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    Ungewöhnliches Modell: Wenn die Tochter die Chefin der Eltern ist

    Plötzlich die Chefin der eigenen Eltern zu sein – das hat sich zunächst einmal ein bisschen merkwürdig angefühlt für Christina Berg. Und für ihre Eltern Karin (56 Jahre) und Werner Berg (58 Jahre) dürfte das nicht anders sein. Sie unterstützen ihre Tochter. Ganz klar. Der Vater wird später lachend erzählen, dass es manchmal schon Diskussionen gibt. Völlig normal. Mittlerweile aber ist der Alltag eingekehrt im Weinhaus Berg in Bremm. Die 31-Jährige leitet den Betrieb seit Anfang des Jahres allein, in der vierten Generation.

    Jetzt ist die Chefin: Christina Berg (Mitte) kann sich auf ihre Eltern Werner und Karin verlassen. Mehr als 30 Jahre lang haben sie das Weinhotel Berg in Bremm geleitet. Jetzt ist ihre Tochter am Zug. Foto:  Kevin Rühle
    Jetzt ist die Chefin: Christina Berg (Mitte) kann sich auf ihre Eltern Werner und Karin verlassen. Mehr als 30 Jahre lang haben sie das Weinhotel Berg in Bremm geleitet. Jetzt ist ihre Tochter am Zug.
    Foto: Kevin Rühle

    Tradition ist wichtig, doch einiges ist neu im Haus. Das möchte die neue Chefin so. Die Hotelbetriebswirtin musste einiges investieren, denn bei der Betriebsübergabe musste auch eine neue Konzession her und die ist an Bedingungen geknüpft. Akustikdecke, Brandschutz – das kostet richtig Geld. Christina Berg mag keine halben Sachen. Der Fußbodenbelag ist neu. „Und da hinten“, lacht sie, und zeigt auf eine Baustelle, „wird ein Aufzug hinkommen. Endlich.“ Kofferschleppen, vor allem für die Gäste, die länger bleiben, ist nicht mehr zeitgemäß. Genau wie die Gäste an der Theke in Empfang zu nehmen. Charme hat das ja schon. Aber sie will es anders machen. Eine (kleine) Rezeption, wie sie es aus anderen Häusern kennt.

    Christina Berg hat ein bewegtes Leben hinter sich, hat in Hamburg, Berlin, Australien und Lissabon gearbeitet. „Und dennoch“, wird sie später auf die Frage antworten, was sie so an der Region mag, „bin ich im Urlaub immer an die Mosel gekommen.“ Eine Liebe fürs Leben. Als sie mit 18 Jahren im Partymodus, wie sie selbst sagt, die Entscheidung trifft, den Beruf zu ergreifen, ist ihr klar, dass sie bereit, ist, das lässige Leben zu ändern. Die Arbeitszeiten, immer dann, wenn andere frei haben, kennt sie von ihren Eltern nur zu gut. Sie geht nach Karlsruhe, wird zur Hotelfachfrau ausgebildet. Die Eltern haben ihr damals mit auf den Weg gegeben: „Du musst das Hotel ja nicht übernehmen“. Das hat sie beruhigt, der Druck war weg. Sie atmete auf.

    Christina Berg wechselt irgendwann nach Hamburg in ein Fünf-Sterne-Hotel, besucht auch die Hotelfachschule. Als sie von den völlig anderen Erwartungen der Gäste in solch einem noblen Betrieb erzählt, in dem zehn Bedienste für 70 Gäste zuständig sind, betreten zwei Wanderer den Gastraum in Bremm. Sofort wird klar. Hier geht es alles andere als förmlich, sondern familiär zu. So individuell wie möglich soll es sein. „Das wünscht sich jeder Gast, keiner will ein Herdenschaf sein“, lacht die junge Chefin.

    Es gab auch andere Zeiten, da war ihr der Job in der Hotellerie einfach zu viel. Ihr war klar: „Das will ich auf gar keinen Fall so weiter machen“. Sie wollte etwas Neues ausprobieren. Und da ist ja noch ihr Traum gewesen. Ein Job im Bereich Online-Marketing. Sie hat ihn gefunden: Traumjob. In Berlin, als Trainee bei einem jungen Start-up-Unternehmen. „Ich konnte mir die Zeit frei einteilen, es war ideal.“ Als dann die Eltern bei der Suche nach einem Nachfolger wenig Erfolg haben, geht Christina Berg mit sich ins Gericht. „Entweder du kommst zurück, oder wir müssen verkaufen.“ Sagten die Eltern. Das hat sie getroffen. Den Betrieb aufgeben. das konnte sie sich nicht vorstellen. Ein Jahr lang, das kann sie mit ihrem Arbeitgeber in Berlin aushandeln, schaut sie in Bremm, ob es noch Spaß macht, ob sie sich die große Verantwortung zutraut? „Andere machen ein Sabbatical, nehmen eine Auszeit, ich habe das Probearbeiten an der Mosel dazwischengeschoben.“ Das Gute: Sie hätte nach einem Jahr in die Berliner Agentur zurückehren können. Doch sie bleibt. Zunächst im Service, um sich noch einmal an alles zu gewöhnen. Der Funke springt rasch über. Sie fühlt sich bei der Familienehre gepackt.

    „Opa und Oma“, erzählt sie, „hatten eine Wohnzimmerkneipe. Es gab ein Prospekt, mit dem der Opa dafür geworben hat, dass es fließend warmes Wasser gibt“, lacht Christina Berg. Natürlich hat sie schon als Kind im elterlichen Betrieb mitgeholfen. „So mancher Stammgast hat mich als Baby schon auf dem Arm gehalten.“ Etagenduschen wie in den 70er-Jahren, das war bald tabu. Nach und nach wurde das Unternehmen aufgebaut, das ihre Eltern dann mehr als 30 Jahre geführt haben. Jetzt ist jedes Zimmer renoviert, 2016 wurden sechs neue Badezimmer gebaut. Berg weiß, was sie will. Damit es den Gästen, Wanderern, Weinfans, Radfahrern gut geht. „Die meisten sind Stammgäste, es ist wie in einer Familie.“

    Stichwort Familie: Es ist ihr wichtig, dass es den Eltern gut geht. „Mein Vater hat schon viel abgeben müssen. im Grunde ist es sein Lebenswerk“, weiß sie um den „Machtverlust“, der immer schwierig ist. Die Eltern sind noch immer zur Stelle, treten aber deutlich kürzer. „Viele“, sagt Werner Berg, „verstehen nicht, warum wir so früh aufgehört haben.“ Na ja, bei mehr als 30 Jahren und 12- bis 14-Stunden-Tage in zwölf Monaten im Jahr ist das durchaus nachvollziehbar. Der Übergang war nicht einfach. Auch weil der Experte des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) „uns immer wieder den Spiegel vorgehalten hat“, sagt Werner Berg. „Am Ende war es gut.“

    Denn die Eltern hatten es eigentlich schon abgehakt, „dass unsere Tochter es macht“. Es war ein Neuanfang, „Für uns, für das Personal und auch für die Gäste“, sagt der Vater, dem eines bei allem besonders wichtig war: das Personal zu halten. Viele kommen von der Mosel, aus St. Aldegund, Neef, Bremm und Ediger-Eller. Und einige sind seit mehr als 20 Jahren dabei. Christina Berg weiß, wie wichtig das ist, dass die Chemie stimmt. Familiär, das ist auch ihre Devise bei der Personalführung.

    Von unserer Redakteurin Petra Mix

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