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Koblenz

Ultranet: Für die Gegner der Stromtrasse wird es immer enger

Der Protest gegen die Ultranet-Stromtrasse zieht Kreise – doch hat er auch Erfolg? Nach jüngsten Ereignissen stellt sich diese Frage – Antwort offen.

Die Geschichte der bisherigen Hochspannungsleitungen über Wallersheim, Urbar und Eitelborn reicht bis in die 30er-Jahre zurück. Aktuell sind neue, höhere Masten mit Wechselstrom- und Gleichstromanlagen geplant. Dagegen regt sich Widerstand.
Die Geschichte der bisherigen Hochspannungsleitungen über Wallersheim, Urbar und Eitelborn reicht bis in die 30er-Jahre zurück. Aktuell sind neue, höhere Masten mit Wechselstrom- und Gleichstromanlagen geplant. Dagegen regt sich Widerstand.
Foto: Reinhard Kallenbach

Gefährden Hochspannungsleitungen, die in Wohngebieten verlegt wurden, auf lange Sicht die Gesundheit? Über diese Frage wird seit vielen Jahren gestritten, eine eindeutige Antwort gibt es nicht, weil eine breite Datengrundlage fehlt. Dennoch soll in die neue Ultranet-Trasse, die nach offizieller Darstellung den an der Küste über Windräder erzeugten Strom gen Süden transportieren soll, auch durch Wallersheim, Urbar, und Eitelborn führen. Die betroffenen Bürger haben sich in Initiativen zusammengeschlossen und im Rahmen der Bundesfachplanung ihre Bedenken eingereicht. Doch welche Erfolgsaussichten hat der Widerstand noch?

Ernst Knopp ist einer Väter der Initiative in Wallersheim. Das CDU-Ratsmitglied weist darauf hin, dass es nicht um eine Fundamentalopposition geht, sondern um verbindliche Aussagen. „Im Grunde genommen brauchen wir eine Unbedenklichkeitsbescheinung, wie sie bei anderen Projekten selbstverständlich ist“. Doch genau die vermag niemand zu geben. Denn das Ultranet ist eine Weltpremiere, es gibt keine Erfahrungswerte. Auch im Raum Koblenz sollen Gleichstrom- und Wechselstromleitungen parallel über neue hohe Masten geführt werden, die anstelle der alten Wechselstromanlagen gebaut werden sollen.

Was steckt hinter dem Projekt?

Offiziell wird das Ultranet benötigt, um die Defizite auszugleichen, die mit der Abschaltung des Kernkraftwerks Philippsburg Ende 2019 entstehen werden. Die insgesamt rund 340 Kilometer lange Trasse gehört zu den neuen Nord-Süd-Verbindungen, die unter anderem den über Windkraftanlagen auf dem Meer produzierten Gleichstrom nach Süden zu transportieren. Da sowohl Gleich- als auch Wechselstromleitungen verlegt werden, rechnen Kritiker mit einer hohen Belastung durch elektrische Magnetfelder. Ihre Argumentationsbasis ist jedoch lückenhaft, weil sich das Krebsregister immer noch im Aufbau befindet. Eine Erfassung nach Wohnorten mit Wechselbeziehungen zu Hochspannungsleitungen ist derzeit nicht möglich. Es können aktuell keine klare Aussage zu Krebserkrankungen in Korrelation mit Wechselstrom-Hochspannungsleitungen getroffen werden. ka

Andernorts werden die Leitungen wegen der schwer kalkulierbaren Langzeitfolgen der Strahlung unterirdisch verlegt. In der Region können dagegen die historischen Trassen genutzt und die neuen strengen Abstandsregelungen umgangen werden. „Wir sind die Versuchskaninchen“, ärgert sich Daniela Romanazzi. Die Sprecherin der Wallersheimer Bürgerinitiative verweist auf lokale Untersuchungen. Demnach kann schon die Dauerbelastung durch traditionelle Wechselstromanlagen das Leukämierisiko bei Kindern deutlich erhöhen. Kritiker gehen ferner davon aus, dass Gleichstromanlagen Lungenkrankheiten begünstigen. In Wallersheim soll nun die Kombination beider Systeme ausgerechnet in unmittelbarer Nähe der Grundschule erfolgen. Das ist auch den Fraktionen im Koblenzer Stadtrat nicht geheuer. Schon früh haben sich die Ratsmitglieder in einer Resolution gegen die Trassenführung ausgesprochen. In der Dezember-Sitzung wurden die Einwände im Zuge der Bundesfachplanung geschlossen abgesegnet, und man hat sich ferner für eine Alternativtrasse ausgesprochen. Diese lagen im Rahmen der Widerspruchsfrist zur Offenlage in Mainz vor, die am 27. Dezember endete.

Ob das alles was bringen wird? Ratsmitglieder und Mitglieder der Bürgerinitiativen sind realistisch. Sie gehen davon aus, dass die Bedenken ignoriert werden, weil Zeitdruck besteht und weil die Gestaltungsmöglichkeiten auf der kommunalen Ebene begrenzt sind. Diese Erfahrung musste auch MdB und SPD-Ratsmitglied Detlev Pilger machen, der mehrfach mit dem ausführenden Unternehmen Amprion gesprochen und Infoveranstaltungen organisiert hat. Ergebnis: Amprion informiert zwar, verweist aber letztendlich immer wieder auf die Tatsache, im Auftrag des Bundes zu handeln. Und in der Bundesnetzagentur macht derzeit offenbar niemand Anstalten, ernsthaft über Alternativen nachzudenken. Auch hier steht man unter Termindruck (bis Ende 2019 muss alles stehen), zumal hinter Amprion renditeorientierte institutionelle Anleger stehen.

Trotz der schlechten Chancen gibt sich die Wallersheimer Initiative kämpferisch, zumal auch der neue CDU-Bundestagsabgeordnete Josef Oster unterstützend wirken will. Dazu kommt, dass die Initiative im Verbund agiert. Sie gehört zum Aktionsbündnis Ultranet, das die Initiativen in vier Bundesländern miteinander vernetzt. Hier sucht man fieberhaft nach juristischen Fehlern, zum Beispiel beim Ablauf der Bürgerbeteiligung. Zwar geht es aktuell nur um die Genehmigung des ersten Abschnittes, doch geht Daniela Romanazzi davon aus, dass der Rest nur noch Formsache sein wird. Sie teilt die Verärgerung in den anderen Initiativen über die Darstellung, dass das teure Ultranet für die Energiewende dringend erforderlich ist. Das stimme wohl nicht, weil die Meeres-Windparks noch nicht einmal den Strom Norddeutschlands decken könnten. Es steht also der Verdacht im Raum, dass der Sanierungsstau bei der Anbindung konventioneller Kraftwerke behoben und gleichzeitig der „Schwarze Peter“ an die Verfechter von Ökostrom geschoben wird.

Von unserem Mitarbeiter Reinhard Kallenbach

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