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    Meisterkurs in Cochem: Wo Pianisten mit Perry aufs Wesen der Musik hören [mit Video]

    Harrison Jarvis wirft seinen Oberkörper zurück, drückt die Wirbelsäule durch, hüpft beinahe leicht auf dem schwarzen Klavierhocker herum, auf dem er sitzt. Sein rechter Fuß, nackt in dunklen Flipflops, tritt auf ein Pedal des Flügels ein, die schlanken Finger hämmern stakkatohaft laute Akkorde aus den schwarzen und weißen Tasten heraus. Auszüge aus Robert Schumanns „Papillons op. 2“ klingen wuchtig durchs Refektorium des Cochemer Kulturzentrums Kapuzinerkloster.

    Der 19 Jahre alte Kanadier – blond gelocktes Haar, breites Lachen, grauer Pulli, schwarze Jeans – ist einer von sieben jungen Musikern, die am Meisterkurs des 25. Internationalen Klaviersommers teilnehmen. Jarvis stammt aus Aurora bei Toronto. Mit vier Jahren begann er mit dem Klavierspiel – ähnlich wie die anderen Meisterschüler, die in Cochem ihre Fertigkeiten verfeinern. „Eine Freundin von mir, Daisy Ou, kam vor zwei Jahren her und erzählte mir von dem Kurs“, sagt der junge Mann, der pure Lebensfreude ausstrahlt. „Sie sprach in höchsten Tönen davon und von John Perry“, sagt er. Also ergriff Jarvis die Chance, den Meisterkurs zu besuchen.

    Doch wie kommt die Kleinstadt Cochem, 5000 Einwohner, bei einem jungen Mann aus einer 50.000-Einwohner-Stadt an, die vor den Toren der Millionenmetropole Toronto liegt? „Es hat mich einfach umgehauen, als ich ankam“, schwärmt Jarvis. Die Architektur der alten Häuser, Kapuzinerkloster, Burg. „Das kenne ich aus Kanada nicht. Ich sehe zum ersten Mal eine Burg und kann es kaum erwarten, bis wir sie uns anschauen“, sagt der Pianist. Im Refektorium, wo er an diesem Nachmittag Schumann übt, schaut er vom Flügel aus auf ein großes Ölgemälde, das Burg und Moseltal zeigt. „Das ist fantastisch, wundervoll“, frohlockt der 19-Jährige geradezu.

    Allein: Nicht vorrangig die Reize der Mosel haben Jarvis nach Cochem geführt. Es ist die Musik. „Das ist bei mir fast schon eine spirituelle Geschichte, Musik ist meine Religion“, spricht Jarvis ruhig einen Satz aus, von dem er weiß, dass er pathetisch klingt. Was soll's? Etwas Pathos passt gut in diese einst der Religion gewidmeten Räumlichkeiten. Noch dazu, wo Jarvis sich daran versucht, die „Schmetterlinge“ (Papillons) des Robert Schumann musikalisch höher fliegen zu lassen. Ein Stück seines Lieblingskomponisten, den der Kanadier vor allem ob des enormen „Einfallsreichtums und der Verletzlichkeit“ schätzt, die aus Schumanns Musik spricht.

    Wenn's darum geht, Klangkunstwerke für Klavier im Geiste ihrer Schöpfer sprechen zu lassen, gibt's weltweit kaum einen besseren Lehrmeister als John Perry. Jarvis brachte Stücke mit nach Cochem, die er lange links liegen ließ. Nicht ohne Grund: „Es war, als würde ich bei diesen Stücken musikalisch vor eine Wand laufen, wenn ich sie spielte“, klagt der junge Mann. Doch dann kam Perry, der seinen Schülern im Pater-Martin-Saal des Klosters regelmäßig in Einzellektionen an zwei Flügeln seine Ideen von der Musik vermittelt, die hinter den reinen Noten steckt. Nicht um irgendwelche Klischeevorstellungen oder Dogmen zu verbreiten, sondern um Impulse zu geben, mögliche Wege der Interpretation zu weisen.

    „Er öffnete mir die Tür zu einer ganz neuen Welt an musikalischen Möglichkeiten“, ist Jarvis elektrisiert. Eigentlich hätten ihm die besagten Stücke zum Halse herausgehangen. „Aber Perry hat meine Neugier auf diese Musik erweckt.“

    Perry, Perry, Perry – immer wieder. „Er besitzt ein unheimliches Einfühlungsvermögen, geht sehr, sehr tief in das Wesen der Musik hinein“, sagt Marie-Christine Pasche. Die Schweizerin (38) aus Lausanne am Genfer See kannte Perry von Akademie-Tagen, die sie vor vier Jahren besuchte. „Er erzählte mir von dem Meisterkurs in Cochem.“ Nachdem gesundheitliche Probleme sie zu einer längeren Auszeit vom Klavierspielen zwangen, nutzt Pasche, die mit Klavierbegleitung, aber auch Solokonzerten Geld verdient, „die große Chance hier, um wieder das Niveau zu erreichen, das ich vor der Auszeit hatte“. Es klappt. „Ich bin jetzt schon besser“, sagt die selbstbewusst-charmante Frau mit wohlklingend rollendem Akzent.

    Auch Jonas Stark, der an der Hochschule für Musik Saar (Saarbrücken) studiert, möchte sein Musikverständnis vertiefen. „John Perry hilft einem an den richtigen Stellen weiter“, sagt der 19-Jährige, der den US-Pädagogen bei einem Kurs im australischen Sydney kennenlernte. Und dabei hat Perry „immer auch ein paar Jokes auf Lager“. Trotzdem fordert er viel von seinen Schützlingen, will sehen und hören, „dass man seine Anregungen verstanden hat“, fügt Starks Kommilitone und Freund Alexander Baier (20) aus Heidelberg an, der ebenfalls in Cochem mitspielt. „John Perry bringt mir bei, wirklich auf das zu hören, was ich aus dem Piano herausholen und damit ausdrücken möchte“, bekundet auch Sasha Bult-Ito (19) aus Fairbanks in Alaska (USA) höchsten Respekt vor den Fähigkeiten ihres Lehrmeisters. An diesem Nachmittag noch nicht an den Übungsstunden im Kapuzinerkloster beteiligt sind Kyoko Kohno (18, USA) und Sijing Ye (26, Kanada). Sie stoßen zwar später, aber nicht minder motiviert zur Gruppe hinzu.

    Harrison Jarvis nähert sich im Refektorium spielend leicht dem leiseren Finale der „Papillons“. Er rollt seinen Oberkörper langsam ein, neigt sein Haupt mit geschlossenen Augen gen Klaviatur und hängt für einen Moment den verklingenden Tönen nach. „Ein Stück von mir selbst in die Musik zu legen und meine Freude daran mit dem Publikum zu teilen“, das ist Jarvis' erklärtes Ziel. Die Richtung stimmt hörbar.

    Von unserem Redakteur David Ditzer

    John Perry ist Cochem längst ans Herz gewachsen

    John Perry, geboren am 13. Februar 1935, hat seine Studienabschlüsse an der Eastman School of Music erworben, die im US-Bundesstaat New York liegt. Dort studierte er bei Cecile Genhart und Frank Mannheimer.

    Ausgestattet mit einem Fulbright Stipendium, setzte er seine Pianostudien bei Wladislav Kedra an der Akademie für Musik (Wien) sowie Carlo Zecchi (Rom) fort. „Das Großartige an John ist, dass er die europäische und die amerikanische Tradition des Klavierspiels kennt und in seiner Person vereint“, sagt Michael Staudt, künstlerischer Leiter des Internationalen Klaviersommers. Wohl auch deshalb gibt der mit vielen Preisen dekorierte US-Pädagoge seinen Studenten immer Wissen über die Zeit mit, aus der die Stücke stammen, die sie spielen, und über die Umstände, unter denen sie entstanden. Perry, der für die zwei Wochen des Klaviersommers im Hotel Lohspeicher residiert und kürzlich zum achten Mal Vater geworden ist, ist Cochem längst ans Herz gewachsen. dad

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