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Mosel

Crowdfunding im Dienste der Steillagen: Wie zwei Winzerinnen per Onlineaktion einen Wingert kaufen

Sozusagen aus dem Nichts heraus haben Rebecca Materne und Janina Schmitt vor ein paar Jahren ihr eigenes Weingut in Winningen gegründet. Derzeit sind sie dabei, auf ungewöhnlichem Weg ihren ersten eigenen Weinberg im Winninger Hamm gegenzufinanzieren: per Crowdfunding im Internet. Die Aktion hat großen Erfolg und findet auch bei dem Cochemer Rolf Haxel, Präsident des Weinbauverbandes Mosel, viel Anerkennung. Schließlich rückt sie ein bedeutendes Thema ins Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit: der Erhalt und die Pflege der Steillagen im Moseltal.

Den Weinberg im Winninger Hamm bewirtschaften Janina Schmitt (rechts) und Rebecca Materne schon längere Zeit. Den Kauf des Areals finanzieren sie per Crowdfunding gegen.
Den Weinberg im Winninger Hamm bewirtschaften Janina Schmitt (rechts) und Rebecca Materne schon längere Zeit. Den Kauf des Areals finanzieren sie per Crowdfunding gegen.
Foto: Sascha Ditscher

Unter Crowdfunding versteht man im Allgemeinen die Finanzierung eines Projektes durch eine Vielzahl von Menschen. Organisiert wird die Aktion zum Kauf des Weinbergs durch das Internetportal „Ploppster“, das auf Weinbauprojekte spezialisiert ist. Rebecca Materne und Janina Schmitt haben derzeit 3,2 Hektar Rebfläche gepachtet. Die Parzelle im Winninger Hamm, deren Kauf die beiden jungen Frauen nun per Crowdfunding gegenfinanzieren wollen, wird von ihnen schon seit längerer Zeit bewirtschaftet. „Die Besitzer wollen jetzt aber nicht mehr verpachten, sondern verkaufen“, erklärt Materne. Und diesen Wingert ihr Eigen nennen zu dürfen, ist den Winzerinnen besonders wichtig. Denn der an den Uhlen angrenzende, nach Westen gedrehte Weinberg verfügt über ein spezielles Mikroklima, erklärt Schmitt. Und Materne hebt den steinigen Boden mit der geringen Erdauflage hervor. „Elegant“ sei der Wein, der dort entstehe, die Herkunft und den Boden könne man deutlich herausschmecken.

Dass der Weinberg ihr Arbeitsplatz ist, gilt für die beiden Frauen in besonderem Maße: „Wir machen im Keller nichts, aber im Weinberg besonders viel“, sagt Janina Schmitt. Der Wein wird kaum nachbearbeitet, Materne und Schmitt setzen auf spontane Gärung, entsäuern oder säuern nicht. Auch Herbizide setzen sie nicht ein, sogenannte Beikräuter lassen sie stehen. Materne und Schmitt wollen, dass man die einzigartige Herkunftsregion auch schmeckt. „Es wäre unsinnig, im Weinberg solch einen Aufwand zu treiben, um die Weine später im Keller zu schönen“, sagt Materne.

8000 Euro benötigen die beiden Diplom-Önologinnen, um die etwa 2000 Quadratmeter große Fläche im Winninger Hamm zu kaufen. Diese Summe wollten sie über das Crowdfunding eigentlich erst binnen acht Wochen sammeln. Doch schon am Montagabend lagen sie deutlich darüber: 10.990 Euro von 122 Unterstützern standen da zu Buche. Glücklich kommentiert Rebecca Materne: „Damit haben wir überhaupt nicht gerechnet. Ich habe mich ehrlich gesagt gefragt, ob die Summe überhaupt zusammenkommt.“ 12.000 Euro ist das nächste Funding-Ziel der noch 45 Tage laufenden Aktion. Wobei für die beiden Winzerinnen, die ihre Steillagen mit viel Herzblut bewirtschaften, schon vor der Internetoffensive feststand: Wir kaufen den Weinberg auch dann, wenn nicht genug Geld zusammenkommt. Vorfinanzieren mussten sie ihn ohnedies.

„Ploppster“ stellt für das Crowdfunding nicht nur die Plattform zur Verfügung und kümmert sich um die Durchführung. Durch ein professionelles Marketing (Videoproduktion, Werbetexte) soll die Aktion unterstützt werden, über Facebook, Instagram und Internetsuchmaschinen sollen möglichst viele Leute davon erfahren. Für den Aufwand wird „Ploppster“ zu 15 Prozent am Erlös beteiligt.

Vom Crowdfunding zum Wohle des Weinbaus an der Mosel hält Weinbaupräsident Haxel eine Menge: „Ich bin um jeden Quadratmeter froh, der in der Steillage bewirtschaftet wird“, sagt er. „Und wenn dann noch zwei junge Winzerinnen wie in Winningen mit Herzblut da reingehen, die Spaß an der Sache haben. Was will man mehr?“ Wobei der Cochemer Winzer hinzufügt, dass die jüngste Statistik der Landwirtschaftskammer all jenen Hoffnung macht, die das Steillagensterben im Anbaugebiet Mosel aufhalten möchten. „Es ist so, dass wir wieder einen leichten Flächenzuwachs haben an Mosel, Saar und Ruwer.“ Der Grund: „Es gibt eine Menge Winzer, nicht zuletzt junge, die Spitzenweine produzieren wollen. Und denen bleibt eigentlich nichts anderes übrig, als auch in die Steillagen zu gehen“, hält Haxel fest. Dort gedeihe den Weinen eine Mineralität an, die sich so nur an der Mosel generieren lasse.

Ganz ähnlich sieht das Marco Bremm, Jungwinzer vom Keltenhof in Zell. Um das qualitative Potenzial der Moselweine voll ausschöpfen zu können, „braucht es junge Winzer wie Rebecca und Janina in Winningen“, sagt er. Sie kommen mit frischen Ideen und ungewöhnlichen Ansätzen daher, „stehen gut in der Öffentlichkeit und sind sehr aktiv“. Das könne dem Moselweinbau insgesamt nur nützen. Auch Veranstaltungen wie Mythos Mosel oder die „WineTimes“, die in diesem Jahr vom 29. Juni bis 1. Juli liefen, verbreiteten eindeutig die Botschaft, führt Bremm aus: „Weintrinken ist in, die Mosel und ihre Kulturlandschaft sind geil.“ Allerdings merkt Bremm auch an: Wolle jemand eine gute neue Idee verbreiten, komme es vor allem darauf an, „Gas zu geben und zu 100 Prozent dahinterzustehen“. Alles Halbherzige, nicht Authentische bemerkten Konsumenten sofort. Doch an Authentizität und Einsatzwillen mangelt es wohl weder Rebecca Materne noch Janina Schmitt.

David Ditzer/Volker Schmidt

Mehr zur Aktion aus Winningen: www.ploppster.de

Das größte Steillagenweinbaugebiet der Welt

8800 Hektar Rebfläche umfasst das Anbaugebiet Mosel. Die Weinberge mit ihren circa 60 Millionen Rebstöcken werden von etwa 3600 Betrieben bewirtschaftet. Mit 3530 Hektar Weinbergen in Steillagen ist die Mosel das größte Steillagenweinbaugebiet der Welt.

Der Calmont bei Bremm hat eine Hangneigung von bis zu 68 Grad. Die Jahresweinproduktion im Anbaugebiet liegt im Schnitt bei 800.000 Hektolitern (Quelle: Verein Moselwein). dad

Cochem Zell
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