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Mayen

Wenn man am Jahreswechsel arbeiten muss: Eine Schiffs- und Lokführerin erzählt

Sie ist an Silvester oft unterwegs. Im wahren Sinn des Wortes. Aber nicht um zu feiern, sondern um zu arbeiten. Entweder auf dem Schiff oder in einem Personenzug. Heike Solf hat schon viele Jahreswechsel auf außergewöhnliche Art und Weise verbracht: Als Schiffsführerin auf Rhein, Weser und Elbe, und in späteren Jahren als Lokführerin im Mittelrheintal.

Foto: Elvira Bell

Beide Berufe verlangten und verlangen Heike Solf viel ab. Oft beginnt ihr Arbeitstag schon in den frühen Morgenstunden oder geht bis tief in die Nacht. Insbesondere die Feiertage sind für Schiffer und Lokführer nicht einfach. Die Chance, Weihnachten oder den Jahreswechsel mit ihrer Familie zu verbringen, hat Solf nur selten.

Besonders auf dem Schiff hat sie etliche Jahreswechsel fern der Heimat verbracht. Die Wahl-Mayenerin erinnert sich an einen klirrend-kalten Sprung ins neue Jahr in den 1980er-Jahren: „Wegen der anhaltenden Minusgrade lag unser Schiff eingefroren im Hafen von Lauenburg. Vier Wochen lang war die Elbe komplett zugefroren. Wir saßen regelrecht fest.“ Was tun bei Minusgraden, wenn weit und breit nur Eis zu sehen ist? Das eisige Naturschauspiel bereitete der kleinen Besatzung allerdings viel Arbeit. „Die Gefahr bestand darin, dass das Eis zu mächtig wird. Wir hielten Bordwache und mussten darauf achten, dass die Heizung, die auch die Öltanks und das Wasser wärmte, nicht ausging. Und um die Bordwände zu schützen, mussten wir regelmäßig die Eisschollen um das Schiff herum aufhauen.“

Richtig unter die Haut ging ihr ein Jahreswechsel, den sie im Rotterdamer Hafen feierte. Da wurde mit den Besatzungen der benachbarten Schiffe auf das neue Jahr angestoßen. Und um Punkt 0 Uhr, als Feuerwerksraketen, Goldregen und Sternenstaub den Hafen in einen spektakulären Farbenrausch tauchten, ließen mehr als 1000 Schiffe zehn Minuten lang ihr Schiffshorn ertönen, um das alte Jahr gebührend zu verabschieden und das neue zu begrüßen. „Es war eine unvergessliche Nacht“, sagt Heike Solf, die noch heute wohlige Schauer bekommt, wenn sie an diesen Jahreswechsel zurückdenkt.

Doch feiern ist auf dem Wasser nicht immer drin. Ein anderes Mal war sie mit einem Schiff unterwegs, das 800 Tonnen Kohle geladen hatte. „Wir mussten an Silvester die stark verschmutzten Lagerräume unter anderem mit viel Wasser gründlich reinigen. Das war echt Schwerstarbeit.“ Galt es doch, die Lagerfläche für den anstehenden Getreidetransport am 2. Januar wieder knochentrocken zu bekommen. Solf und ihre Besatzung klapperten die Holz verarbeiteten Betriebe ab, um Sägespäne zu bekommen. Damit gelang es, die Feuchtigkeit aufzusaugen.

Den nicht gerade familienfreundlichen Job hängte Heike Solf später an den Nagel. Vor fünf Jahren begann sie eine Ausbildung als Lokführerin im öffentlichen Personennahverkehr. Seitdem hat sie schon einige Silvester auf der Bahnstrecke im Mittelrheintal verbracht. Einmal musste sie während des Feuerwerks von Remagen nach Köln fahren. „Von allen Seiten flogen mir die Raketen um die Ohren. Ich wurde in meinem Führerstand immer kleiner. Aber durch die weiß glitzernde Landschaft zu fahren, in den erleuchteten Fenstern die brennenden Kerzen zu sehen, die lachenden Menschen an den Haltestellen zu beobachten, das hat auch etwas sehr Schönes.“

Und auch an besondere Fahrgäste denkt sie gern zurück: Ein älteres chinesisches Ehepaar dankte ihr für ein paar Auskünfte mit einem ehrerbietigen Gruß – einem sogenannten drei viertel Kotau. Und eine Dame aus England reichte der Lokführerin eine Handvoll Toffees. In diesem Jahr kann Heike Solf endlich einmal zu Hause feiern. Sie freut sich darauf mit ihrem Lebenspartner den Jahreswechsel mit Fondue und einem Feuerwerk zu genießen. „Um Mitternacht kommt unsere Nachbarin zu uns. Allerdings muss ich beizeiten ins Bett. Am Neujahrstag habe ich Dienst.“

Von unserer Mitarbeiterin Elvira Bell

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