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Koblenz

Von Koblenzer missbraucht: Mädchen (9) schildert Martyrium

Als sie den Gerichtssaal betrat, schmiegte sie sich an ihre Großmutter, lächelte verlegen und zupfte an ihrem T-Shirt, das mit einem glitzernden Pandabären bedruckt ist. Dann setzte sich das neunjährige Mädchen und begann zu erzählen – von den wohl schrecklichsten Momenten ihres Lebens.

Symbolbild: dpa​
Symbolbild: dpa​

Seit vergangener Woche läuft am Landgericht Koblenz der Prozess gegen einen 46-jährigen Mann, der die Tochter seiner Ex-Freundin missbraucht haben soll. Laut Anklage zwischen Juli und Oktober 2014. Mindestens drei Mal. Meist auf der Schlafcouch in seiner Wohnung. Der Koblenzer hatte bereits zu Prozessbeginn gestanden, sich an dem Kind vergangen zu haben. Zum vollendeten Verkehr soll es jedoch nicht gekommen sein. Das aber hat jetzt das neunjährige Kind vor Gericht behauptet.

Das Mädchen schaute beschämt zu Boden und sagte: „Er wollte mit mir kuscheln. Dann hat er gesagt, ich soll etwas ganz Schlimmes tun.“ Immer wieder habe er sie missbraucht, „sehr oft, 20 bis 30 Mal“, meist, wenn die Mutter schlief oder unter der Dusche stand. Die Schmerzen habe sie über sich ergehen lassen – „weil ich Angst hatte, Ärger zu bekommen.“

Bevor das Mädchen als Zeugin aufgerufen werden konnte, mussten Wachtmeister den Angeklagten in einen anderen Saal führen. Von dort konnte er die Zeugenvernehmung über einen Fernseher mitverfolgen. Die Maßnahme erfolgte auf Bitte von Rechtsanwalt Franz Obst, der das Kind und dessen Mutter als Nebenkläger vertritt. „In Anwesenheit des Anklagten wollen und können die beiden keine Angaben machen“, begründete Obst seinen Antrag.

Das Mädchen hatte sich erstmals im Oktober 2014 ihrer Logopädin anvertraut. Ihr erzählte sie von einer Flüssigkeit, die aus dem Penis des Mannes kam – und die sie hätte in den Mund nehmen müssen. Monate später zeigte sie bei ihrer polizeilichen Vernehmung auf ihre Scheide – und sagte, dass der Mann seinen Penis dort hineingesteckt habe. Einer Psychologin wiederum erzählte sie von Oralverkehr. Diese drei Versionen vermischten sich in ihrer Aussage vor Gericht.

Angesichts der Widersprüche hakte der Vorsitzende Richter Ralf Bock nach: „Wieso fällt dir das heute ein?“ Das Mädchen antwortete: „Bei den anderen habe ich mich das nicht getraut zu sagen.“ Warum sie ihrer Mutter nicht schon eher davon erzählt habe, wollte der Richter wissen: „Weil er gesagt hat, ich soll das keinem sagen. Er hat mir eine Belohnung versprochen.“

Zuvor hatte das Gericht auch die Mutter des Kindes vernommen. Die beschrieb das einstige Verhältnis zwischen dem Mann und ihrer Tochter als innig: „Sie hat ihn geliebt. Sie hat immer eine Vaterfigur gesucht.“ Nach den Misshandlungen habe ihre Tochter nur noch mit ihr in einem Bett schlafen können, immer häufiger in Babysprache geredet und sich zunehmend aggressiv verhalten. Die erste Klasse musste das Mädchen wiederholen.

Den vielfach vorbestraften Mann zeigte die Mutter erst im Sommer 2015 an – obwohl ihr die Tochter schon früher davon erzählt hatte. Vor Gericht sagte sie dazu: „Ich habe Angst vor diesem Mann. Ich habe alles getan, was er verlangt hat.“ Und: „Ich habe alles verdrängt, was meine Tochter mir erzählt hat.“

Zu Sitzungsende fragte der Vorsitzende Richter den Koblenzer, wie er seine Zukunft plane. Der antwortete: „Das Wichtigste ist zurzeit meine Therapie. Mir ist klar geworden, dass ich etwas tun muss.“ Der Prozess geht heute weiter.

Von unserem Reporter Eugen Lambrecht

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