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    Jens Neutag befasst sich mit dem Deutschlandsyndrom

    "Endlich mal wieder politisches Kabarett", ist aus den Zuschauerreihen zu hören, bevor Kabarettist Jens Neutag die Bühne in der Alten Schule in Zell-Merl betritt. Vor ausverkauftem Haus gibt der Kabarettist sein sechstes Soloprogramm mit dem Titel "Das Deutschlandsyndrom" zum Besten - eine "offene Anamnese am Patientengehirn", wie es in der Vorankündigung zur Show heißt.

    Jens Neutag lässt sein Publikum auf amüsante Weise an seinen Überlegungen zum Deutschlandsyndrom teilhaben.
    Jens Neutag lässt sein Publikum auf amüsante Weise an seinen Überlegungen zum Deutschlandsyndrom teilhaben.
    Foto: Ulrike Platten-Wirtz

    Von unserer Mitarbeiterin Ulrike Platten-Wirtz

    Tatsächlich zielt Neutag eher auf die Regionen weit oberhalb der Gürtellinie ab denn auf die darunter. Mit der Frage "Was ist eigentlich das Deutschlandsyndrom?" stellt er die Zuschauer erst einmal vor ein Rätsel, das er selbst scheinbar nicht zu lösen vermag. Ob es tatsächlich gefährlich sei, ob es dafür Medikamente gebe oder ob man den Arzt oder Apotheker befragen müsse, bleibt vorerst im Dunkeln. Aber dem Publikum wird schnell klar, das es bei dem Bühnenprogramm darum geht, den Deutschen und ihren oft skurrilen Verhaltensweisen einen Spiegel vorzuhalten.

    Dabei ist sich Neutag nicht zu schade, Altkanzler Helmut Schmidt, mit rauchiger Stimme und aus dem letzten Loch pfeifend, zu imitieren und als solcher über die Politiker herzuziehen. Früher sei man noch aus Idealismus in die Politik gegangen und habe sich noch was getraut, wettert Neutag alias Helmut Schmidt. "Wir wilden Vögel haben sogar in geschlossenen Räumen geraucht." Was nach ihm gekommen sei, sei zum einen Scharping gewesen, dessen Name schon klinge wie eine japanische Vogelgrippe, dann Oskar aus der Mülltonne und anschließend Gerhard Schröder, der Gasableser Putins.

    Neben den ehemaligen Spitzenpolitikern nimmt Neutag vor allem die oft widersprüchlichen Verhaltensweisen der Deutschen unter die Lupe. Während man früher noch demonstriert habe, rege man sich heute allerhöchstens noch über "Wetten dass..?" auf. Und demonstriert werde nur noch per Onlinepetition. "Da hockt man zu Hause gemütlich auf dem Sofa, die eine Hand in der Chipstüte und mit der anderen protestiert man per Mausklick."

    Aus der Reserve locken lasse sich der Deutsche allerdings, wenn die Benzinpreise steigen. "Da sind wir mental bereit für den Dritten Weltkrieg, fahren einen halben Tag durchs ganze Land, um irgendwo 3 Cent billiger zu tanken. Am Ende sparen wir dann 75 Cent, kriegen ein Magengeschwür und müssen ins Krankenhaus, wo der Tagessatz uns 10 Euro kostet", erklärt Neutag konsterniert.

    Auch das typisch deutsche Einkaufsverhalten wird von Neutag kritisch beleuchtet. Die Steigerungsform der deutschen Schnäppchengeilheit erklärt Neutag mit "Schnaps, Schnäppchen, übergeschnappt". Lieber bestelle man ein paar Socken für 1,40 Euro im Internet und zahle dafür 3 Euro Porto, als die Socken im Laden nebenan für 2 Euro zu erwerben. Auch vom Einkaufsverhalten vor Feiertagen kann der Kabarettist ein Lied singen. "Da prügeln sich die Leute um den letzten Porree, als ob die Herstellung von Lebensmitteln nach Weihnachten eingestellt würde."

    Um dem Deutschlandsyndrom vorzubeugen, habe er selbst sich seit einiger Zeit einer Schreibtherapie unterzogen. Neutag trägt selbst verfasste Texte vor, unter anderem Gedanken zu seinem persönlichen Unwort des Jahres, dem "Outlet Store". Schon das Wort löse einen direkten elektrischen Impuls aus, der das Hirn ausschalte und die Beine dazu bewege, sich selbstständig auf den Weg zu machen. "Der Store ist dann so voll wie eine Legebatterie, bei der die Betriebserlaubnis allerdings längst erloschen wäre", kritisiert Neutag weiter. Bei der Betrachtung der Verhaltensweisen darf natürlich auch die typisch deutsche Bürokratie nicht zu kurz kommen. Anhand des Beispiels vom Teufel, der in der Fußgängerzone die Hölle eröffnet, nimmt Neutag den deutschen Ordnungswahn auf die Schippe und amüsiert das Publikum.

    Zweimal 50 Minuten lang diagnostiziert Neutag mit pathologischem Witz und abgründigen Wendungen das immer gleiche Syndrom und sorgt für Lacher in den Zuschauerreihen. Insgesamt ein durchaus unterhaltsamer Abend auf wirklich hohem Niveau.

    Cochem Zell
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