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    Treis-Karden

    Jeden Sonntag: "Let's Dance" an der Mosel

    Sonntags zum Tanztee gehen – früher war das beinahe selbstverständlich, heute ist es herrlich altmodisch. In Treis-Karden wird diese Tradition im Schloss-Hotel Petry hochgehalten: Pünktlich um 15 Uhr haut Alleinunterhalter Henry Möhlig auf der kleinen Bühne des Tanzsaals in die Tasten seines Keyboards, dann singt er Roger Whittakers Kultschlager „Albany“. Wenige Takte später ist die Tanzfläche voll. Drei Stunden lang werden Dutzende Paare tanzen, egal ob Foxtrott, Walzer, Twist oder manchmal auch Rock 'n' Roll. Hin und wieder auch noch Rheinländer, das aber können nur noch wenige Paare, erzählt Möhlig, der seit sechs Jahren alle zwei Wochen für die Live-Musik sorgt. Neben bekannten Tanzmelodien kommen vor allem Schlager wie „Himbeereis zum Frühstück“, „Anita“ oder „Hello again“ gut an.

    Ins Leben gerufen wurde der Tanztee 1978, erklärt Marlies Bell, die Chefin des Hauses. „Anfangs kamen gerade mal drei, vier Tanzpaare“, doch das änderte sich im Laufe der Zeit. Heute sind es rund 120 Stammgäste, die „sich freuen, wenn sie sich sonntags chic machen können“, sagt Bell. Die meisten Tänzer sind nicht mehr die Jüngsten, trotzdem blickt sie optimistisch in die Zukunft: „Es kommen immer wieder neue Leute dazu.“ Christa Käfer aus dem hessischen Oberursel gehört zu den Neuen. Zum ersten Mal ist sie heute mit ihrer Freundin beim Tanztee dabei. Sie ist erheblich jünger als der Durchschnitt, doch sie findet es „toll, wenn Ältere noch beim Tanz die Beine heben können. Die jungen Leute sind zu bequem und sitzen lieber am Computer.“

    Zu den älteren Stammtänzern zählen Ingrid und Karl Strahl aus Welling, die seit vielen Jahren jeden Sonntag nach Treis-Karden kommen. Vor 45 Jahren haben sie sich beim Tanz kennengelernt, diesem Hobby sind sie bis heute treu geblieben. Obwohl Strahl 80 Jahre alt ist und zwei neue Hüften hat, ist sein Schwung ungebremst. Auf die Frage, welcher Tanz ihnen der liebste ist, antworten beide: „Der langsame Walzer.“

    Nach drei Liedern gibt es stets eine kleine Pause, dann gehen manche zurück zu ihren Tischen, manche aber bleiben auch auf der Tanzfläche stehen und unterhalten sich mit anderen Paaren, „das ist immer das Schönste“, sagt Karl Strahl. Auch die anderen Gäste bestätigen, dass sie vor allem die Geselligkeit und die freundliche Bewirtung schätzen. „Es ist hier wie in einer großen Familie“, schwärmen die Gäste. Aus der gesamten Region kommen Tanzbegeisterte in das Städtchen an der Mosel. Maria und Johannes Sturtz aus Mayen sind seit 25 Jahren mit dabei: „Es ist einfach nicht mehr wegzudenken“, bekennt Sturtz. Er tanzt nicht nur, er engagiert sich auch: Vor 20 Jahren rief er die Weihnachtsfeier mit einer Tombola für den guten Zweck ins Leben. „Insgesamt 77.500 Euro haben wir schon für die Kinderkrebshilfe vom Kemper Hof in Koblenz spenden können“, sagt er stolz.

    Neben den vielen Paaren sind auch Singles im Saal. Sie finden rasch Anschluss, gar manche Liebesgeschichte begann auf der Tanzfläche und hält bis heute, weiß der Alleinunterhalter zu berichten. Selbst wenn sich Mann und Frau nicht finden, heißt das nicht, dass man sitzen bleiben muss: Christel Benin aus Polch und ihre Freundin Dagmar Pfeiffer aus Boppard sind alleinstehend, das hält sie aber nicht vom Tanzen ab. Christel Benin klagt zwar: „Leider sind ja keine Männer hier zum Tanzen“, doch Dagmar Pfeiffer stellt prompt klar: „Ach, wir brauchen doch keine Männer.“ Erst vor einem Dreiviertel Jahr hat sie den Tanztee für sich entdeckt, schon jetzt steht für sie fest: „Ich gehe nirgends woanders mehr hin.“ Sie mag alle Tänze, doch es kann ruhig auch mal flotter sein. „Ich habe hier schon die Männer mit Rock 'n' Roll kaputtgetanzt“, kokettiert sie. Heute aber gehen es alle etwas ruhiger an, es ist sommerlich warm im Saal. Die Kleidung ist wohl deshalb eher leger als förmlich. Die Dame trägt Kleidchen oder Bluse – meist floral gemustert –, der Herr trägt Halbarmhemd, entweder uni, gestreift oder kariert.

    Allerdings ist niemand zum Tanzen gezwungen; manche Gäste bleiben an ihren Tischen sitzen, essen Eis oder Kuchen, trinken Kaffee und genießen die Musik. Wie zum Beispiel Hedy Spindner aus Koblenz, die seit mehr als 20 Jahren mit ihrer Tochter zum Tanztee kommt. Spindner ist eine Dame durch und durch – ihre feinen Gesichtszüge, ihr wacher Blick und ihre elegante Bluse lassen nicht erahnen, dass sie tatsächlich schon 100 Jahre alt ist. Sie liebt die Stimmung, die Geselligkeit und zu Hause schaut sie gern die RTL-Tanzshow „Let’s Dance“. Viele Gäste erzählen, dass sie die TV-Show lieben und so bleibt zu hoffen, dass sie vielleicht für eine kleine Tanz-Renaissance sorgt.

    Von unserem Reporter Wolfgang M. Schmitt

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