40.000
  • Startseite
  • » Region
  • » Aus den Lokalredaktionen
  • » RZ Koblenz
  • » Streifzug durch einen feurigen Abend: So warten die Besucher auf das Feuerwerk
  • Aus unserem Archiv
    Koblenz

    Streifzug durch einen feurigen Abend: So warten die Besucher auf das Feuerwerk

    Es war frisch, feucht und wahrlich nicht sommerlich beim Sommerfest in Koblenz. Und doch verzauberte der Rhein-in-Flammen-Samstag wieder Tausende Besucher. Auch unser Reporter war beim Open-Air-Spektakel unterwegs – zwischen klitschnassen Hobbyfotografen und Männern auf göttlicher Mission. Das Protokoll eines wilden Abends.

    16.30 Uhr: Dutzende Reisebusse reihen sich am Peter-Altmeier-Ufer aneinander wie eine Perlenkette. Aus einem hüpft eine vierköpfige Familie. Die Limburger haben sich seit Monaten auf diesen Tag gefreut. Doch jetzt trübt das Wetter die Stimmung des Vaters. Er streichelt seinem achtjährigen Sohn über den Kopf und sagt: „Wir haben uns schon ein bisschen gesorgt. Morgens hat es geregnet und jetzt sieht es auch eher grau aus. Aber wir schauen mal.“

    17.20 Uhr: Zwischen Riesenrad und Imbissbude steht ein junger Mann an der Moselpromenade – und drückt den vorbeilaufenden Menschenmassen einen mysteriösen Flyer in die Hand. „Wollen Sie Ihre Zukunft wissen?“, steht da geschrieben. Und: „Die Bibel, das Wort Gottes, gibt Ihnen eine unfehlbare Antwort.“ Ein junges Paar steckt die Köpfe ineinander und tuschelt: „Sind das Zeugen Jehovas?“

    18.10 Uhr: Die Besucher des Sommerfestes flanieren über die Promenaden, lauschen den Bands auf den Bühnen, stärken sich mit Bier, Wein und Bratwurst. Axel Mohr und seine zwei Begleiter sind mittendrin – und doch nicht dabei. Die Männer sitzen seit 16 Uhr auf Campingstühlen am Rhein und machen keinen Hehl draus, dass ihnen das Open-Air-Spektakel schnuppe ist. „Vom Sommerfest bekommen wir ja nicht viel mit“, sagt Mohr, ein Mann mittleren Alters mit blonden Locken und blauen Augen. Warum er dann mit 55 Leuten in einem Reisebus aus dem Saarland nach Koblenz getuckert ist? „Ich bin hier wegen des Feuerwerks.“ Seine Hände umklammern eine Kamera. Vor ihm sind vier Stative aufgebaut. Regentropfen prasseln auf Axel Mohrs Kopf. Mit seinem Kameraequipment darf er nicht ans Deutsche Eck. Seinen Campingstuhl wird er in den nächsten Stunden nur zum Toilettengang verlassen. Doch all das ist kein Problem für Mohr. Denn der Hobbyfotograf hat eine Mission: das Feuerwerk in Bildern festhalten.

    18.44 Uhr: The Real Safri heizen dem Publikum auf der Bühne am Deutschen Eck ein. Zumindest versuchen sie es. Das Mayener Duo hämmert neongrüne Drumsticks aufs Schlagzeug, begleitet von pathetischen Trompeten. „Samba“ tönt es ab und zu aus den Boxen. Doch Sambastimmung sieht irgendwie anders aus. Hier und da klatscht mal jemand mit, ab und an wippt mal jemand die Hüften zum Takt. Ansonsten starren die Zuschauer regungslos zur Bühne. Vielleicht liegt’s am Regen.

    19.10 Uhr: An der „Green Stage“ am Pegelhaus ragt zwischen den Köpfen des Publikums ein blauweißes Schild heraus. Darauf steht: „Jesus rettet“. Ist das wieder der Typ vom Moselufer? Nein. Aber sein Kumpel: ein 29-jähriger Rüsselsheimer mit dunklem Haar und Stoppelbart. Im Gespräch erklärt er sein Anliegen: „Ich bin hier, um die Menschen zu warnen und Gott zu danken.“ Seine Botschaft: „Jede Sünde trennt uns von Gott.“ Das Sommerfest, das Feuerwerk, die Musik – all das interessiert den 29-Jährigen nicht. Ebenso wenig der Spott der Leute: „Ich nehme das nicht persönlich. Man muss sich selbst einfach hintanstellen.“

    20.05 Uhr: Über der Mosel kämpfen sich ein paar Sonnenstrahlen durch die dunklen Wolken. An der „Toy Factory“ am Rummelplatz versuchen Menschen an Greifautomaten ihr Glück. Einem jungen Mann gelingt es, zwei Teddybären aus einem der Kuscheltiergeräte zu fischen. Dafür sahnt er einen Kuss von seiner Freundin ab. Weniger Glück hat eine Mutter mit rotem Haar und goldenen Ohrringen. Sie hat die Schnauze voll, packt ihre Tochter am Arm und motzt: „30 Euro für so einen verdammten Olaf – ich bin doch nicht bekloppt!“ Was wohl ein verdammter Olaf sein mag?

    20.38 Uhr: Zwischen Rummelplatz und Deutschem Eck huschen Pfandflaschensammler von Mülleimer zu Mülleimer – und von einer Gruppe Jugendlicher zur nächsten. Denn mit der Dämmerung beginnt hier für viele das große Vorglühen. „Wenn du Party willst, dann musst du leider rein“, tönt es aus dem Königsbacher Biergarten. Die jungen Leute sind auch draußen bestens versorgt: mit Bier, Wein und Sekt.

    21.10 Uhr: Hobbyfotograf Axel Mohr sitzt wie gehabt auf seinem Campingstuhl am Rheinufer. Ab und an macht er einen Schnappschuss, experimentiert mit der Belichtung seiner Kamera. Langeweile? „Ach was – hier ist doch auch was los! Ich kann warten.“

    21.46 Uhr: Nahe der „Blue Stage“ diskutiert eine junge Frau mit dem Mann hinter der Theke. Es geht um den Koblenz-Becher. „Wie, ich bekomme kein Pfand zurück?“, fragt die Frau entsetzt. „Was soll ich denn jetzt mit den Bechern?“ Zwei Minuten später – selbes Problem. Ein Mann empört sich darüber, dass er für vier Bier 28 Euro zahlen muss. Der Schankkellner kann den Unmut mancher Gäste verstehen. Unserer Zeitung sagt er: „Die Leute begreifen es nur, wenn man es ihnen erklärt. Das mit dem Becher hätte man im Vorfeld besser publizieren müssen.“ Mit dem Becherkauf wird das Fest unterstützt. Währenddessen steht der irische Musiker Brian McGovern auf der Bühne, hebt sein Bier (im Koblenz-Becher natürlich) in die Luft und ruft das einzige deutsche Wort in die Menge, das er kennt: Prost!

    22.22 Uhr: Am Rheinufer wird es immer voller, das Durchkommen schwieriger. Es regnet. Schon wieder. Die Besucher kuscheln sich unter Regenschirmen aneinander, andere ziehen ihre Kapuzen über die Köpfe. Am Konrad-Adenauer-Ufer sitzen die jungen Rüsselsheimer auf einer Treppe, ihr Jesus-Schild ruht am Boden. Ihre Aufmerksamkeit widmen sie jetzt zwei jungen Frauen, sie lachen und flirten. Jesus rettet – und verkuppelt? Für den 29-Jährigen hat sich der Ausflug gelohnt: „Vorher hatte ich nicht so Bock. Aber man ist jetzt doch froh, hier zu sein.“

    23.01 Uhr: Der Rhein steht in Flammen. Oder besser gesagt: der Himmel über ihm. Das Feuerwerk taucht die Nacht in bunte Farben, zuerst in rote, dann in blaue. Die Zuschauer sind begeistert. Und selbst der Regen hat ausgesetzt. Der Höhepunkt des Tages beginnt versöhnlich.

    23.17 Uhr: Plötzlich gibt es Ärger. An der Seilbahnstation drückt ein Jugendlicher mit umgedrehter Kappe seinen Kopf gegen den eines anderen jungen Mannes. Umzingelt werden die beiden von einem Dutzend weiterer junger Menschen. Die Stimmung ist aggressiv. „Was lacht der über mich?“, brüllt der Kappenträger in die Runde. Dann dröhnt Vincent Weiss‘ „Feuerwerk“ über das Veranstaltungsgelände – und beruhigt offenbar auch die Gemüter der Streithähne. Ein Mädchen zieht einen der beiden weg, umarmt ihn, gibt ihm einen Kuss. Die Schiffe auf dem Rhein hupen zum Abschluss. Alles ist vorbei, alles ist gut.

    23.55 Uhr: Generationen-Clash am Moselufer. Eine Gruppe Senioren schlendert zufrieden, aber erschöpft zu ihrem Reisebus. Dahinter urinieren zwei junge Männer an einen Baum, der eine ruft dem anderen zu: „Bester Tag, Bruder – ohne Scheiß!“ Ob sie wissen, dass der verdammte Olaf etwas mit Disneys Eiskönigin zu tun hat? Wohl kaum.

    Eugen Lambrecht

    Besucher schimpfen: Beim Sommerfest hagelt es Kritik am Koblenz-BecherStreifzug durch einen feurigen Abend: So warten die Besucher auf das Koblenzer FeuerwerkPositive Bilanz von Rhein in Flammen: Feuerwerk vertreibt das trübe WetterJenseits des Trubels: So feiern die Menschen im Mittelrheintal Rhein in FlammenRhein in Flammen: Die schönsten Leserfotosweitere Links
    Koblenz
    Meistgelesene Artikel
    Anzeige
    Online regional
    Nina Borowski

    Nina Borowski

    Regio-CvD Online

     

    Mail

    epaper-startseite
    Wetter
    Dienstag

    10°C - 21°C
    Mittwoch

    10°C - 21°C
    Donnerstag

    13°C - 21°C
    Freitag

    11°C - 17°C
    News aus Ihrer Region - Lokalteil wählen
    wissenlinz,neuwiedremagenmontabaurandernach,mayenkoblenzdiezbademszellsimmernbirkenfeldkirn,badsobernheim,meisenheimbadkreuznach
    Bildergalerie: Fotos unserer Leser
    Kaiser Wilhelm und Seilbahngondel bei Sonnenuntergang. Die Aufnahme machte Thorsten Kolb aus Zirl im Spätsommer bei Sonnenuntergang an der B42 in Ehrenbreitstein.

    Mit der Kamera an Rhein und Mosel unterwegs: Hier zeigen wir die schönsten Fotos unserer Leser. Zusenden per E-Mail.

    Serie: Koblenzer Stadtgeschichte
    Koblenzer Stadt-Geschichten

    Redakteur Reinhard Kallenbach greift historische Begebenheiten der Stadt auf

    Anzeige