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Andernach

Andernach: Die wunderbare Welt des kleinen Antiquariats

Tatjana Stadtfeld bewegt sich in dem kleinen Bücherladen am Hügelchen so, als wäre sie nie woanders gewesen: Sie zündet Kerzen am Tresen unter der roten Holztreppe an, steckt sich ein Weingummi in den Mund, nimmt ein altes Buch zur Hand und strahlt. „Das hier ist mein Zauberladen“, sagt sie glücklich. Seit September ist sie die neue Inhaberin des Antiquariats. Und so, wie die 47-Jährige daran glaubt, dass Bücher ihre Leser finden, so ist sie überzeugt, dass das kleine Antiquariat Jona sie gefunden hat – obwohl sie gar nicht danach suchte.

Tatjana Stadtfeld betreibt seit Kurzem das kleine Antiquariat Jona und spricht von „mein Zauberladen“. Sie liebt Bücher, Kunst, Menschen und Begegnungen.
Tatjana Stadtfeld betreibt seit Kurzem das kleine Antiquariat Jona und spricht von „mein Zauberladen“. Sie liebt Bücher, Kunst, Menschen und Begegnungen.
Foto: Katrin Steinert

Das Antiquariat ist in Andernach eine Institution. Vor mehr als 20 Jahren hat Doris Jonas es in dem kleinen Durchgang am Hügelchen, Künstersgässchen 3, gegründet und bis zuletzt liebevoll betreut. Alle Bücher sind Spenden, die Verkaufserlöse, nach Abzug von Miete und Strom, dienen wohltätigen Zwecken. Alle arbeiten darin ehrenamtlich. Das ist auch weiterhin so. Gründerin Doris Jonas ist mittwochs noch immer im Laden anzutreffen. Der Name „Jona“ ist dabei ein Wortspiel ihres Nachnamens mit der biblischen Geschichte von Jona und dem Wal. So nimmt das Antiquariat Bücher auf, die wie Jona sinnbildlich weggeworfen wurden, es bewahrt sie in seinem Walbauch für die Nachwelt auf, und spuckt sie dem in die Hände, der ihnen ein neues Zuhause schenkt.

Seit September gehört das Antiquariat nun Tatjana Stadtfeld. „Es fühlt sich wunderbar an“, sagt die 47-Jährige. Sie wird den Tag nie vergessen, als sie diese kleine Secondhandbücherwelt versprochen bekam. Das war im Juli. Die Eicherin hatte gerade ihren Sohn zum Bahnhof gefahren und wollte noch schnell einen Gutschein in der Innenstadt einlösen. In den vergangenen zehn Jahren, seitdem sie in Mayen arbeitet, war sie selten in der Stadt. So lief sie an diesem Tag am Antiquariat vorbei und ging hinein. Sie kam mit Doris Jonas ins Gespräch, über Bücher, über das schöne Gebäude. Irgendwann fragte die ältere Frau die jüngere, ob diese das Antiquariat übernehmen möchte. Stadtfeld erzählt: „Ich sagte einfach ja. Eigentlich verrückt.“ Aber es musste so kommen. Davon ist sie überzeugt. Und auch Doris Jonas soll es so gegangen sein. „Sie wusste, dass eines Tages jemand in den Laden kommt, den sie ansprechen wird“, sagt Stadtfeld und lächelnd wissend.

Fliegenpilze hat sie selbst gebastelt, und sie hängen im Eingang.
Fliegenpilze hat sie selbst gebastelt, und sie hängen im Eingang.
Foto: Katrin Steinert

Die ersten Wochen nach der Übergabe im Herbst war Stadtfeld gesundheitlich angeschlagen und konnte nichts anpacken. Aber langsam werden die beiden Räume unten und oben zu ihren: Die 47-Jährige hat die alten Teppiche und Tischdeckchen rausgenommen, hat alles etwas luftiger gestaltete. Dem Antiquariatsymbol des Wals hinterm Tresen hat sie eine Pippi Langstrumpf zur Seite gestellt. Die Geschichten von Astrid Lindgren haben Stadtfeld geprägt, vor allem der Satz: „Lass Dich nicht unterkriegen. Sei frech und wild und wunderbar.“

Dass der Laden verzaubert wirkt, liegt wohl auch an ihr selbst. Sie hat zwar einen Bürojob im öffentlichen Dienst in Mayen, ist aber ein überaus kreativer Mensch: Sie malt und näht für ihr Leben gern. So entdeckt man überall kleine Kunstwerke, die wunderbare Namen wie Flaschengeister, Federkleider oder Schachtelgeschichten tragen. Ihre Kunstwerke bedienen sich alter Materialien: Aus großen Kassenbücherseiten oder handgeschriebenen Zeilen werden kleine Schaukästen. Alte Kinderbilder vom Flohmarkt werden ausgeschnitten und zu neuen Figuren gestaltet.

Stadtfeld mag den Kreislauf der Dinge. So hat sie alles, was sie an diesem Tag am Körper trägt, auf dem Flohmarkt gekauft: den gepunkteten Ballonrock, das blumige Hemd, die Kette und das Armband. Dazu passt auch der Kreislauf der Bücher im Antiquariat. Stadtfeld liest selbst rund fünf Werle im Monat, meist mehrere parallel. Es macht ihr Spaß, Bücher auszuwählen, die sie im Schaufenster ausstellt. Auch wenn sie Bücherspenden erhält, muss sie auswählen. Denn alles kann sie nicht annehmen – auch wenn es für einen guten Zweck ist. Neben der Arbeit mit den gebrauchten Büchern liebt die 47-Jährige die Begegnungen im Laden.

Foto: Katrin Steinert

Die kleine Tante-Emma-Glocke läutet, als ein Schreiner um die 60 Jahre hereinkommt. Er hat ein Buch seiner Kindheit im Schaufenster entdeckt: „Hänschen im Blaubeerenwald“. 40 Euro soll es kosten, 25 davon für die Buchbindearbeiten. „Das werde ich meinem kleinen Enkel vorlesen, wenn er etwas älter ist.“ Die Augen hinter der Brille leuchten. Als er zur Kasse geht, sieht er einen modernen Roman. Den nimmt er auch mit und lässt seine Telefonnummer da. „Falls Sie Jim Knopf reinkriegen, würde ich mich freuen.“ Tatjana Stadtfeld verspricht, auch im Bücherlager „Büchermarkt“ in der Breite Straße 15 nachzuschauen.

Stadtfeld empfindet großes Glück, wenn sie in ihrem Laden wirken kann – auch, wenn sie damit nichts verdient. Immer freitags und samstags ist sie selbst am Ort. An den anderen Werktagen helfen Ehrenamtler aus. Dass nun auch samstags geöffnet ist, kommt gut an, meint Stadtfeld. Das ist aber nur eine der kleinen Änderungen. Stadtfeld öffnet den Laden für Künstler, wird also auch eine Galerie. Zurzeit stellt eine Frau keramische Werke und Bilder aus. Lesungen soll es, wie zuvor schon, geben. Und einen Internetauftritt. „Eine Website ist mir aber zu starr“, sagt Stadtfeld. Vielleicht gestaltete sie einen Blog. Darin wird sie dann aus der wunderbaren Welt des kleinen Antiquariats Jona berichten.

Das Antiquariat, Künstersgässchen 3, hat geöffnet: Dienstag und Mittwoch, 15 bis 17 Uhr, Donnerstag, 15 bis 18 Uhr, Freitag, 15.30 bis 18 Uhr, Samstag, 10 bis 13 Uhr. Montags ist es geschlossen. Kontakt unter Telefon 02632/473 98

Von unserer Redakteurin Katrin Steinert

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