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Als im fünften Stadtteil nochLeben war

Idar-Oberstein – Fährt man derzeit durch die frei zugänglichen Teile der Straßburgkaserne, dann kommen wehmütige Erinnerungen auf. Leer stehende, heruntergekommene und sichtlich verfallende Gebäude sind da zu sehen. Das war in den Jahren nach dem Krieg bis in die 1980er-Jahre noch anders. Hier war Leben, eine kleine Stadt mitten in der Stadt. In den 1950- und 60er-Jahren war die Kaserne gar im Sprachgebrauch der Idar-Obersteiner der "fünfte Stadtteil".

So sah die Algenrodter Straßburg-Kaserne kurz vor dem zweiten Weltkrieg aus, als deutsche Soldaten dort lebten. Später waren es dann amerikanische. Der Name rührt indes von einer französischen Einheit aus dem Elsass her.
So sah die Algenrodter Straßburg-Kaserne kurz vor dem zweiten Weltkrieg aus, als deutsche Soldaten dort lebten. Später waren es dann amerikanische. Der Name rührt indes von einer französischen Einheit aus dem Elsass her.

Idar-Oberstein – Fährt man derzeit durch die frei zugänglichen Teile der Straßburgkaserne, dann kommen wehmütige Erinnerungen auf. Leer stehende, heruntergekommene und sichtlich verfallende Gebäude sind da zu sehen. Das war in den Jahren nach dem Krieg bis in die 1980er-Jahre noch anders. Hier war Leben, eine kleine Stadt mitten in der Stadt. In den 1950- und 60er-Jahren war die Kaserne gar im Sprachgebrauch der Idar-Obersteiner der "fünfte Stadtteil".

Die Nachkriegsgeschichte der Straßburgkaserne spiegelt auch die Geschichte und das Verhältnis zwischen Deutschland und den USA wider. Als Bewohner des Saarrings bekam man alle Höhen und Tiefen der deutsch-amerikanischen Beziehungen hautnah mit.

Wer als Kind in den 1950er-Jahren im Saarring wohnte, wusste: In den Kasernenbereich durfte man nicht gehen. Und man kam auch nicht so leicht hinein. Überall waren Wachen aufgestellt, und an den Eingängen wurde scharf kontrolliert. Die "Ami-Baute" waren gut bewacht. Kontakte zwischen Amerikanern und Deutschen gab es trotzdem. Und das nicht nur in den Bars, sondern auch auf den Straßen. Denn die besser betuchten Soldaten, vor allem die Offiziere, ließen ihre Familien nachkommen und mieteten sich dann in Privatwohnungen bei Idar-Obersteinern ein. So wie die Familie Willison, die bei der Familie Dreher auf der Lay eine Unterkunft hatte und damit der Schmuckstadt mit Filmstar Bruce Willis einen bekannten "Sohn" bescherte.

Die erste Pizza im NCO-Club

Zahlreiche Idar-Obersteiner fanden auch Arbeit bei den "Amis". Sei es als Wachpersonal, im Motorpool oder dort, wo Servicekräfte gebraucht wurden. Es war auch eine gute Zeit für schmuckstädtische Musiker, die in den US-Clubs zur Unterhaltung aufspielen und gute Dollars verdienen konnten. Diese deutschen Hilfskräfte waren es auch, die dafür sorgten, dass eine italienische Spezialität den Weg auf die Teller der Idar-Obersteiner schaffte, wo sie heute nicht mehr wegzudenken ist: Denn im NCO-Club gab es leckere Pizza. Auch die kleinen Geschäfte in der Schmuckstadt hatten etwas von den Amis, die dort gerne auch einmal deutsche Waren einkauften.

Für Normalsterbliche blieb der Kasernenbereich lange tabu. Die Amis, auch durch heute noch unerträglich wirkende TV-Filmchen angestachelt, hielten lange Zeit alle Deutsche für Nazis, und brauchten ihre Zeit, sich anzunähern. Und wir Deutsche sahen die Amerikaner immer noch als Besatzer an. Das war ungefähr der Status Mitte der 50er-Jahre. Doch so langsam begann man sich aneinander zu gewöhnen. Man betrachtete die Amis bald als eine Schutzmacht gegenüber den "bösen" Russen und dem Kommunismus.

Dieses Aneinandergewöhnen fing mit kleinen Dingen an. So zum Beispiel, wenn vom Jahnplatz, wo die kleinen Saarringer Fußball spielten, mal ein Ball in den Kasernenbereich flog. Gerne waren die Wachposten bereit, uns den Ball zurückzuwerfen oder zu schießen. Es war 1957 oder 1958, als es auf dem Jahnplatz zu einem denkwürdigen Fußballspiel kam. Die Amerikaner hatten eine eigene Schule, die direkt an der Straße zum Steinkaulenberg lag. Und einer der Lehrer und der kommandierende General waren Anhänger des in Amerika fast völlig unbekannten Fußballsports. In den Sportstunden wurde dann neben Basketball und American Football auch schon Soccer gespielt.

6:1 für die Saarring-Kicker

Warum also nicht mal ein Fußballspiel zwischen den Saarring Kickers und den US-Boys austragen, dachten sich beide Seiten. Also traten Helmut und Dieter Brunk, Peter Mayer, Paul Heidrich, Rolf Bohrer, Rüdiger Zwetsch und auch ich – als kleinster, jüngster und 11. Mann in die Mannschaft gerutscht – und andere zu einem Freundschaftsspiel gegen die US-Kids an. Es wurde ein glorreicher Sieg. 6:1 siegten die Saarring-Kicker. Unvergesslich für mich auch deshalb, weil ich dafür zu sorgen hatte, dass der Gegner das Ehrentor schießen konnte – ein Treffer für die Völkerverständigung. Und die Amis jubelten danach, als hätten sie das Spiel gewonnen.

Überhaupt entwickelte sich das nachbarschaftliche Verhältnis zwischen den Amerikanern und uns Saarringern und der Idar-Obersteiner Restbevölkerung immer besser. Das zeigte sich auch daran, dass die Kontrollen nicht mehr so streng durchgeführt wurden. Die Wachen am Zaun zwischen Jahnplatz und Kasernengelände wurden bald abgezogen. Der Weg zur Pizza war endlich frei. Das Schlupfloch im Zaun wurde nicht mehr geflickt, und kurz darauf stand dann das Tor offen, das uns Saarringern die Möglichkeit gab, uns frei im Kasernengelände zu bewegen. Auch am Haupttor gab es zwar noch Wachen, aber viel kontrolliert wurde Anfang der 1960er-Jahre nicht mehr. Die Welt nach Klein-Amerika war offen (wird fortgesetzt). Erhard Hahn

Idar-Oberstein Birkenfeld
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