40.000
Aus unserem Archiv
Kreis MYK/Mayen

Privatinsolvenz: Naivität führt oft in die Schuldenfalle

195 Menschen aus dem Kreis Mayen-Koblenz wählten laut Statistischem Landesamt im vergangenen Jahr den Weg der Privatinsolvenz, um schuldenfrei zu werden. Das entspricht rund 9 von 10 000 Einwohnern – damit liegt der Kreis MYK unter den rheinland-pfälzischen Landkreisen im Mittelfeld. Die Gläubiger hatten im Schnitt Forderungen von rund 75 000 Euro pro Schuldner angemeldet.

Von unserer Mitarbeiterin Yvonne Stock

Eine Gesetzesänderung soll es Menschen jetzt leichter machen, neu anzufangen: Wer nach drei Jahren 35 Prozent seiner Schulden sowie die Treuhänder- und Gerichtskosten bezahlt hat, wird dann – statt nach sechs Jahren – von seiner Restschuld befreit.

"Das werden unsere Klienten nicht schaffen", meint Christina Schoch von der Schuldnerberatung der Caritas in Mayen. Die meisten hätten entweder ein sehr niedriges Einkommen oder lebten von staatlichen Leistungen. Für sie gibt es sogenannte Nullpläne: Sie zahlen keinen Cent zurück und sind nach sechs Jahren schuldenfrei. Vielleicht helfe die neue Regelung dem einen oder anderen, der die Verfahrenskosten bezahlt hat, ein Jahr früher seine Schulden los zu sein, meint Schoch. "Insgesamt bringt die Neuregelung nicht das, was wir uns vorgestellt haben", sagt die Beraterin. Sie hätte sich weniger Verwaltungsaufwand gewünscht und eine Verfahrensverkürzung für alle, die nichts zahlen können.

Bei Christina Schoch landen die Verzweifelten: Die Mutter, die über Amazon Schulbücher bestellt, weil sie kein Geld hat, um sie im Geschäft zu bezahlen. Der Vater, dessen Familie mit Hartz IV gerade so über die Runden kam, bis die Stromnachzahlung ins Haus flatterte und die Waschmaschine kaputt ging. Die Schulden wachsen, die Gläubiger drohen, die Schuldner machen keine Briefe mehr auf. "Es kostet viel Überwindung einzugestehen: ,Ich bekomme meine Familie nicht durch‘", sagt Schoch.

Auch Beate Glöckner von der Schuldnerberatung für junge Erwachsene bis 27 Jahre des Diakonischen Werks in Mayen sieht kaum Verbesserungen, aber mehr Fallstricke, etwa weil der Insolvenzverwalter bereits geleistete Jahresbeiträge an Versicherungen zum Teil zurückfordern könne.

Bei vielen jungen Schuldnern hat mit einem Zweijahresvertrag fürs neue Smartphone alles angefangen. "Ein Arbeitsloser hat 250 Euro zur Verfügung, wenn der Handyvertrag über 50 Euro ausmacht, kann man sich eigentlich ausrechnen, dass das nicht gut geht", erklärt Glöckner. Aber viele von ihren jungen Klienten täten sich mit dieser Weitsicht schwer. "Wenn sie einen Haushaltsplan aufstellen müssen, tragen sie 50 Euro pro Monat für Lebensmittel ein", sagt die Beraterin. Unerfahrenheit im Umgang mit Geld und Verträgen sowie eine Portion Naivität führen in die Schuldenfalle.

"Manchmal findet man dann keine Lösung", bedauert Glöckner. Bei 2000 bis 3000 Euro Schulden lohnt sich wegen der Verfahrenskosten eine Privatinsolvenz nicht. "Da arbeiten wir mit Zahlungsunfähigkeit", erklärt die Beraterin. Damit der Schuldenberg wenigstens nicht wächst, wird Haushalten geübt: Da muss der eine oder andere lernen, dass Miete, Strom und Nebenkosten wichtiger sind als der Vertrag fürs Fitnessstudio. Sonst dreht der Energieversorger den Strom ab, oder der Vermieter kündigt die Wohnung.

Der Sozialdienst der Caritas in Mayen berät laut Schoch pro Monat mehrere Schuldner, die im Dunkeln sitzen. Nicht bezahlte Nachzahlungen sind meist der Auslöser, alte Elektrogeräte mit hohem Verbrauch verschärfen die Situation. Die Schulden sind meist nur eine Lebensbaustelle. "Viele haben noch andere Probleme, etwa eine Scheidung", erzählt Schoch.

Und nicht bei jedem ist mit Abschluss des Insolvenzverfahrens alles vorbei. "Es ändert sich nichts an deren Armutsproblematik", klagt Glöckner. Wer keinen Job bekommt oder aufgrund eines niedrigen Bildungsniveaus keinen Ausweg aus schlecht bezahlten Tätigkeiten findet, landet mit der nächsten ungeplanten Ausgabe wieder in den Miesen. Gewährt das Jobcenter ein Darlehen, zahlt es weniger Hartz IV aus. "Das ist ein Teufelskreis, aus dem viele jahrelang nicht rauskommen", meint auch Schoch.

Mayen-Andernach
Meistgelesene Artikel
Anzeige
Anzeige
Online regional
Nina Borowski

Nina Borowski

Regio-CvD Online

 

Mail

Anzeige
Mayen: 725 Jahre Stadt
epaper-startseite
Regionalwetter
Samstag

0°C - 8°C
Sonntag

2°C - 6°C
Montag

0°C - 5°C
Dienstag

0°C - 4°C
News aus Ihrer Region - Lokalteil wählen
wissenlinz,neuwiedremagenmontabaurandernach,mayenkoblenzdiezbademszellsimmernbirkenfeldkirn,badsobernheim,meisenheimbadkreuznach