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    Treffpunkt Bahnhofsplatz: Wird hier gedealt?

    Auf der einen Seite des Bahnhofsplatzes, an der runden Bank direkt vor der Sparkasse, sitzt nahezu täglich eine große Gruppe Leute. Sie trinken, rauchen, sind mit sich selbst beschäftigt. Und sie haben auch gar keine Lust auf ein Gespräch mit der Reporterin der Rhein-Zeitung: "Wir machen doch nix." "Weiß nicht". Achselzucken. Knapp sind die Antworten auf die Frage, was sie gegen die Vorwürfe von Passanten sagen, die nur ungern zuschauen, wie hier getrunken wird, die Flaschen liegen bleiben. Einer auf der Bank wendet sich ein bisschen ab. Bis dahin hatte er die Hand halb offen gehalten und jeder, der neu zur Gruppe stieß, hatte ihm auffällig unauffällig einen zusammengefalteten Geldschein reingeschoben. Geld für ein Geburtstagsgeschenk wird hier bestimmt nicht gesammelt.

    Tagsüber halten sich etliche Frauen und Männer am Bahnhofsvorplatz, direkt vor der Sparkasse auf. Während Passanten sicher sind, dass hier Drogen gedealt und konsumiert werden, spricht die Polizei von Einzelfällen.  Foto: Reinhard Kallenbach
    Tagsüber halten sich etliche Frauen und Männer am Bahnhofsvorplatz, direkt vor der Sparkasse auf. Während Passanten sicher sind, dass hier Drogen gedealt und konsumiert werden, spricht die Polizei von Einzelfällen.
    Foto: Reinhard Kallenbach

    Von unserer Redakteurin Doris Schneider

    "Hier werden offen Drogen gedealt und konsumiert", sagt ein Vorstädter, der sich an die Rhein-Zeitung gewandt hatte. Oft hat er das schon beobachtet - und gerochen. Aber Günter Zengler, Leiter des Kommissariats 3 (Rauschgiftbekämpfung) im Polizeipräsidium Koblenz, relativiert das: Der Bahnhofsvorplatz wird durch uniformierte Polizeibeamte und Zivilstreifen regelmäßig überwacht. Personen werden entsprechend kontrolliert. Aber die Zahl der in diesem Jahr eingeleiteten Strafverfahren am und rund um den Bahnhofsvorplatz liegt im einstelligen Bereich. "Hinweise, dass dort offen gedealt wird, sind die absolute Ausnahme", so Zengler in seiner Stellungnahme auf die Anfrage der RZ. "Gehen diese ein, werden zeitnahe und offensive Kontrollmaßnahmen veranlasst. Strafbare Handlungen werden zur Anzeige gebracht."

    Einer aus der Gruppe ist eben zu den Wohnungslosen auf der anderen Seite des Platzes gegangen. Kontakt ist selten, die beiden Gruppen haben kaum etwas miteinander zu tun. "Er hat ein bisschen Tabak geschnorrt", sagt eine 47-Jährige, die auf einer Bank am Baum sitzt. Ihr fehlt ein Fuß, eine Prothese liegt am Rand. Mit dem Mann im Rollstuhl, der wie sie zu der Gruppe gehört, die hier fest leben, hält sie Händchen, lächelt ihn an. Dann kommen ihr die Tränen. "Warum lassen die uns nicht einfach hier sein? Manche beschimpfen uns als ,Scheiß-Ausländer'. Und dann kommt immer wieder das Ordnungsamt. Wir tun doch niemandem etwas."

    Wenn Josef Hehl, Leiter des Koblenzer Ordnungsamtes, aus den Einsatzberichten vorliest, klingt das ein bisschen anders: Mittwoch Einsatz wegen aggressiven Bettelns, Freitag Platzverweis wegen Vermüllung. Ein paar Tage später rufen Passanten beim Ordnungsamt an, die Wohnungslosen belästigen sie. Der Rettungsdienst wird gerufen, weil ein Mann am Lidl hilflos liegen bleibt, Anwohner beschweren sich am Abend kurz vor 23 Uhr über Ruhestörung. Wieder ein paar Tage später wird auf dem Platz uriniert und gepöbelt, die Wohnungslosen werden aggressiv. "In einem gewissen Maß kann und sollte man die Situation hier sicher dulden", sagt Josef Hehl. "Aber je mehr hier getrunken wird, desto weniger bleibt es friedlich. Das ist ein Problem."

    Ein Problem, für das sich auch überhaupt keine Lösung abzeichnet. Täglich reinigt die Stadt den Platz von den Überresten der Nacht. Aber am nächsten Tag geht es genauso weiter wie am Vortag. Erst ist es noch recht ruhig. Aber je später es wird und je höher der Alkoholpegel steigt, umso mehr wird krakeelt und gestritten. "Einer aus der Gruppe wird ganz offensichtlich geschlagen", sagt Sozialarbeiter Erich Weber. "Wir vermuten sogar aus der Gruppe selbst." Aber tun können sie gar nichts, die Sozialarbeiter. Außer immer und immer wieder ihre Hilfe anzubieten. Wenn einer weg will von der Straße, aufhören will zu trinken, dann können sie ihn unterstützen. Aber zwingen können sie niemanden. "Im Winter ist es noch mal ein bisschen anders, wenn Eigengefährdung vorliegt", sagt Ordnungsamtsleiter Josef Hehl. Aber bis zum Winter ist noch lang.

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