem Archiv
Neubrandenburg/Fischbach

Drama geht weiter: Prozess um zu Tode gefolterte Sarah H. wird neu verhandelt [Update]

Der Bundesgerichtshof hat entschieden: Der Fall um die zu Tode gefolterte Sarah H. aus Fischbach muss noch einmal verhandelt werden. Für den Nebenkläger, Rechtsanwalt Damian Hötger aus Idar-Oberstein, eine falsche Entscheidung.

Im Internet hatte sie einen Mann kennengelernt. Am 9. August wurde in dem Haus eine stark verweste Frauenleiche gefunden. Foto: Crimespot
Im Internet hatte sie einen Mann kennengelernt. Am 9. August wurde in dem Haus eine stark verweste Frauenleiche gefunden.
Foto: Crimespot

Der BGH hob das im März gefällte Urteil gegen den 52 Jahre alten Lebensgefährten von Sarah H. auf und ordnete eine Neuverhandlung vor einer anderen Kammer des Landgerichtes Neubrandenburg an, wie ein Gerichtssprecher am Freitag sagte.

Allerdings: Anders als von vielen Prozessbeobachtern und vor allem von Bekannten der Rheinland-Pfälzerin erhofft, bemängelt der BGH vor allem, dass der Gesundheitszustand des Verurteilten stärker berücksichtigt werden müsse. Bis zu einem neuen Urteil bleibt der Mann aber in Haft.

Der Lebensgefährte der damals 32-jährigen Sarah, die als Teilnehmerin der Kuppelshow "Schwer verliebt" traurige Berühmtheit erlangt hatte, war wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu fünf Jahren Freiheitsstrafe verurteilt worden.

Der Angeklagte hatte Sarah H. über das Internet kennengelernt. Nachdem sie zu ihm nach Alt Rehse bei Neubrandenburg gezogen war, habe er ihr vorgeworfen, dass der Bundesnachrichtendienst sie auf ihn angesetzt und sie ihn bestohlen habe. Der 51-Jährige hatte gegenüber der Polizei von „Folter“ gesprochen. Er habe die Frau nackt an ein Bett gefesselt und mit einer Peitsche geschlagen. Dabei wollte er wissen, wo seine Brille ist. Und ob der Verfassungsschutz Sarah auf ihn angesetzt habe. Sie sei nach den Misshandlungen gestorben und er habe die Leiche dann in Malerflies verpackt auf eine Sackkarre gelegt und ihm Haus behalten.

Der Mann wurde im Ort als sonderbar betrachtet, es gab wenig Kontakte. So konnte es geschehen, dass der Fall erst zwei Monate später im August 2016 bekannt geworden war, weil Nachbarn die Polizei wieder wegen Ruhestörung gerufen hatten. Polizisten fanden die stark verweste Leiche im Haus.

Vor Gericht wollte der mit der Reichsbürger-Bewegung sympathisierende Computerfachmann aber keine Angaben zu dem Vorfall vom Sommer 2016 machen. Ihm wurde Freiheitsberaubung und Körperverletzung mit Todesfolge vorgeworfen.

Verteidiger Henning Köhler (rechts) und Axel G. im Neubrandenburger Gericht: Der Alt-Rehser muss für fünf Jahre in Haft. Das Gericht blieb unter dem von der Staatsanwaltschaft und Nebenkläger Hötger geforderten Strafmaß.  Foto: Crimespot
Verteidiger Henning Köhler (rechts) und Axel G. im Neubrandenburger Gericht: Der Alt-Rehser muss für fünf Jahre in Haft. Das Gericht blieb unter dem von der Staatsanwaltschaft und Nebenkläger Hötger geforderten Strafmaß.
Foto: Crimespot

Der Verteidiger, der Freispruch gefordert hatte, hatte Revision eingelegt. Nach seiner Ansicht war die Tat dem Lebensgefährten nicht nachzuweisen. Dieser hatte sich „vom BND und Dorfbewohnern verfolgt gefühlt“ und geweigert, sich von einer Psychiaterin begutachten zu lassen.

Der Idar-Obersteiner Nebenkläger und Anwalt Damian Hötger, der ebenfalls Revision eingelegt hatte, bewertete den Fall völlig anders als das Neubrandendenburger Gericht, wie er bereits im August nach dem Urteil betonte. Auf jemanden einzupeitschen, ihn zu quälen, zu merken, dass es ihm körperlich immer schlechter geht, zuzuschauen, wie er ohnmächtig wird – und nicht zu handeln – das ist aus Hötgers Sicht nach wie vor nicht mehr mit unterlassener Hilfeleistung zu untermauern, sondern bedeute ein „aktives Töten“: „So, als würde ich jemanden erschießen.“

Auch wenn eine spätere Urteilsaufhebung durch den Bundesgerichtshof Sarah nicht mehr lebendig mache, hatte er im März 2017 in einem Gespräch dazu mit unserer Zeitung gesagt, gehe es um ein klares Signal für Gerechtigkeit:

„Die Menschen in diesem Land – in deren Namen das Urteil gesprochen wurde – lassen es nicht zu, dass einer den anderen totschlägt.“

Nebenkläger und Anwalt Damian Hötger erklärt, welche Folgen die von beiden Seiten eingelegten Revisionen seiner Rechtsauffassung nach haben könnten:

Würden die Revisionsanträge beide abgelehnt, würde das Urteil rechtskräftig. Würden beide zugelassen, wäre es offen, wie es letztlich ausgeht. Am Neubrandenburger Landgericht würde vermutlich mit einem anderen Richter ein neues Verfahren eröffnet. Würde lediglich die Revision von Axel G. zugelassen, würde ebenfalls neu verhandelt – allerdings könnte das Gericht die Strafe nicht erhöhen, sondern lediglich belassen, senken – oder wie vom Verteidiger gefordert, einen Freispruch aussprechen.

Noch immer kein Ende der Geschichte der Sarah H.

[Update, Fr 12 Uhr] Nichts macht Sarah H. aus Fischbach mehr lebendig. Ihr einsames, oft unglückliches Leben, in dem sie sich in Traumwelten und in die Hoffnung auf die große Liebe flüchtete, endete im Frühsommer 2016 auf unvorstellbar grausame Weise. Im Ruheforst der VG Herrstein ist sie beerdigt. Doch ein Ende hat ihre bewegende Geschichte, die viele in der Region und darüber hinaus berührt, noch immer nicht.

Unsere Redakteurin Vera Müller hat nun nach dem BGH-Urteil nachgefasst und mit Rechtsanwalt Hötger zur aktuellen Entscheidung des BGH gesprochen:

Hötger: Falsche Entscheidung

Ganz klar: Er halte die Entscheidung des BGH für falsch, sagt Anwalt Hötger. Der Bundesgerichtshof gehe davon aus, dass Axel G. Informationen erhalten wollte – unter dieser Voraussetzung könne man nicht von absichtlichem Töten, das die Weitergabe von Informationen unmöglich mache – ausgehen.

Ein Argument, das Hötger nicht nachvollziehen kann: „Das hieße ja: Wenn ich mit 200 km/h durch die City rase und erwische ein Kind auf dem Zebrastreifen, das dadurch zu Tode kommt, hatte ich ja auch keinerlei Absicht oder ein Motiv. Ich wollte nur schnell Auto fahren.“

Hätte er Sarah nur wenige Minuten geschlagen, könne man dem BGH-Ansatz vielleicht noch folgen: „Aber doch nicht bei einer Folter über zwei Stunden.“

Ein weiterer Kritikpunkt, der nicht nachvollziehbar unberücksichtigt bleibe: Das Verfahren in Neubrandenburg sei ausschließlich auf die Aussagen von Sarahs Peiniger aufgebaut. „Es könnten ja auch ganz andere Dinge passiert sein, die er nicht sagt.“ In dem neuen Verfahren müssten auch weitere Zeugen (Nachbarn, die Ex-Partnerin etc.) gehört werden, um Hintergründe und mögliche weitere Straftaten aufdecken zu können.

Auch seien die sehr aufschlussreichen und umfassenden Facebook-Aktivitäten des Axel G. absolut unzureichend ausgewertet worden. In einem Punkt stimmt Damian Hötger zu: „Es ist zweifellos richtig, dass er umfassend untersucht wird, zumal er ja bereits kurzzeitig in der Psychiatrie untergebracht war.“

Auch Nebenkläger Hötger legt Revision ein - Wie es im Fall Sarah weitergehen kann

Neubrandenburg/Fischbach. Der erschütternde Fall von Sarah H., die in Alt Rehse zu Tode gefoltert wurde, wird den Bundesgerichtshof gleich in mehrfacher Hinsicht beschäftigen. Der Anwalt des zu fünf Jahren Haft verurteilten Lebensgefährten des Opfers, Henning Köhler, hat Revision eingelegt, wie ein Sprecher des Landgerichtes Neubrandenburg am Freitag bestätigte. Wie der Idar-Obersteiner Anwalt und Nebenkläger Damian Hötger nun im Gespräch mit unserer Zeitung betont, hat auch er Revision eingelegt.

In diesem Haus in Alt Rehse (Mecklenburg-Vorpommern) soll der Tatverdächtige Axel G. die 32-jährige Sarah H. gequält haben, bevor die junge Frau vermutlich an einem Herz-Kreislauf-Versagen starb.
In diesem Haus in Alt Rehse (Mecklenburg-Vorpommern) soll der Tatverdächtige Axel G. die 32-jährige Sarah H. gequält haben, bevor die junge Frau vermutlich an einem Herz-Kreislauf-Versagen starb.
Foto: picture alliance

Damit wird der Bundesgerichtshof den Prozessverlauf auf Gesetzesverletzungen hin prüfen. Der 51 Jahre alte Axel G. war der Freiheitsberaubung und Körperverletzung mit Todesfolge schuldig gesprochen worden. Er hatte nach Auffassung des Gerichtes die 32 Jahre alte Sarah H., die erst ein halbes Jahr vorher aus Fischbach zu ihm gezogen war, nackt ans Bett gefesselt, mit einer selbst gebastelten Peitsche misshandelt und dann sterben lassen. Der Verteidiger hatte Freispruch gefordert, da seinem Mandanten die Tat nicht nachzuweisen sei und zudem einige juristische Formfehler zu bemängeln seien.

Wie der Idar-Obersteiner Anwalt und Nebenkläger Damian Hötger nun im Gespräch mit unserer Zeitung betont, hat auch er Revision eingelegt. Nun heißt es erst einmal abwarten, da das schriftliche Urteil des Gerichts wohl erst in sechs bis acht Wochen vorliegt. Die Revision muss jedoch innerhalb einer Woche nach mündlicher Urteilsverkündung eingelegt werden. Henning Köhler wie auch Damian Hötger haben diese Frist eingehalten.

Die Revision muss dann schriftlich innerhalb eines Monats nach Zugang der schriftlichen Urteilsgründe selbst begründet werden. Dabei berücksichtigt das Revisionsgericht, der Bundesgerichtshof, nur Rechtsfehler. Es entscheidet allein auf Grundlage des Urteils des Landgerichts Neubrandenburg.

Hötger: Es geht um ein klares Signal für Gerechtigkeit

Maßgeblich wird sein zu belegen, dass der verurteilte Axel G. den Tod Sarahs in Kauf nahm. „Wer zwei Stunden mit einer Peitsche auf einen anderen Menschen schlägt, ihn foltert und ihm nichts zu trinken gibt, kann sich nicht später hinstellen und sagen, er hätte von nichts gewusst“, betont Hötger, der bereits in seinem Plädoyer in Neubrandenburg eine Verurteilung wegen Totschlags durch Unterlassen und Störung der Totenruhe von elf Jahren gefordert hatte.

„Selbst wenn man zugesteht, dass er den Tod nicht wollte, so hat er ihn in Kauf genommen und sich damit abgefunden. Daher ist es keine Körperverletzung mit Todesfolge mehr, wo etwa durch unglückliche Umstände die Todesfolge eintritt. Das mag der Fall bei einer Schlägerei sein: Jemand stößt den anderen um, er fällt unglücklich und verstirbt. Hier war es aber so, dass Sarah ihren Peiniger bat, sie loszubinden und ihr zu trinken zu geben. Spätestens ab diesem Moment übernimmt dann Axel G. eine sogenannte Garantenstellung für Sarahs Leben, sodass ihm der spätere Tod als Totschlag zugerechnet werden muss.“

Auch wenn eine spätere Urteilsaufhebung durch den Bundesgerichtshof Sarah nicht mehr lebendig mache, gehe es um ein klares Signal für Gerechtigkeit: „Die Menschen in diesem Land – in deren Namen das Urteil gesprochen wurde - lassen es nicht zu, dass einer den anderen totschlägt.“ Das Urteil vom 17. März hatte bundesweit für Empörung und Kopfschütteln gesorgt und unzählige Kommentare in den sozialen Netzwerken nach sich gezogen.

Hötger erläutert die Rechtslage: Würden die Revisionsanträge beide abgelehnt, würde das Urteil rechtskräftig. Würden beide zugelassen, wäre es offen, wie es letztlich ausgeht. Am Neubrandenburger Landgericht würde vermutlich mit einem anderen Richter ein neues Verfahren eröffnet. Würde lediglich die Revision von Axel G. zugelassen, würde ebenfalls neu verhandelt – allerdings könnte das Gericht die Strafe nicht erhöhen, sondern lediglich belassen, senken – oder wie vom Verteidiger gefordert, einen Freispruch aussprechen.

Würde nur Hötgers Revision zugelassen, wäre ebenfalls ein neuer Prozess zu führen, der im Endeffekt zulasten oder aber auch zugunsten von Axel G. verlaufen könnte. Hötger, der eine Neubewertung der Tat im Blick hat, hat bereits die Protokolle angefordert. In den nächsten Wochen wird er die Begründung der Revision vorbereiten. Entscheidend dabei: Es zählt nur, was bereits im Urteil steht. Es darf kein neues Material oder ein weiterer Zeuge hinzugezogen werden.

Von unserer Redakteurin Vera Müller

Idar-Oberstein Birkenfeld
Meistgelesene Artikel
Anzeige
Anzeige
Ihre Ansprechpartner in der Redaktion
Stefan Conradt (sc)
Redaktionsleiter
Tel. 06781/605-43
E-Mail
Vera Müller (vm)
Redakteurin
Tel. 06781/605-52
E-Mail
Bettina Schäfer (bet)
Redakteurin
Tel. 06781/605-56
E-Mail
Andreas Nitsch (ni)
Redakteur
Tel. 06781/605-45
E-Mail
Axel Munsteiner (ax)
Redakteur
Tel. 06781/605-44
E-Mail
Peter Bleyer (pbl)
Redakteur
Tel. 06781/605-58
E-Mail
Silke BauerSilke Bauer (sib)
Redakteurin
0171-2976119
E-Mail
Jörg Staiber (jst)
Reporter
Tel. 06781/605-63
E-Mail
Online regional

Bettina TollkampBettina Tollkamp
Chefin v. Dienst
Online
E-Mail

Regionalwetter
Samstag

11°C - 27°C
Sonntag

13°C - 30°C
Montag

14°C - 30°C
Dienstag

14°C - 30°C
Anzeige
epaper-startseite
News aus Ihrer Region - Lokalteil wählen
wissenlinz,neuwiedremagenmontabaurandernach,mayenkoblenzdiezbademszellsimmernbirkenfeldkirn,badsobernheim,meisenheimbadkreuznach