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Koblenz

Wie wurde Obdachloser getötet? Koblenzer Polizei sucht Zeugen

Ein ruhiger Mann ist er gewesen. Einer, der nicht viel Kontakt gesucht hat, der gern für sich war. Aber friedlich, kein bisschen aggressiv. Das sagen Leute in der Wohnungslosenszene über Gerd Michael Straten. Vermutlich am Donnerstag oder Freitag ist er getötet worden. Wie, dazu schweigt die Polizei.

Weiträumig ist das Gelände am Pulvertum abgesperrt. Unter welchen Umständen der Tote gefunden und wie er getötet wurde, dazu schweigt sich die Polizei bisher aus. Sie spricht lediglich von „einem gewaltsamen Tod“.
Weiträumig ist das Gelände am Pulvertum abgesperrt. Unter welchen Umständen der Tote gefunden und wie er getötet wurde, dazu schweigt sich die Polizei bisher aus. Sie spricht lediglich von „einem gewaltsamen Tod“.
Foto: Doris Schneider

Das Gelände rund um den Pulverturm am Koblenzer Hauptfriedhof ist weiträumig abgesperrt. Das rot-weiße Flatterband schwingt leicht im Wind. Hier oben ist es totenstill, kein Mensch zu sehen. Die Polizei hat die Spuren vermutlich längst gesichert, falls es welche zu sichern gab. Am Freitag wurde Straten, der sich nach Polizeiangaben schon seit vielen Jahren am Hauptfriedhof aufhielt und dort auch regelmäßig übernachtete, tot aufgefunden. Von wem und wieso, dazu sagt die Polizei nichts. Erst drei Tage später ist sie an die Öffentlichkeit gegangen und sucht nun Zeugen.

Ein Anwohner hat den 59-Jährigen oft am Friedhof gesehen, wenn er zum Beispiel am Brunnen am Haupteingang saß. „Er hat immer gelesen“, sagt er. Häufiger kam man ins Gespräch. „Ein netter Mann, ein gebildeter Mann. Einmal hat er meinem Sohn ein Büchlein geschenkt und hat ihm gesagt, dass Lesen wirklich sehr wichtig ist.“ Viel weiß aber auch der Koblenzer nicht über Gerd Michael Straten. „Er hat mal erzählt, dass er davon träumt, genug Geld zu haben und wieder nach Berlin zu gehen.“ Aber wie der 59-Jährige auf die Straße kam, was er vorher gemacht hat, das weiß er nicht. „Er kam mir immer vor wie ein Selbstständiger, der es nicht geschafft hat und abgerutscht ist.“

Auch die vielen Männer und wenigen Frauen, die am Mittag im Wohnungslosenrestaurant Mampf in Lützel über ihren Haxen mit Kartoffelpüree sitzen, wissen nicht viel über den Toten zu berichten. Ab und zu war er hier, sagen sie. Nicht oft. Nein, näher bekannt war niemand mit ihm, aber er war ein ruhiger Kerl, hat keinem was getan.

Gerd Michael Straten hat viele Jahre auf dem Friedhof gewohnt. Dort ist er auch getötet worden.
Gerd Michael Straten hat viele Jahre auf dem Friedhof gewohnt. Dort ist er auch getötet worden.
Foto: Polizei

Das bestätigen auch ein paar Leute, die in der Caritas-Beratungsstelle für Wohnungslose in der Neustadt sitzen. Man hat ihn immer mal wieder gesehen, häufiger in der Stadt als in der Beratungsstelle. „Er hat immer nett gefragt, wie es mir geht“, sagt eine Frau. Alkohol hat sie ihn nie trinken sehen. „Furchtbar, was passiert ist“, sagt einer. „Hoffentlich kriegen sie den, der das gemacht hat.“

Eine junge Frau hat Angst: „Erst der Mann in Neuendorf, jetzt das hier.“ Doch zwischen der Ermordung des 58-jährigen Servet Kuru im Dezember in seiner Wohnung in der Hochstraße und dem gewaltsamen Tod von Gerd Michael Straten sieht die Polizei keinen Zusammenhang. Nur dass beide dem Wohnungslosenmilieu nahe waren, sagt nichts aus. Im Übrigen gibt es im Mordfall Kuru einen Verdächtigen, er sitzt in Untersuchungshaft.

Freitagnachmittag gab es ein riesiges Polizeiaufgebot in der Beatusstraße, beschreibt ein Zeuge. Da ist also vermutlich der Tote entdeckt worden, doch zu den genauen Umständen macht die Polizei, die die Soko „Hauptfriedhof“ gegründet hat, keine Angaben. „Aus ermittlungstaktischen Gründen“, wird betont. Weder wann noch wie Straten getötet wurde, noch wie der Tote entdeckt wurde, ist zu erfahren. Am Donnerstag soll er jedenfalls noch lebend in der Nähe des Saarplatzes gesehen worden sein.

Dass die Polizei erst drei Tage nach dem Verbrechen mit einer Pressemitteilung an die Öffentlichkeit ging, kritisiert ein Anwohner in einer Mail an die Rhein-Zeitung scharf. „Mein Sohn ist oft mit dem Roller auf dem Friedhof unterwegs“, berichtet er. „Und jetzt müssen wir davon ausgehen, dass hier möglicherweise ein Mörder frei herumläuft und die Bevölkerung nicht informiert wird.“ Es sei die Pflicht der Ordnungskräfte, zumindest die Anwohner darüber in Kenntnis zu setzen, sagt der Koblenzer.

Die Polizei sieht das anders: „Auch in diesem Fall war es erforderlich, eine intensive Tatortaufnahme, verbunden mit einer akribischen und zeitaufwendigen Spurensuche, durchzuführen. Zudem war es wichtig, erste Zeugenvernehmungen und Befragungen durchzuführen. Erst nachdem alle Fakten zusammengetragen, der Tatort ,gesichert' war, wurde die Öffentlichkeit in Kenntnis gesetzt“, antwortet der Pressesprecher schriftlich auf die Anfrage der RZ.

Von unserer Redakteurin Doris Schneider

Polizei sucht dringend Zeugen: Wer hat Straten gesehen?

Die Kriminaldirektion in Koblenz sucht nach Zeugen und fragt:

  • Wem ist Gerd Michael Straten bekannt?
  • Wer kann Angaben zu seinem Umfeld und Kontaktpersonen machen?
  • Wer hat Auffälliges im Bereich des Hauptfriedhofes bemerkt?
  • Wer kann Angaben zu Streitigkeiten zwischen dem Opfer und anderen Personen machen?
  • Wer kann sonstige sachdienliche Hinweise geben?
  • Hinweise von Zeugen nehmen die Kriminaldirektion Koblenz unter Telefon 0261/1031 oder jede andere Polizeidienststelle entgegen.

Koblenz
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