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Serie "Hinter den Kulissen": Stephan Hilken reflektiert Lokales britisch-böse in der Bütt

Immer wieder fährt sich Stephan Hilken mit der Hand durchs Haar, macht sich konzentriert hier und da Notizen auf seinen Textskripten. Um ihn herum ist die Probe in vollem Gange. Die Mitglieder der Gruppe „Baddanouhdah“ liegen sich in den Armen, mimen bekannte Gesichter aus Welt- und Lokalpolitik. Gewohnt politisch wird das Programm werden, das wie immer aus Hilkens Feder stammt. Bereits mit 13 Jahren hat der „Peff“, als der er in Cochem den meisten eher bekannt ist, angefangen, Texte für den Karneval der Moselstadt zu schreiben.

„Für mich ist vor allem der Schaffensprozess interessant“, erklärt Hilken, „bei den Auftritten werden eigentlich nur noch die Lorbeeren eingefahren.“ Doch nicht nur für „Baddanouhdah“ schreibt der „Peff“ die Texte, auch anderen Akteuren des Cochemer Sitzungskarnevals greift er gerne unter die Arme. Jacob Heimes hat er beispielsweise anfangs geholfen, der Rolle des „Zumme-Clowns“ wieder Leben einzuhauchen. Und auch die „Vier Bauarbeiter“ unterstützte Hilken von Anfang an gemeinsam mit Sitzungspräsident Jörg Eckerskorn. Seinen Stempel möchte Hilken dabei aber niemandem aufdrücken. „Wenn ich für ,Baddanouhdah' schreibe, ist es mir wichtig, meine Themen und meine Meinung reinzubringen. Bei Sachen, die ich für andere schreibe, ist das aber gar nicht der Fall. Da helfe ich nur bei der dichterischen Umsetzung oder der Strukturierung eines Vortrags“, erklärt der Ur-Cochemer.

Vor „Baddanouhdah“ gab es im Cochemer Karneval die „Moartschreia“ (Marktschreier). Eine Gruppe, die seit Mitte der 1960er Jahre Gesangsvorträge mit lokalen und bundesweiten Themen aufführte. Hilken ist dort 1988 zum ersten Mal dabei gewesen. „Ich habe zunächst nur Congas gespielt, weil ich zu der Zeit auch schon Schlagzeug spielte“, erinnert er sich. Das war sein erster Auftritt bei einer großen Sitzung. „Trotz schwarzer Schminke soll man mir die nervöse Blässe noch angesehen haben“, sagt Hilken und lacht. Als er dann älter wurde, sang er auch mit. Bis zum Jahr 2000, da haben sich die „Moartschreia“ aufgelöst. Einige Mitglieder der Gruppe dachten aber nicht ans Aufhören, aus ihnen und einigen Freunden formierte sich schließlich „Baddanouhdah“. „Und weil ich zuletzt auch bei den ,Moartschreian' schon relativ viel mitgeschrieben hatte, war bei ,Baddanouhdah' schnell klar, dass ich dort ebenfalls diesen Part übernehmen würde“, sagt Hilken.

Doch woher kommen eigentlich die Ideen für das Programm? „Ich verfolge aufmerksam das Geschehen in Cochem. Große Themen bekommt man ja sowieso mit, die sind in aller Munde“, sagt der 43-jährige Sozialpädagoge. Natürlich interessiert ihn auch Weltpolitik, denn bei „Baddanouhdah“ sieht er sich dem Kabarett und der politischen Satire verpflichtet. Da ist er für alle Themen offen. „Es können durchaus mal Parts dabei sein, wo die Leute sich nicht direkt kaputtlachen sollen, sondern erst mal schlucken müssen. Wie im klassischen Kabarett, wo man den Leuten auch mal einen Denkanstoß mitgibt“, erklärt Hilken. Die Schwierigkeit dabei sei: Es soll nicht belehrend sein. Es gilt einen Mittelweg zu finden, damit es immer noch unterhaltsam für die Zuschauer ist.

Innerhalb der Gruppe kann es deshalb durchaus auch schon mal zu Diskussionen kommen, wie viel politisches Kabarett man dem Publikum denn tatsächlich zumuten will. „Spaß und Anspruch müssen sich meiner Meinung nach aber nicht ausschließen“, sagt Hilken. Er selbst ist vor allem vom britischen Humor geprägt, wie er selbst sagt: trocken, subtil, mit Wortwitz, wie bei Monty Python, auch mal ohne Pointe. „Man muss sich auf meinen Stil schon einlassen können. Ich bin jetzt nicht so kreativ, dass ich jedem das schreibe, was er haben möchte“, erklärt er.

Stephan Hilken setzt sich meist selbst eine Deadline, bis Ende des Jahres will er mit den Vorträgen für die kommende Session fertig sein. Je früher Karneval im Jahr liegt, desto enger kann es allerdings werden. „Es gibt Jahre, da fällt einem das leichter, es gab aber auch schon Jahre, wo ich fast verzweifelt bin. Früher habe ich mich aber selbst mehr unter Druck gesetzt“, sagt Hilken. Schreiben – beziehungsweise Kreativarbeit – ist eben auch immer ein bisschen tagesformabhängig.

Und wie ist es, den Leuten in Cochem am Tag nach der Sitzung wieder auf der Straße zu begegnen, wenn man sie abends erst durch den Kakao gezogen hat? „Grundsätzlich sage ich, dass Leute, die in irgendeiner Art und Weise in der Öffentlichkeit stehen, damit leben und das aushalten können müssen, dass sie Zielscheibe des Spotts werden. Eine Privatperson hat da hingegen noch mal einen anderen Schutz verdient“, sagt Hilken. Privates würde er nicht auf die Bühne zerren. Er hat allerdings auch schon mal kritische Rückmeldungen bekommen, dass er irgendwo einen Schritt zu weit gegangen sei. „Ich möchte bei den Texten nicht persönlich werden. Leute, die betroffen sind, sollen, so hoffe ich, noch drüber schmunzeln können. Ich will niemanden bloßstellen oder zum Gespött machen“, da zieht Hilken für sich selbst klare Grenzen. Er sieht sogar eine besondere Chance im Karneval: Der Bürger könne im Schutzmantel der Kunst und Satire auf einer Sitzung der Politik mal den Spiegel vorhalten.

Wenn auch er für andere Gruppen Texte schreibt, als Konkurrenz sieht Stephan Hilken die anderen Akteure keineswegs: „Ich verstehe alle, die auf der Sitzung was machen, als Kollektiv. Und ich freue mich über alle, die was machen wollen, die ihre Freizeit dafür opfern. Wer da am Ende mehr Applaus bekommt, ist mir egal.“

Christoph Bröder

Dem Nachwuchs den Start erleichtern

Stephan Hilken steht gerne mit Rat und Tat zur Seite, wenn jemand sich für den Sitzungskarneval in Cochem interessiert. Er empfiehlt: Wer noch keine Bühnenerfahrung hat, kann erst mal bei einer der Karnevalsgruppen reinschnuppern. Da stehe man nicht ganz alleine und völlig schutzlos auf der Bühne.

Beim Texten und der Konzeption leistet er gerne Hilfestellung, der Cochemer hat dafür sogar wissenschaftliche Literatur zu Hause. Und er blickt auf viele Jahre Erfahrung zurück. Davon sollen alle profitieren können. cbr

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