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Mendig

Stadt Mendig reißt Häuser ab: Was wird aus den Bewohnern?

Das Wort Getto hört Gabi Urbainski gar nicht gern. So nennen manche Leute die Siedlung am Rand von Mendig, in der sie lebt. Mitte der 1960er-Jahre hat die Stadt den Komplex aus vier Mehrfamilienhäusern in einfachster Bauweise an der Vulkanstraße hochgezogen, Schlichtwohnungen hießen die Unterkünfte schon damals. Heute leben dort Menschen, die sich anderswo keine Wohnung leisten können: Rentner, Hartz-IV-Empfänger, Flüchtlinge. Mit dem Gerede vom Getto soll Ende des Jahres aber Schluss sein. Und das ist für Gabi Urbainski und ihre Nachbarn gerade ein viel größeres Problem.

Gabi Urbainski lebt in den sogenannten Schlichtwohnungen am Rande von Mendig. Doch dort muss sie raus. Die Stadt will die Wohnblocks abreißen, um an gleicher Stelle neu zu bauen. Die Bewohner sind verunsichert: Was soll aus ihnen werden?  Foto: Hilko Röttgers
Gabi Urbainski lebt in den sogenannten Schlichtwohnungen am Rande von Mendig. Doch dort muss sie raus. Die Stadt will die Wohnblocks abreißen, um an gleicher Stelle neu zu bauen. Die Bewohner sind verunsichert: Was soll aus ihnen werden?
Foto: Hilko Röttgers

Die Stadt Mendig möchte die Schlichtwohnungen abreißen und an gleicher Stelle etwas Neues bauen. Geplant sind drei Blocks mit insgesamt 30 Wohnungen – fast doppelt so viele, wie es dort im Moment gibt. 3,5 Millionen Euro soll das Vorhaben kosten. Der Stadtrat hat die Investition bereits abgesegnet, vom Land Rheinland-Pfalz sollen Fördergelder fließen. Bis Ende des Jahres soll die Umsetzung beginnen. Dann müssen die Bewohner der Schlichtwohnungen ausziehen.

Für Gabi Urbainski, eine energische Frau mit schwarzem Kurzhaarschnitt, war die Nachricht ein Schock. 27 Jahre lang ist sie Lkw gefahren, quer durch Europa, Ende der 1980er-Jahre war sie eine der ersten Frauen in dem Job. „Ich hab das so geliebt“, sagt sie. „Jetzt sind meine Knochen kaputt. Ich darf die Arbeit nicht mehr machen.“ Die 54-Jährige lebt von Hartz IV, ihre 55-Quadratmeter-Wohnung an der Vulkanstraße – 224 Euro Kaltmiete plus Strom und Nebenkosten – kann sie sich leisten. Andere Wohnungen nicht, und schon gar nicht in Mendig, wo der Quadratmeter inzwischen bis zu 7 Euro kostet. „Wenn ich hier rausmuss, wo soll ich dann hin?“

Urbainski steht in ihrer kleinen Küche, zündet sich eine Zigarette an und schaut aus dem Fenster. Draußen friert es, aber in der Wohnung verbreitet ein Holzofen behagliche Wärme. Das Holz macht Urbainski selbst. „Ich habe zwei Kettensägen“, sagt sie. Was sie nicht hat, ist eine ganz normale Heizung.

Nicht mehr zeitgemäß sei das, sagt Mendigs Stadtbürgermeister Hans Peter Ammel. Wie überhaupt bei den Schlichtwohnungen inzwischen so einiges im Argen liege: Die Bausubstanz ist marode, aufsteigende Feuchtigkeit kriecht in die Gebäude, und die Wohnungen sind schlecht isoliert. Die Gebäude zu erhalten, ist für die Stadt ein schlechtes Geschäft. „Da wirft man viel gutes Geld der schlechten Substanz hinterher. Das ist verlorenes Geld“, sagt Ammel. Damit tue man auch den Bewohnern keinen Gefallen. „Immer wenn ich dort zu unterwegs bin, bewegt mich der Gedanke, dass man etwas tun muss.“

Dass es jetzt so weit ist, liegt an günstigen Rahmenbedingungen. Ein Programm der Investitions- und Strukturbank Rheinland-Pfalz fördert den Neubau von Mietwohnungen insbesondere für Menschen mit geringem Einkommen. Es gibt Kredite mit geringsten Zinsen, Zuschüsse zu den Tilgungsraten und eine Förderung für jeden Quadratmeter geschaffenen Wohnraum. Die Stadt Mendig kommt so günstig an Geld, um die neuen Wohnblocks zu finanzieren – wenn sie bestimmte Richtlinien einhält. Die Wohnungen müssen bestimmte Größenanforderungen erfüllen, und der Mietpreis darf 4,45 Euro pro Quadratmeter nicht überschreiten. Genau das braucht Mendig, sagt Stadtchef Ammel: „Wir haben Bedarf an Sozialwohnungen, aber keinen Wohnraum mehr.“

Die Aussicht, Ende des Jahres selbst keinen Wohnraum mehr zu haben, bringt Gabi Urbainski um den Schlaf. „Ich lebe gern hier“, sagt sie. Vor fünf Jahren ist sie in das Haus an der Vulkanstraße gezogen. Sie mag die Lage am Stadtrand. Den Blick über die Felder, den sie aus ihrem Küchenfenster hat. Und nachts, wenn sie wieder mal nicht schlafen kann, „dann höre ich manchmal den Lkw auf der A 61 zu“. Wenn die neuen Wohnblocks an der Vulkanstraße stehen, möchte sie wieder dort hinziehen.

Aber geht das? Und was passiert in der Zwischenzeit? Diese Fragen machen ihr Angst.

Von den Plänen der Stadt haben die Mieter der Schlichtwohnungen Mitte Januar in einer Einwohnerversammlung erfahren: vorbereitende Arbeiten im Lauf dieses Jahres, Abriss bis Jahresende, Beginn der Bauarbeiten nach dem Jahreswechsel und – wenn alles glattgeht – schon Ende 2019 die Fertigstellung der neuen Wohnungen. So weit ist alles klar. Aber was bedeutet das für die Bewohner der Schlichtwohnungen? „Wir haben nichts Schriftliches“, sagt Urbainski. „Die Sorgen der Mieter interessieren nicht.“

Stadtbürgermeister Hans Peter Ammel bedauert die Verunsicherung. „Dass die Bewohner in die neuen Wohnungen einziehen können, steht außer Frage“, betont er. „Dafür machen wir das ja.“ Und weil aufgrund der Förderrichtlinien die Wohnungsgrößen und Mietpreise auf die Erstattungssätze von Arbeitsagentur und Sozialamt abgestimmt sind, wird es für die alten und neuen Mieter auch nicht teurer. „Der Mieter wird nicht weniger zur Verfügung haben“, sagt Ammel. „Im Gegenteil: Er gewinnt an Wohnkomfort. Etwas Besseres kann eine Stadt nicht tun.“

Und was die Übergangszeit angeht: „Wir haben den Leuten mitgegeben, dass sie sich selbst nach einer neuen Wohnung umschauen sollen“, sagt Ammel. „Wir lassen aber niemanden im Regen stehen.“ Vielmehr habe die Kommune eine moralische Verpflichtung, den Betroffenen bei ihrer Suche nach einer Unterkunft zu helfen. Und sie wird selbst aktiv. Es werde derzeit etwa geprüft, ob Ferienwohnungen zur Zwischennutzung angemietet werden können, sagt Ammel. Mögliche Finanzierungslücken würde die Stadt aus eigener Tasche schließen, „weil zum Beispiel die Unterbringung in Wohncontainern noch teurer wird“.

Gabi Urbainski hofft auf einen guten Ausgang. Das war in ihrem Leben nicht immer so. „Manchmal gerät man unverschuldet in Situationen, aus denen man kaum einen Ausweg findet. Man glaubt gar nicht, wie schnell so ein Abstieg gehen kann.“ Für die Übergangszeit würde sie auch in einen Container ziehen, sagt sie. „Wenn ich danach nur wieder zurückkann.“ An der Vulkanstraße hat sie eine Heimat gefunden. Und wenn dort einmal schmucke Neubauten stehen, hört vielleicht auch das Gerede vom Getto endlich auf.

Von unserem Redakteur Hilko Röttgers

Bau der Schlichtwohnungen wurde vor 53 Jahren gefeiert

Die Geschichte wiederholt sich. Während heute die sogenannten Schlichtwohnungen abgerissen werden sollen, um einem größeren und schöneren Neubau Platz zu machen, wurde vor 53 Jahren der Bau der Wohnblocks gefeiert.

„Im Kampf gegen die Elendsquartiere hat die Stadt Niedermendig jetzt eine Schlacht gewonnen“, berichtete unsere Zeitung am 23. April 1965. Damals boten die Wohnungen Familien, die zuvor unter schlimmsten Bedingungen lebten, eine „menschenwürdige Bleibe“. hrö

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