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    Pünderich

    Wie die Poesie der Straße zum Erfolg führt

    Nico Feidens Weg hin zu einem erfolgreichen jungen Lyriker führte geradewegs aus der Obdachlosenszene der Südtiroler Landeshauptstadt Bozen heraus. „Ich habe mich einfach auf die Straße gesetzt mit einem Schild, auf dem stand ,Deutsche Lyrik zu verkaufen'“, erzählt der 24-Jährige, der im Moseldorf Pünderich aufgewachsen ist. „Wenn es gut lief, habe ich auf diese Weise 200 Euro am Tag eingenommen.“ Das Fernsehen kam, eines führte zum anderen. Und jetzt steht Feiden unmittelbar davor, sich den Preis abzuholen. Für ein Gedicht aus seinem aktuellen Lyrikband „Das Echo des Weines“, der Mitte Oktober im Rhein-Mosel-Verlag erschien.

    Der Lyriker und Schriftsteller Nico Feiden (24) im Foyer des Hotel-Restaurants „Zur Marienburg“ im Moseldorf Pünderich. Dort liest er am 25. November aus seinem neuen Gedichtband „Das Echo des Weines“.
    Der Lyriker und Schriftsteller Nico Feiden (24) im Foyer des Hotel-Restaurants „Zur Marienburg“ im Moseldorf Pünderich. Dort liest er am 25. November aus seinem neuen Gedichtband „Das Echo des Weines“.
    Foto: David Ditzer

    Okay, um es gleich vorwegzunehmen: Es war kein Schicksalsschlag, der Nico Feiden sein Dach über dem Kopf raubte. Im Jahr 2013 entscheidet sich der damals 20-Jährige bewusst dafür, für eine Weile mit Bozens Obdachlosen zusammenzuleben. „Das war die pure Freiheit, die ich dort erlebt habe, echt, wahrhaftig, und ich hatte nie das Gefühl, in Gefahr zu sein“, blickt Feiden zurück. Dabei wollte er damals einfach nur aus dem Alltag ausbrechen und durch Südeuropa trampen.

    Die Berufsbildende Schule (BBS-EHS) in Trier hat er hinter sich gelassen, genauso wie seine freie Mitarbeit für „Faze“, ein in Köln beheimatetes Magazin für Elektromusik. Von der Scheinwelt, die er dort miterlebte, hat er genug. „Die Menschen in dieser Szene hatten alle irgendwelche Masken auf. Jeder versuchte nur, sich zu profilieren“, sagt Feiden. In dem jungen wächst die innere Unzufrieden täglich – und der Alltag ihm über den Kopf. „Immer wenn man unzufrieden ist, muss man erst einmal ausbrechen und zu sich selbst finden“, ist Feiden überzeugt.

    Also entscheidet er sich zu einem radikalen Schnitt. Rucksack auf, nötigste Klamotten rein, an die Straße, Daumen raus und per Anhalter ab gen Südtirol. Ganz schön mutig, oder? „Ich sage immer, solange der Mut den Zweifel schlägt, soll man es wagen“, sprudelt es aus dem gebürtigen Moselaner heraus.

    An die Begegnung in Bozen, die sein Leben maßgeblich verändert, erinnert sich Feiden lebhaft. Aus Südtiroler Weinbergen schlendert er hinab in die Stadt. Da begegnet ihm ein Obdachloser mit Hund. Die beiden Männer kommen miteinander ins Gespräch: Wo kommst du her? Wo willst du hin? Small Talk. Feiden erzählt dem Obdachlosen von seinem Plan einer Reise durch Südeuropa. „Und er hat mich gefragt, ob ich denn wüsste, wo ich zum Beispiel duschen kann.“ Der Moselaner verneint. Doch er habe etwas Geld und komme schon klar. Damit lässt es der Obdachlose nicht bewenden. Er sagt „Spar dir das Geld“ und führt Feiden in die Obdachlosenszene von „Bolzano“ ein, wie die Stadt auf Italienisch heißt. „Viele von denen sind einfach aus Deutschland abgehauen“, sagt Feiden. Sie leben die Freiheit der Straßen, ziehen umher, plaudern, feiern und lachen miteinander. „Und die haben aufeinander aufgepasst“, hält der Lyriker fest. Obschon er sich bewusst ist, dass er das Ganze durchaus romantisiert. Ohne Moos nix los. Kommt schließlich nicht von ungefähr, dieser Spruch.

    Um sich auf der Straße etwas Geld zu verdienen, schreibt Feiden und verkauft das Geschriebene, recht notdürftig und simpel zusammengebunden. „Wenn jemand nach dem Preis gefragt hat, habe ich immer gesagt: ,Gib mir, was es dir wert ist'.“ Anfangs sind es Kurzgeschichten, doch aus dieser Prosa wird nach und nach Prosalyrik, also Lyrik in ungebundener, reimloser Sprache.

    Drei Monate lebt Feiden mit Bozens Obdachlosen zusammen, Freundschaften entstehen. Dann zieht er weiter: Süditalien, Portugal, Spanien, für weitere Monate zurück nach Bozen. Er verständigt sich auf Englisch, Deutsch und Italienisch. Letzteres bringt er sich im zweisprachigen Südtirol bei. „Ich bin jemand, der Sprachen schnell aufsaugt“, konstatiert Feiden. Der wandernde Poet ist ORF und 3sat Beiträge wert. Danach kommt der Erfolg flott. Seinen ersten Gedichtband, „Blaue Wildnis“, veröffentlicht Feiden 2016 im Eifelverlag. „Das war ein Rauschbuch“, erzählt der 24-Jährige trocken und lächelt. Er handelt von der Poesie der Nächte, in denen man betrunken mit Freunden umherzieht. Das aktuelle Buch, „Das Echo des Weines“, hat zwei Kapitel: „unterwegs“ und „heimat“. Die Gedichte darin handeln zwar auch vom Rauschhaften und der Freiheit der Jugend, von sexuellen Abenteuern und der Lust am Verrückten. Doch sie zeichnen sich eben auch durch eine lyrische Tiefe aus, die ungewöhnlich ist für einen so jungen Autor. Sie werfen Fragen auf nach der ewigen Suche, der Suche nach dem Sinn des Lebens. Prosaverse mit dem Titel „Die Welt atmet weiter“ werden Feiden wohl am Sonntag den nächsten Preis eintragen. Dann bestreitet er das Finale des Lyrikwettbewerbs zeilen.lauf beim Festival art experience in Baden bei Wien.

    Lange überlegen muss Feiden nicht, wenn man ihn fragt, worauf es ihm bei seinen Gedichten ankommt. „Darauf, die Leute zu berühren, auf das Gefühl, das am Ende von Lyrik bleibt.“ Und viel braucht der junge Poet nicht, um es zu Papier zu bringen. Nur eine Schreibmaschine, eine Kerze und eine Flasche Moselriesling, am liebsten vom Pündericher Weingut Lay. Im Herbst nächsten Jahres wird Feidens erster Roman im Verlag Rowohlt erscheinen – Titel: „Sterben können wir später“.

    Von unserem Redakteur David Ditzer

    blaunachtschatten

    zwischen diesen zeilen,

    schneekuppeln außer der Fenster

    der atmende Wein,

    dekantiert wie meine Lungen

    von nikotinfingern,

    die an wortfetzen

    verbrannter gedichte hängen

    (auch im Winter will man nicht frieren)

    der nomadenmond

    wandert von fenster zu fenster

    die wege hinunter ins dorf

    verschneit,

    eiszackenkronen an den dachrinnen

    verkünden die herrschaft

    eines neuen königs

    der herbst ist tot

    lang lebe der winter!

    meine küsse wehen

    nicht mehr durch die

    haare der huren

    von neapel

    ein blaunachtschatten

    entmündigt den abend

    noch trinke ich den wein

    dieses jahres,

    in zu schnellen schlücken

    bis die mitternachtswende

    ein vergangenes jahr

    auf das etikett druckt

    (aus dem Gedichtband „Das Echo des Weines“ von Nico Feiden, erschienen im Rhein-Mosel-Verlag, 86 Seiten, 9,90 Euro.)

    Feiden liest in seinem Heimatdorf

    Pünderich. Für eine Lesung aus seinem Gedichtband kommt Nico Feiden am Samstag, 25. November, ins Hotel-Restaurant „Zur Marienburg“ nach Pünderich. Die Lesung beginnt um 19.30 Uhr (Einlass: 19 Uhr), der Eintritt ist frei. Feidens Gedichte sind emotionale Momentaufnahmen. Fremde Länder und die Idylle der Mosel verbinden sich zu einem zusammenhängenden Gemälde. Die Distanz dazwischen, bleibt ein Weg, eine Selbstfindung auf den Spuren des Weines, ein Zurückkehren zu den Anfängen des Lebens. Die Frage nach Heimat und nach der Bedeutung von Liebe zwischen Freiheitssinn und Selbstverwirklichung ist literarisches Kernthema des Bandes. dad

    Cochem Zell
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