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VG Baumholder

Fotograf und Regisseur: Der Kradfahrer mit der Kamera

Peter Bleyer

Der Wagen am rechten Rand des Schwarz-Weiß-Fotos ist so voll beladen mit Heu, dass man von ihm selbst kaum noch etwas erkennen kann. Links daneben sind zwei Frauen mit Kopftüchern zu sehen, die gemeinsam einen Bottich tragen und sich unterhalten. Wie eine Momentaufnahme wirkt dieser Schnappschuss.

Auch die Frauen auf diesem Bild wirken so, als ob sie vom Fotografen gar nichts mitbekämen.
Auch die Frauen auf diesem Bild wirken so, als ob sie vom Fotografen gar nichts mitbekämen.
Foto: Dr. Wilhelm Burger

Das haben die Bilder, die in den Chroniken der 13 verschwundenen Dörfer abgedruckt sind, gemein: Sie erwecken den Eindruck von Zufälligkeit. In Wahrheit wurden nahezu alle Motive inszeniert, wenn auch unter authentischen Bedingungen. Der „Regisseur“ und Fotograf hieß Dr. Wilhelm Burger – ein Tierarzt, der seine Passion auf anderem Terrain fand.

„Er war immer auf einem Uraltmotorrad unterwegs“, erzählt Uwe Annhäuser schmunzelnd im Gespräch mit der NZ. Der Heimatforscher kannte Wilhelm Burger gut und verwahrt noch heute Teile seines fotografischen Nachlasses. „Die Kameraausrüstung hatte er im Seitenwagen. Und im Mund die Zigarre.“

Innerhalb von zwei Jahren seien 600 Aufnahmen in den 13 Dörfern entstanden, die dem Untergang geweiht waren. Für die Umgesiedelten waren es im Nachhinein schmerzliche Erinnerungen an einst intakte Gemeinschaften. Für Burger war es ein höchst lukrativer Auftrag. „Er hat es als Arbeit gesehen“, erklärt Annhäuser.

"Verschwundene Dörfer"

1937/38 mussten Aulenbach, Ausweiler, Breungenborn, Ehlenbach, Erzweiler, Frohnhausen, Grünbach, Ilgesheim, Kefersheim, Mambächel, Oberjeckenbach, Ronnenberg und Wieselbach einem Truppenübungsplatz weichen – so hatten es die Nationalsozialisten beschlossen. Viele Familien verloren ihre Heimat, intakte Gemeinschaften wurden auseinandergerissen. Die Nahe-Zeitung will versuchen, in dieser Serie die Geschichten hinter den Fakten zu erzählen. Dazu werden Zeitzeugen und Nachfahren von Zeitzeugen befragt.

Der Kradfahrer mit der Kamera

Der Weg dorthin begann für Wilhelm Burger unmittelbar nach Beendigung seines Studiums. Als junger Veterinäroffizier wurde er während des Ersten Weltkriegs hinter den Fronten eingesetzt. Damals begann er, zu fotografieren und schuf ein Werk mit rund 500 Stereofotos von den verschiedenen Kriegsschauplätzen.

Nach Kriegsende ließ den Tierarzt dann seine frisch entflammte Passion nicht mehr los. Statt melancholischer Impressionen entstanden nun aber viele Motive mit romantischen Ansichten von Dörfern und Gemeinden. „Mit diesen Bilderreihen hat er auf sich aufmerksam gemacht“, erklärt Uwe Annhäuser. Schließlich boten ihm die Nationalsozialisten an, Fotos für die Dorfchroniken von 13 Dörfern zu machen, die bald verschwinden würden. Sie lagen im Hinterland Baumholders. „Diese Chroniken waren als Präsent für die ehemaligen Einwohner gedacht“, sagt Annhäuser.

Ab Frühjahr 1936 unternahm Wilhelm Burger also regelmäßig Exkursionen in die Gemeinden zwischen Baumholder und Sien. Gelegen kam ihm dabei, dass er immer wieder bei seiner Verwandtschaft in Niederwörresbach Unterschlupf suchen konnte. Während erster Orientierungsfahrten und Antrittsbesuchen bei den Bürgermeistern wurden Termine vereinbart.

Wenn es dann so weit war, hatte Burger nicht nur als Fotograf, sondern vielmehr als Dirigent und Regisseur zu fungieren. „Er hat die Leute richtig aufgestellt“, erklärt Uwe Annhäuser. Das war insofern gar nicht so einfach, als viele Einwohner anfangs der Meinung waren, sie müssten sich für den Fototermin herausputzen. Oft waren langwierige Gespräche nötig, um eine authentische Kulisse zu schaffen.

Dass es dem fotografierenden Tierarzt jedes Mal aufs Neue gelungen ist, zeigen die vielfältigen Aufnahmen in den Chroniken der verschwundenen Gemeinden: Wie ein zufälliger Beobachter scheint man durch die Linse der Kamera in den Alltag der malerischen Dörfer einzutauchen. Mal sieht man heimkehrende Feldarbeiter, mal ganze Schulklassen und mitunter die halbe Dorfgemeinschaft.

Zufälliger Schnappschuss? Das könnte man bei vielen Fotos vermuten, die in den Chroniken der verschwundenen Dörfer abgedruckt sind. Doch in Wahrheit dirigierte Fotograf Dr. Wilhelm Burger die Protagonisten – und zwar so gekonnt, dass alles authentisch wirkte. Fotos: Dr. Wilhelm Burger
Zufälliger Schnappschuss? Das könnte man bei vielen Fotos vermuten, die in den Chroniken der verschwundenen Dörfer abgedruckt sind. Doch in Wahrheit dirigierte Fotograf Dr. Wilhelm Burger die Protagonisten – und zwar so gekonnt, dass alles authentisch wirkte. Fotos: Dr. Wilhelm Burger

„Letztlich war diese Arbeit für ihn auch ein Dienst an den Leuten, die ihre Heimat verlieren sollten“, meint Uwe Annhäuser. „Er hat in den beiden Jahren ja viele Meinungen dazu gehört.“ Sein fotografisches Vermächtnis ist jedenfalls ein Denkmal für 13 verschwundene Dorfgemeinschaften, für eine ländliche Welt, für eine kulturelle Landschaft, die es so heute nicht mehr gibt. Dr. Wilhelm Burger, der Kradfahrer mit der Kamera, starb schließlich 1998 – er wurde fast 100 Jahre. „Trotz Zigarre“, fügt Annhäuser schmunzelnd hinzu.

Von unserem Redakteur Peter Bleyer

NZ-SERIE Verschwundene Dörfer
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