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Allenbach

Autofriedhöfe: Fotoreise zu vergessenen Orten

Noch einmal kontrollieren die Männer ihre Aufzeichnungen mit der vagen Beschreibung. Aus dem Navigationsgerät ertönt: „Sie haben Ihr Ziel erreicht“. Doch durch die Seitenscheibe sehen sie nur undurchdringliches Unterholz, dichtes Buschwerk, Unkraut. Langsam fahren sie den holperigen Waldweg weiter, Wasser spritzt aus den Pfützen. Nicht einmal das Wetter ist für ihr Vorhaben geeignet, eine dichte Nebelsuppe wabert durch das Tal. Waren das frühe Aufstehen, die mehrstündige Autofahrt umsonst?

Plötzlich bricht die Sonne durch das Grau in Grau. Wie der Spot eines Scheinwerfers treffen ihre Strahlen auf den Weg, die Wiesen und das Wäldchen, bringen Farbe in die verwaschene Welt. Und plötzlich bemerkt Frank Gemeinhardt aus Allenbach ein rostrotes Blitzen zwischen den Brombeerranken: endlich! Das erwartungsvolle Kribbeln, das dem Fotografen über den Rücken kriecht, ihn die Müdigkeit abschütteln lässt und alle Sinne auf den gegenwärtigen Moment fokussiert, zeigt ihm zuverlässig an: Sein Freund und er sind am Ziel ihrer Exkursion.

Vorsichtig steigen sie aus und tauchen ein in die grüne Wildnis, die von den hier vor Jahrzehnten achtlos abgestellten Autowracks Besitz ergriffen hat. Bei jedem Schritt bemühen sich die beiden Männer, in dieser unwirklichen Szenerie so wenig wie möglich zu verändern, so wenig Spuren zu hinterlassen wie es geht, während sie den Blick auf die Vergangenheit mit der Kamera einfangen. So entstehen Bilder ganz eigenwilliger Schönheit: Efeu, das grünen Fingern gleicht, die Motorhaube eines Citroën Traction Avant nach oben drückt und sich Raum schafft. Moos und Flechten, die einem alten Lastwagen um die Windschutzscheibe herum die grüne Haarpracht eines Waldschrats verleihen, oder Laub sowie der Schmutz und Staub der Zeit, die zwischen herausgedrückten Polsterfedern bei einem amerikanischen Straßenkreuzer für ein neues Muster der Innenverkleidung sorgen. Immer wieder Details, die erstaunlich gut erhalten geblieben sind: die silbern blinkenden Buchstaben „TAUNUS“ auf einem kleinen Rest blauen Autolacks, die feinen Zahlen der Kilometeranzeige „761.951“ auf einem schlammverkrusteten Armaturenbrett.

Man sieht den Fotografien die Begeisterung an, die der 48-Jährige Gemeinhardt empfindet, wenn seine Schatzsuche erfolgreich war und er auf einen neuen alten Schrottplatz oder ein in Vergessenheit geratenes Fahrzeug stößt, das einstmals abgestellt inzwischen mit der Landschaft verwachsen ist. „Seit meiner Kindheit üben verlassene Orte einen fast magischen Reiz auf mich aus. Die Ästhetik von Gebäuden und Maschinen in Verbindung mit der Natur und die daraus resultierende Farbpalette bieten mir einen unerschöpflichen Reichtum an Fotomotiven“, sagt Gemeinhardt.

Viele Standorte, die er mit seinem Freund Eckhart Helmers besucht und abgelichtet hat, gibt es inzwischen nicht mehr. Sie sind abgerissen worden und machen die Kunstwerke des Fotografen auch zum Zeitzeugnis und zur Momentaufnahme des Verfalls. „Die Recherche der Ziele wird immer schwieriger. Da bin ich für jeden Hinweis dankbar“, bemerkt er augenzwinkernd. Manchmal spielt der Zufall eine Rolle beim Auffinden eines Motivs: „Zum Glück habe ich meine Olympus OM-D immer dabei, wenn ich zufällig ein altes Fahrzeug sehe, das der Besitzer einfach im Garten geparkt und vergessen hat.“

Am liebsten sind dem studierten Designer Autofriedhöfe. Denn Oldtimer sind für ihn, dessen Vater ihn als gelernter Autoschlosser schon früh an diese Liebe herangeführt hat, von Kindesbeinen an eine weitere große Leidenschaft für sich. Deshalb stolperte er unlängst auch über einen Hinweis ganz anderer Art: Der Unternehmer Bernd Benninghoven – passionierter Oldtimersammler – ließ in Bernkastel-Kues einen 5000 Quadratmeter großen Neubau im klassischen Stil mit Backsteinfront und Rundbögen erstellen, um auf drei Ebenen seine mehr als 100 Fahrzeuge einem breiten Publikum zugänglich zu machen. In dessen Restaurationsbetrieb Benarrow Oldtimer Garage in Wittlich, einem schon legendären Ort für Fans alter Wagen, kam es zum Treffen der beiden gleichermaßen von alten Autos, Kunst und Design interessierten Männer. Die spannenden Abenteuergeschichten Benninghovens vom Aufspüren der begehrten Standorte, den Fahrten durch die Wildnis und der hartnäckigen Suche nach dem Objekt seiner Träume erinnerten den Fotografen an die eigene Herangehensweise.

Panorama für Zylinderhaus

Man verstand sich sofort, und inzwischen sind einige großformatige Arbeiten von Frank Gemeinhardt im neu eröffneten Oldtimermuseum Zylinderhaus zu sehen. Begeistert von dem Thema Schrottplatz, ließ der Museumsbesitzer in einer Halle einen kompletten Autofriedhof nachbauen und dazu von Gemeinhardt ein 20 Meter breites und mehr als vier Meter hohes Panorama als Hintergrund fertigen. Es handelt sich um eine Fotomontage aus vier Motiven des inzwischen aufgelösten historischen Schrottplatzes Gürbethal in der Schweiz und damit auch um die bisher größten Ausdrucke seiner Bilder, bei denen man trotz extremer Vergrößerung keine Pixel sieht. Die spektakuläre Nachbearbeitung seiner Fotografien hat der diplomierte Designer in seiner langen Schaffensperiode perfektioniert. Und so schenken seine Werke auf modernste Fertigungsart Einblicke in eine längst vergessene Zeit – schön! Anne Gemeinhardt

Idar-Oberstein Birkenfeld
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