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    KoblenzSchemmer-Mord: Als wäre es gestern gewesen

    Kaum ein Kriminalfall hat die Koblenzer so beschäftigt wie der brutale Mord an den Eheleuten Heinrich und Waltraud Schemmer im Sommer 2011. Das gilt für die Bevölkerung, die regen Anteil nahm an den Geschehnissen, der Spurensuche, der Festnahme der Schwiegertochter, dem Prozess und dann der Verurteilung. Das gilt mindestens aber ebenso für die Ermittler: Am 22. Mai vor fünf Jahren gelang ihnen der spektakuläre Durchbruch, indem sie die Mörderin festnahmen.

    Thomas Lauxen und Simone Roeder von der Soko Schlüssel haben den Fall nie vergessen – ebenso wie die meisten Koblenzer nicht. 
    Thomas Lauxen und Simone Roeder von der Soko Schlüssel haben den Fall nie vergessen – ebenso wie die meisten Koblenzer nicht. 
    Foto: Sascha Ditscher

    Thomas Lauxen (47) und Simone Roeder (37) sitzen an dem großen sechseckigen Tisch im Soko-Raum im dritten Stock des Polizeipräsidiums und erinnern sich im Gespräch mit der Rhein-Zeitung an diese Zeit vor fünf Jahren. Daran, wie sie die Mörderin festgenommen haben, vor einem Supermarkt. Ganz unspektakulär eigentlich. „Wir haben sie abgepasst und gesagt, Sie sind festgenommen“, berichtet Thomas Lauxen. Unendlich viele Stunden Ermittlungsarbeit waren dem vorausgegangen. Stunden, in denen die beiden Ermittler und alle anderen aus der sogenannten Soko Schlüssel an diesem Tisch berieten oder an allen möglichen Orten Spuren auswerteten, Gespräche führten, weitere Fahndungsmaßnahmen vorbereiteten. Auch für die Ermittler war und ist es kein alltäglicher Fall.

    Wenn sie zurückdenken, ist alles wieder ganz nah: Am Samstag, 9. Juli 2011, werden die Leichen der beiden Koblenzer in ihrem Haus im Niederfelder Weg gefunden – von Sohn und Schwiegertochter der Geschäftsleute, die einen Überraschungsbesuch zum Geburtstag von Waltraud Schemmer abstatten wollen. Während die Nachbarn fürchten, dass ausländische Diebesbanden für den äußerst brutalen Mord verantwortlich sind und sich in ihrem Stadtteil nicht mehr sicher fühlen, denken die Ermittler in alle Richtungen.

    Untersuchungen im Haus und mit einem Riesenaufgebot an Polizisten im Gelände drum herum, Spurenverfolgung mit sogenannten Mantrailerhunden entlang der Autobahn, unendlich viele Zeugenvernehmungen folgen. Im April 2012 geht die Soko Schlüssel, benannt nach einem Haustürschlüssel des ermordeten Ehepaars, der vor dem Haus gefunden worden war, an die noch breitere Öffentlichkeit: In der Sendung „Aktenzeichen XY – ungelöst“ beschreibt Jürgen Johnen von der Soko die Situation und bittet die Bevölkerung um Mithilfe.

    An diesen wie an praktisch jeden anderen Tag der Ermittlungen erinnern sich die Kripo-Leute noch genau. Welche Fragen standen denn damals im Vordergrund? Warum glaubte die Polizei denn, dass man auch ein Dreiviertel Jahr nach einer Tat noch neue Hinweise finden könnte? „So etwas passiert immer wieder“, sagt Thomas Lauxen. Manchmal lesen Leute keine Zeitung, sind länger weg oder haben andere Dinge im Kopf, sodass sie gar nicht richtig mitbekommen, wie wichtig Beobachtungen sein könnten, die sie gemacht haben. „Je mehr Menschen von etwas Kenntnis haben, umso besser sind die Chancen, dass jemand etwas gesehen hat und auch aussagt“, so Lauxen. Deshalb also initiierte die Soko auch die Suche mithilfe der Fernsehsendung.

    Ermittlerarbeit ist wie ein großes Puzzle. Im kompletten Umfeld der Familie wird gesucht, aber auch anderen Spuren wird nachgegangen. So waren die Schemmers beispielsweise erst ein paar Tage vor ihrer Ermordung aus einem Frankreich-Urlaub zurückgekommen. Auch in den Hotels dort ermitteln die Koblenzer also, um herauszufinden, ob es dort einen Zusammenhang geben könnte. „Es gab Leute, die uns vorgeworfen haben, wir hätten uns von vorneherein auf die Familie eingeschossen“, erinnern sich Lauxen und Roeder. „Aber uns ging und geht es immer nur um die Wahrheit.“

    Um die herauszufinden, werden alle Mittel eingesetzt: Natürlich werden alle Menschen vernommen, mit denen die Familie Kontakt hat. So bekommt auch das Alibi der Schwiegertochter erste Risse. Als später bekannt wird, dass sie eine Nachbarin um ein falsches Alibi gebeten hat, macht sie das natürlich noch verdächtiger. Um möglichst viele Details zu erfahren, werden auch Telefone und Handys der Familienmitglieder abgehört, ebenso wie der Innenraum der Autos. Der Verdacht gegen die Schwiegertochter erhärtet sich immer mehr.

    Für die Ermittler eine absolute Ausnahmezeit. Kaum jemand geht in Urlaub, „und wenn doch, weil man etwas gebucht hatte, dann gab es enorme Telefonrechnungen“, sagt Simone Roeder. Es war eben kein Fall wie jeder andere. Auch später nicht, als die Tatverdächtige schon feststand. Allein schon deshalb, weil die Tat selbst so äußerst brutal verübt wurde, dazu noch von einer Frau aus der eigenen Familie, und das wohl „nur“ aus Habgier, um an das nicht unbeträchtliche Vermögen der ehemaligen Geschäftsleute zu kommen. Die Ermittler haben auch heute keinerlei Zweifel daran, dass sie die Tat begangen hat – aber ein Geständnis wäre ihnen trotzdem lieber gewesen.

    Immer wieder ist der Mordfall Schemmer auch heute noch Thema bei der Polizei – auch in der Ausbildung neuer Kripo-Leute. „Man kann daran so ziemlich alle Methoden der Ermittlung erklären“, sagt Thomas Lauxen. Verdeckt und offen, mit allen denkbaren Techniken von Handyüberwachung bis Hundesuche, Vernehmungen, Einbindung der Öffentlichkeit.

    Bis heute übrigens gibt es immer wieder Vorwürfe, die Ermittler hätten die Familie zerstört, berichtet Thomas Lauxen. „Aber das waren nicht wir, das war die Mörderin.“ Leicht haben es sich auch die Polizisten nicht gemacht, bekräftigt Simone Roeder. „Aber wir konnten doch nicht die Wahrheit vertuschen.“

    Von unserer Redakteurin Doris Schneider

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