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Zettingen

„Zedding“ – ein kleines Dorf leistet Großes

Ulrike Platten-Wirtz

Zettingen im Ausnahmezustand. Tausende von Besuchern stürmen am vergangenen Wochenende das 250-Seelen-Dorf in der Eifel, um gemeinsam mit Einheimischen und Gästen zu feiern.

Redlich verdient haben sich die Zettinger den Besucherandrang. „Was die da auf die Beine gestellt haben, ist wirklich beachtlich“, ist der einhellige Tenor der Gäste. Immerhin haben sich die Zettinger zwei Jahre lang auf ihr großes Fest vorbereitet. Das ganze Dorf scheint in Bewegung. Liebevolle Details lassen die Gäste wissen: Ihr seid herzlich willkommen. Überall – das heißt von der Hauptstraße bis zum Festplatz, von der Kirche bis zur Wiesenstraße – gibt es etwas zu sehen. „Wir sind schon zweimal rund gelaufen und entdecken jedes Mal wieder etwas Neues“, sagt eine Besucherin voller Bewunderung.

An einigen Hauswänden hängen „Wäscheleinen“, an denen Schwarz-Weiß-Fotos befestigt sind. „Mir sejn Zedding“ ist darauf zu lesen. Zu sehen gibt es Porträts von 250 Einwohnern: Alte und Mittelalte, Junge und Kinder, die stolz darauf sind, in der Eifel zu Hause zu sein.

Auch sonst hat Zettingen viel zu bieten. „Wir wollen den Leuten zeigen, wie man früher hier gelebt hat“, erklärt Ortsbürgermeister Johannes Hammes schriftlich in einem Faltblatt, das jeder Gast am Ortseingang an die Hand bekommt. Darauf ist nicht nur das komplette Angebot im Ort ersichtlich, der Flyer hilft auch dabei, sich nicht zu verlaufen. Denn „Zeddings“ Straßen sehen unter den Menschenmassen doch ganz anders aus als gewöhnlich.

Traktoren sind Besuchermagnet

Auf dem Festplatz am Ortsrand gibt es eine Traktorenausstellung. Julian Anheier aus Ellenz ist mit einem alten Sulzer aus dem Jahr 1961 vertreten. „Das Modell wurde nur sieben Mal gebaut“, sagt Anheier nicht ohne Stolz. Und fahrtüchtig ist der Oldtimer noch dazu: Seit Anheier den in Einzelteilen zerlegten Traktor wieder zusammengeschraubt hat, leistet dieser im elterlichen Weinberg gute Dienste. Meist ist er aber mit seinem Fahrer zu Ausstellungen unterwegs.

Beim Rundgang durchs Dorf fallen mittelalterlich gewandete Gestalten auf. Eine davon ist Maria Schaden. Die 67-Jährige trägt eine Tracht in grün-beige. Sie gehört zu einer Gruppe von Frauen, die extra ein altes Handwerk erlernten. Im Hof von „Janse“ wird Wolle gesponnen, gestrickt und gewebt. Die Ergebnisse können sich durchaus sehen lassen. „Wir haben das Spinnen von einem alten Schäfer gelernt und anschließend geübt, geübt, geübt“, sagt Helga Heidkamp. Die gebürtige Kölnerin wohnt seit 25 Jahren in Zettingen und fühlt sich im Dorf gut aufgehoben.
Über dem Festgelände ist immer wieder ist das dumpfe Knattern eines kreisenden Helikopters zu hören. Aufgeregt schauen mache Besucher gen Himmel Aber glücklicherweise ist kein Unfall passiert. Im Gegenteil: Die Gemeinde hat für ihre Gäste Hubschrauberrundflüge organisiert. Wer will, kann sich die Eifel an diesem sonnigen Sonntag mal von oben anschauen, während andere im Dorfkern in alte Zeiten eintauchen.

Zeitreise geht weiter

Neben einer alten noch funktionstüchtigen Dreschmaschine kann man in einer umgebauten Garage sehen, wie die Leute früher gewohnt haben. Außerdem ist ein altes Klassenzimmer rekonstruiert. Logisch, dass Gerhard Gansen sich das anschauen möchte. Der pensionierte Schullehrer aus Hambuch trifft hier doch tatsächlich auf zwei ehemalige Schülerinnen. Die nehmen sofort hinter dem Schülerpult Platz und bewaffnen sich mit Griffel und Schiefertafel, während Lehrer Gansen zum Stöckchen greift. Natürlich nur aus Spaß. „Genau so hat es früher in den Klassen ausgesehen“, bestätigt Gansen. Die Möbel stammen aus der alten Schule in Hambuch und konnten für die Ausstellung erworben werden. Eine weitere Besonderheit ist das Kino. Ein Kino in Zettingen – seit wann das denn? Extra zur 750-Jahr-Feier wurde in der Scheune von „Mattes“ Alois ein Lichtspielhaus eingerichtet. Der bereits verstorbene Zettinger war leidenschaftlicher Amateurfilmer. In den 1970er-Jahren hat er aus Anlass des Kreisfeuerwehrfestes einen Film gedreht, den Sohn Georg, der das Faible des Vaters geerbt hat, digitalisiert hat.

An jeder Ecke, in jedem Hof lauern Attraktionen, ob Selbstgebasteltes, Schmuck oder kulinarische Spezialitäten. An diesem Wochenenden kommt jeder auf seine Kosten. Am beliebtesten sind „Kreppelje“ (Kartoffelpuffer) mit Apfelmus. Das ist ein Gericht, das sich traditionell in der Eifler Küche wiederfindet. Aber auch andere Gerichte, leckere, selbst gebackene Kuchen und Eis finden reißenden Absatz.

Die Aufführungen der eigens für die Feier gegründeten Theatergruppe „Bofier? – Dofier!“ sind schnell ausverkauft, und auch die Mundartstücke von Albert und Doris Mohr finden großen Anklang. Ein rundum gelungenes Fest, auf das die Zettinger wirklich stolz sein können. Selbst das Wetter hat die Jubilare – zumindest am Sonntag – nicht im Stich gelassen.

Ulrike Platten-Wirtz

Birrekraut-Spezialität wurde bis Ende der 1940er zentral in Zettingen produziert

Birrekraut (Birnenkraut) ist ein dunkelbrauner, durch das Einkochen von Birnen hergestellter Sirup. Birnenkraut war schon im Mittelalter bekannt, lange bevor man mit industriell hergestelltem Zucker Marmeladen kochen konnte. 100 Gramm Birnenkraut wird aus mindestens 420 Gramm Birnen und Äpfeln, dabei mindestens 350 Gramm Birnen sowie maximal 30 Gramm Zucker hergestellt.

Dies ergibt einen Gesamtzuckergehalt von bis zu 70 Prozent und ist daher auch ohne Zuckerzusatz haltbar. Weil Äpfel einen höheren Pektingehalt haben, fällt die Gelierung bei einer Mischung mit Äpfeln leichter. Außer Birnen- gibt es auch Apfelkraut, welches überwiegend aus Äpfeln hergestellt wird. Birnenkraut wird heute vor allem in den Regionen des Birnenanbaus als süßer Brotaufstrich oder als Backzutat für Spezialitäten verwendet.

Cochem Zell
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