40.000
  • Startseite
  • » Region
  • » Aus den Lokalredaktionen
  • » RZ Mittelmosel
  • » Meryem Aydin lebt gern an der Mosel - mit allem Pipapo
  • Aus unserem Archiv
    Bullay

    Meryem Aydin lebt gern an der Mosel – mit allem Pipapo

    Meryem Aydin war neun, als sie nach Deutschland kam. 1973 holten ihre Eltern sie und die Geschwister nach. Beide waren zu der Zeit Gastarbeiter: Vater Ahmed Bulut seit rund acht Jahren im Tunnelbau, auch in Cochem, Mutter Sise Bulut seit zwei Jahren bei der Schokoladenfabrik Imhoff in Bullay.

    Meryem Aydin fing mit neun Jahren noch mal in der ersten Klasse an.
    Meryem Aydin fing mit neun Jahren noch mal in der ersten Klasse an.
    Foto: privat


    Meryem war bis dahin bei ihren Großeltern auf dem Land aufgewachsen, in der Provinz Trabzon an der türkischen Schwarzmeerküste, wo nur eine Straße asphaltiert war und es in den Häusern kein fließendes Wasser gab. „Plötzlich kamen wir in die Riesenstadt Istanbul!“, erzählt die heute 46-Jährige. Über Bulgarien, Jugoslawien und Österreich ging es weiter nach Bullay: „Mit neun Jahren habe ich in der Grundschule wieder in der ersten Klasse angefangen“, berichtet Aydin. Zwei türkische Mädchen in der Klasse konnten schon Deutsch, sie selbst hat die Sprache in drei Monaten gelernt. Von der dritten Klasse sprang sie direkt in die fünfte. Trotzdem „flog ich in der siebten Klasse aus der Hauptschule raus, weil ich zu alt war“. Dann ist Aydin arbeiten gegangen – ihre Mutter organisierte ihr das bei Imhoff.

    „Die Geige muss auf jeder Hochzeit dabei sein.“ Meryem Aydin ist stolz auf das Geschenk ihres Vaters.
    „Die Geige muss auf jeder Hochzeit dabei sein.“ Meryem Aydin ist stolz auf das Geschenk ihres Vaters.
    Foto: Dorothea Müth

    Als Erstes packte die 17-Jährige Schokoladentafeln in Zehnerkartons. Bald schon war sie aber woanders, „an der Maschine“, überwachte die Etikettierung der Tafeln, ob die Folie „richtig lief“ und das Papier passte. „Da gab es mehr Geld.“ Die Schokolade wurde in Früh- und Spätschicht produziert. Eine schöne Zeit war das, erinnert sich Aydin: „Was haben wir gelacht, mit allem Pipapo!“ Einen Teil des Gehalts gab sie an ihre Eltern ab, die fürs Alter ein Häuschen in der Türkei bauen wollten.
    Erst mal bauten die Buluts aber an der Mosel ihr Heim auf: Sise bewirtschaftete einen Garten, so wie sie immer Gemüse angebaut hatte, und Ahmed, gelernter Zimmermann, bastelte für jedes Kind eine schwarzmeertypische Geige: „Schleifarbeit wie verrückt“, weiß Aydin. Stolz waren die Buluts auch darauf, sich einen neuen Farbfernseher leisten zu können. Am Wochenende machten sie Picknick oder einen Ausflug nach Bad Bertrich, in den Ferien fuhren sie zu Verwandten nach Pforzheim, alle zwei Jahre für fünf Wochen in die Türkei.

    So lernte Meryem Aydin auch ihren Mann Suleyman kennen: „Ein Urlaubsflirt.“ Warum haben sie sich für Deutschland entschieden, obwohl Süleyman nach der Hochzeit noch die Wehrpflicht in der Türkei absolvieren musste? „Wenn wir Deutschland nicht schaffen, bleibt uns die Türkei immer noch“, gibt Meryem Aydin ihre damalige Überlegung wieder. Ihr Mann machte einen Deutschkurs und bekam eine Stelle als Maschinenführer in einer Weinhandlung. Sie selbst wurde für 25 Jahre Kellnerin im Alfer Restaurant Bellevue, nachdem Imhoff Anfang der 80er-Jahre das Werk in Bullay schloss, bekam zwei Kinder und arbeitet inzwischen bei Globus.

    Zu Hause ist „da, wo ich bin!“, sagt Aydin bestimmt. „Man ist es ja nicht anders gewöhnt.“ Nur das Leben als Rentnerin stellt sie sich langweilig in Deutschland vor: Die türkische Großfamilie macht das Alter weniger einsam, meint sie. Dennoch will sie die Türkei, die sie fast nur aus Urlauben kennt, dann erst länger testen, um herauszufinden, ob sie sich dort wohlfühlt. Vorerst muss es die Mosel sein, und zwar wie bisher Bullay.

    Dorothea Müth

    Aus Gastarbeitern wurden MoselanerDanke heißt: Tesekkür ederimSein Herz schlägt neapolitanischSo wird eine Familie deutsch-türkischVom Abkommen zum Anwerbestopp
    Cochem Zell
    Meistgelesene Artikel
    Online regional
    Nina Borowski

    Nina Borowski

    Regio-CvD Online

     

    Mail

    Anzeige
    epaper-startseite
    Regionalwetter
    Montag

    10°C - 14°C
    Dienstag

    13°C - 16°C
    Mittwoch

    12°C - 20°C
    Donnerstag

    12°C - 19°C
    News aus Ihrer Region - Lokalteil wählen
    wissenlinz,neuwiedremagenmontabaurandernach,mayenkoblenzdiezbademszellsimmernbirkenfeldkirn,badsobernheim,meisenheimbadkreuznach
    Anzeige