40.000
  • Startseite
  • » Region
  • » Aus den Lokalredaktionen
  • » RZ Mittelmosel
  • » Wie ein Puzzle: Suche nach jüdischen Vorfahren führt Solinger Paar nach Müllenbach
  • Aus unserem Archiv
    Müllenbach

    Wie ein Puzzle: Suche nach jüdischen Vorfahren führt Solinger Paar nach Müllenbach

    Nach und nach folgt eins auf das andere Puzzleteil. Ein weiteres hat sie nun in Müllenbach gefunden, wie sie später erzählen wird. Seit 2011 ist Journalistin Daniela Tobias aus Solingen auf der Suche nach den Spuren der jüdischen Verwandtschaft ihres Mannes Axel Tobias. Wie kam es dazu? „Unsere Kinder sollten für den Geschichtsunterricht einen Stammbaum zeichnen.“ Ganz einfach. Und dennoch ein Problem, denn weder der Vater ihres Mannes noch seine Großmutter früher hatten jemals über die Grauen des Nationalsozialismus und die Folgen für die Familie gesprochen. Kein Blick zurück, nur noch nach vorn. „Mein Mann wusste so gut wie nichts über seine Familie. Es wusste kein Mensch, wo sie sind.“ Doch das sollte sich ändern. Heute, sagt die 41-Jährige, gibt es Kontakte zu Verwandten nach Köln, Australien, Brasilien und in die USA.

    Daniela und Axel Tobias aus Solingen mit Dieter Laux (links) vor dem Kulturzentrum Alte Schule in Müllenbach: Hier bewahrt der Archivar die Schätze des Ortes auf – meist Geschichten über Menschen wie die jüdische Familie Mayer.
    Daniela und Axel Tobias aus Solingen mit Dieter Laux (links) vor dem Kulturzentrum Alte Schule in Müllenbach: Hier bewahrt der Archivar die Schätze des Ortes auf – meist Geschichten über Menschen wie die jüdische Familie Mayer.

    Zurück nach Müllenbach: Während ihrer Recherchen stieß Daniela Tobias auf den Namen Sophia Tobias – auf der Internetseite der Gemeinde Müllenbach. Dort ist die chronologische Geschichte der Eifelgemeinde nachzulesen. Und zu verdanken ist das Dieter Laux, der diese Chronologie verfasst hat. Und mehr noch: Er kann Daniela Tobias viele weitere Details der Familiengeschichte nennen, da er selbst im Jahre 2004 einen ausführlichen Bericht über das Leben der jüdischen Mitbürger in Müllenbach, vor, während und nach der Naziherrschaft, geschrieben hat.

    Diese Soßenschale und die Tasse haben einmal Johanna Mayer gehört, die seit April 1942 als verschollen gilt.  Fotos: Daniela Tobias
    Diese Soßenschale und die Tasse haben einmal Johanna Mayer gehört, die seit April 1942 als verschollen gilt. Fotos: Daniela Tobias

    Wer war Sophia Tobias? Eine Cousine des Großvaters von Axel Tobias, der heute 70 Jahre alt ist. Sophia Tobias, die 1881 in Heimbach-Weis geboren wurde, heiratete in Müllenbach den jüdischen Viehhändler Moses Mayer. Dessen Bruder Emanuel, ebenfalls in Müllenbach beheimatet, führte hier die vom Vater übernommene Metzgerei. Die beiden Ehefrauen bedienten hinter der Ladentheke.

    Daniela und Axel Tobias, ein pensionierter Studiendirektor, erfahren schon nach der ersten Kontaktaufnahme sehr viel von Dieter Laux. „Wir hatten so ein recht umfassendes Bild des Verbleibs der jüdischen Familien aus dem Ort“, lobt Daniela Tobias das Engagement des Mannes, der im Auftrag des Schiefervereins im Kulturzentrum die Geschichte der Heimat kultiviert.

    Das Ehepaar Tobias beschließt, nach Müllenbach zu fahren. Wie fühlte sich das an? „Es ist ein Gefühl. Man sieht nichts, aber dieses Gefühl ist da. Jetzt in dem Ort zu sein, in dem die Familie einst gelebt hat“, sagt die Journalistin. Aber kein Grab zum Innehalten oder Abschiednehmen. Ähnliches hat das Paar auch in Städten wie Lódz und Riga erlebt: „Man steht da und sieht nichts.“ Doch, sagt Daniela Tobias, wer einmal mit der Spurensuche angefangen hat, hört nicht so einfach auf. „Man folgt den Menschen auf diesem Weg, um sich zu vergewissern, dass sie auch tatsächlich gelebt haben.“

    Wie Erna Mayer, geboren 1910, die älteste Tochter von Sophia und Moses, die 1928 in die USA zu Onkel und Tante geht, um in New York als Hausmädchen zu arbeiten. Auch die zweite Tochter Frieda, geboren 1911, geht im Jahr 1929 nach New York, um hier zu arbeiten. Die Situation in Müllenbach verschärft sich im Rahmen der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten in den 30er-Jahren schnell für die Zurückgebliebenen und auch die dritte Tochter Selma, geboren 1913, reist im Dezember 1937 nach New York. Die vierte Tochter Else, geboren 1918, hat Max Schmitz aus Binningen geheiratet. Die fünfte Tochter Lilly, geboren 1921, zieht wie ihre Schwester nach Binningen, sodass Moses und Sophia Mayer nur noch mit Sohn Julius zusammenleben, als in der Pogromnacht die Fenster ihres Hauses in Müllenbach eingeschlagen werden. Das Haus wird enteignet, sie werden gezwungen, in das Haus von Moses‘ Bruder Emanuel einzuziehen.

    Als die Eltern ebenfalls die Flucht zu ihrer mittlerweile verheirateten Tochter Erna nach New York wagen, können sie nicht mehr über die Niederlande ausreisen, sondern müssen nach Italien. Sie verpassen ein erstes Schiff in Genua, aber das zweite, das am 19. Mai 1940 ausläuft, erreichen die beiden. Es ist das letzte Schiff mit Flüchtlingen, das Italien vor Kriegseintritt verlässt. Ihren Sohn Julius müssen Sophia und Moses bei seinem Onkel Emanuel in Müllenbach zurücklassen, Else und Lilly bleiben in Binningen. Geplant ist, dass die ganze Familie bald nachkommen soll, aber dazu ist es schließlich zu spät. „Von Julius gibt es keine Unterlagen, keine Geburts- und keine Sterbeurkunde, nur ein Klassenfoto“, sagt Daniela Tobias.

    Den beiden leiblichen Kindern von Emanuel und Johanna Mayer, Bella und Walter, sowie dem Ziehsohn Oscar gelingt noch die Auswanderung nach New York. Ende April 1942 werden alle Daheimgebliebenen aus Müllenbach und Umgebung zunächst nach Koblenz gebracht und anschließend nach Izbica/Polen deportiert. Sie gelten seitdem als verschollen.

    Walter Mayer kommt zu Kriegsende als GI, der bei AFN in Frankfurt stationiert ist, nach Müllenbach zurück, nicht nur um alte Freunde zu besuchen und nach dem Verbleib der letzten Habseligkeiten seiner Eltern zu schauen, sondern auch jenen einen Besuch abzustatten, die damals so schnell die braunen Uniformen übergestreift und die von der Partei befohlenen Sanktionen gegen die Juden des Ortes umgesetzt hatten. Anlässlich seines unerwarteten Besuches sollen diese Herren nicht nur die Gesichtsfarbe gewechselt haben, so vermittelten Zeitzeugen bei den Recherchen. Daniela Tobias und ihren Ehemann freut es, dass im Müllenbacher Kulturzentrum Schieferregion – Altes Pfarrhaus –, das vom Verein zur Erhaltung der Schieferbergbaugeschichte nicht nur als kleines Museum sondern auch als Archiv für Orts,- Kirchen-, und Schieferbergbaugeschichte genutzt wird, die letzten Hinterlassenschaften der Familien stehen: eine Soßenschale und eine Kaffeetasse. Sie haben Johanna Mayer gehört.

    Daniela Tobias wird nicht ruhen. Sie ist in verschiedenen Foren unterwegs, wenn sie auf Infos stößt, die sie für wichtig hält, geht es weiter. „Es ist eine offene Baustelle.“ Ob diese Geschichte jemals komplett aufgerollt werden wird? Familie Tobias ist kompletter als vor der Suche. Das Schweigen hat endlich ein Ende. Petra Mix

    Cochem Zell
    Meistgelesene Artikel
    Online regional
    Nina Borowski

    Nina Borowski

    Regio-CvD Online

     

    Mail

    Anzeige
    epaper-startseite
    Regionalwetter
    Montag

    6°C - 7°C
    Dienstag

    9°C - 11°C
    Mittwoch

    6°C - 12°C
    Donnerstag

    10°C - 15°C
    News aus Ihrer Region - Lokalteil wählen
    wissenlinz,neuwiedremagenmontabaurandernach,mayenkoblenzdiezbademszellsimmernbirkenfeldkirn,badsobernheim,meisenheimbadkreuznach
    Anzeige