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Mayen/Polch

Die Sehnsucht von neun Schwestern heißt Helgoland

Ihr Herz hängt an einem schönen Haus, einsam und verlassen steht es im Nettetal, inmitten von unberührter Natur. Ihr Hort des Sehnens, des Glaubens. Ein Platz, an dem sie mehr als ihr halbes Leben zugebracht haben – Kloster Helgoland. Neun Schwestern von den Franziskanerinnen der Heiligen Familie mussten vor genau einem Jahr umziehen, weil das Kloster aufgegeben wurde. „Wir haben im vorigen Jahr gedacht: Die Welt geht unter“, sagt die Oberin, Schwester Brigitta, heute. Jetzt schwingt in der Rückschau zwar Wehmut, aber kein Wehklagen mit. Die neun Schwestern haben eine neue Heimat gefunden.

Mayen/Polch – Ihr Herz hängt an einem schönen Haus, einsam und verlassen steht es im Nettetal, inmitten von unberührter Natur. Ihr Hort des Sehnens, des Glaubens. Ein Platz, an dem sie mehr als ihr halbes Leben zugebracht haben – Kloster Helgoland. Neun Schwestern von den Franziskanerinnen der Heiligen Familie mussten vor genau einem Jahr umziehen, weil das Kloster aufgegeben wurde. „Wir haben im vorigen Jahr gedacht: Die Welt geht unter“, sagt die Oberin, Schwester Brigitta, heute. Jetzt schwingt in der Rückschau zwar Wehmut, aber kein Wehklagen mit. Die neun Schwestern haben eine neue Heimat gefunden.


Ihr Konvent mit Namen „St. Elisabeth“ befindet sich in luftiger Höhe im Gebäudekomplex des Seniorenzentrums St. Stephanus in Polch. Wer eintritt, trifft auf die fröhliche Schwester Konstantia. Sie kommt aus dem Rekreationsraum, einem Raum mit Polstermöbeln, in dem die Schwestern entspannen dürfen. Der Raum ist von Licht geflutet, die Fernsicht überwältigend. Der Karmelenberg ist weiß gepudert in der Ferne zu erkennen, gegenüber, am anderen Ende des Raumes, die Weite des Maifelds. „Wir fühlen uns hier wohl, hier sind wir zu Hause“, sagt Schwester Brigitta. Was die Damen im Alter von 72 bis 99 Jahren, die ihrem Leben dem Glauben geweiht haben, beruhigt, ist die Tatsache, dass „wir hier gut versorgt sind“, sagt Schwester Brigitta. Bis auf eine wollten alle hierhin, die Schwestern wollen in Gemeinschaft zusammenbleiben, wie in den Jahrzehnten zuvor.
Auf Schritt und Tritt ist im Konvent das altehrwürdige Kloster im Nettetal verewigt. Im Rekreationsraum steht ein wuchtiger, alter Schrank mit edlen Metallbeschlägen – aus Helgoland. Im Flur entfaltet sich auf Holzgemälden das Leiden Christi – der Kreuzweg mit den 14 Stationen ist aus Helgoland. Jede Schwester durfte ein Erinnerungsstück mitbringen. Und jede durfte ihr Zimmer in Polch mit persönlichen Dingen oder Heiligenfigürchen einrichten. So lässt sich der Trennungsschmerz in Grenzen halten.
Rückblende, Sommer 2010: Gerüchte verdichten sich, dass das Generalat in Eupen/Belgien das Kloster Helgoland aufgeben muss. Das Personal im Nettetal ist überaltert, jüngere Nonnen sind nicht in Sicht. Schwester Clarissa kämpft mit den Tränen, als sie preisgibt: „Es fällt uns allen schwer, denn fast alle von uns sind hier im Mutterhaus in den Orden eingetreten und hier groß geworden.“ Tröstlich fallen die Worte aus, die Weihbischof Jörg Michael Peters zum Abschied spricht. „Ihr Zeugnis bleibt und steckt in den Herzen ganz vieler Menschen.“
Ein Jahr später ist der Bischof zu Gast in Polch. Er spricht den Nonnen Mut zu, lobt ihren Einsatz. Denn sofern es ihr gewohnter Tagesablauf zulässt, bringen sich die Schwestern ins Leben des Seniorenwohnheims ein. „Unsere Bewohner haben sich gefreut, dass Ordensschwestern hier sind, es herrscht ein ganz anderer Geist im Hause“, sagt Bernd Kretzschmann, der Verwaltungsleiter. Fast jeden Tag gibt es eine heilige Messe, auch dank Pfarrer Hans-Heinrich Kraus, der quasi von Helgoland mit umgezogen ist.
Der Rhythmus der Schwestern hat sich nicht geändert. Gegen 8 Uhr beginnen sie in ihrer Kapelle mit dem Morgengebet, nach dem Frühstück feiern sie meist eine heilige Messe. Jeweils drei Anbetungsstunden vor dem ausgesetzten Allerheiligsten verbringen sie vormittags und nachmittags. Das hat Weihbischof Peters lobend hervorgehoben. Um 16.30 Uhr beten die Schwestern im Oratorium gemeinsam den Rosenkranz, um 17.30 Uhr ist Vesper. „Und dann sitzen wir gemütlich bei Handarbeit oder vor dem Fernseher zusammen“, sagt die Oberin.
Wenn jemand im Seniorenzentrum seelische Not verspürt, wenn jemand im Sterben liegt, spenden die Nonnen Zuversicht. Eine der Schwestern sorgt jeden Donnerstag für Unterhaltung, wenn sie ihren Kaffeeklatsch abhält. „Die Bewohner genießen es, mit den Schwestern zu sprechen“, sagt Kretzschmann. Wenn am selben Tag noch Messe im Restaurant ist, „ist halb Polch hier“.
Schwester Lamberta macht sich um das Krippchen im Oratorium verdient. Gewissenhaft stellt sie Ochs und Esel, Josef und Maria ins Moos. Und das Christuskind? „Das kommt doch erst Heiligabend hinzu“, sagt sie bestimmt. Jede Schwester bringt ihre Begabung ein, die eine in der Küche, die andere in der Organisation von Fahrten. Und irgendwie, das betont die Verwaltungsangestellte im Orden, Steffi Kiesselbach, sehen alle Schwestern jünger aus, als sie an Jahren sind. Die Oberin kennt das Rezept: „Arbeiten, beten, lachen.“ Die Gemeinschaft ist noch enger zusammengerückt. Sie feiert Sankt Nikolaus ebenso wie das Weihnachtsfest. „Was wir im Orden immer gemacht haben, das haben wir beibehalten“, sagt Schwester Brigitta. Ihre Wünsche sind von bescheidener Natur. „Dass alle gesund bleiben und dass wir eine gute Gemeinschaft haben wie im vergangenen Jahr.“ Und die Oberin wiederholt: „Wir haben eine wirklich gute Gemeinschaft.“
Wenn die Gedanken der Schwestern mitunter um Helgoland kreisen, dürfen sie vertrauen: Ein Wunsch wird ihnen nicht verwehrt. Auch im neuen Jahr werden sie regelmäßig das Idyll im Nettetal besuchen. Von unserem Redakteur Thomas Brost

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