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Koblenz

Narren lesen Verwaltung und Kommunalpolitik die Leviten: Das waren die Themen der Wagen

Reinhard Kallenbach

Die große Politik ist ausgefallen. Kein Wunder: Das Chaos in Berlin würde viele Wagenbauer überfordern. Sie hätten ja fast täglich umbauen müssen. In Koblenz ist man da konsequenter. Hier halten die Provisorien Jahre, wenn nicht Jahrzehnte. Den Narren bleibt also genug Zeit. Zudem hat ja die einzige Stadt an Rhein und Mosel genügend eigene Probleme, es wäre also sinnlos, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Und genau das spiegelte sich im Rosenmontagszug 2018 wider.

Etwas weniger als zweieinhalb Stunden mussten die Besucher investieren, wenn sie wirklich alles sehen wollten. Und „danach“ fragte sich so mancher, ob sich die Vereine abgesprochen haben, denn das fehlende Hallenbad war das alles beherrschende Thema des „Zuchs“, der damit zu einer bunten und vor allem lautstarken Großdemonstration für besseres Schwimmen im Oberzentrum mutierte.

Blick ins Jahr 2038

„Im Jahr 2038: Eröffnung des Hallenbades Koblenz, die Sensation, sogar mit 50-Meter-Becken, Sauna und Restauration“, spotteten die Aktiven des Alt-Herren-Corps, die sich ganz nebenbei einmal mehr für einen Spitzenplatz bei der Wagenprämierung am Freitag empfahlen. Und viele der rund 90 teilnehmenden Fußgruppen spannen das Thema weiter. Weiß-blaue Ringelhemden schienen die offizielle Kleidung des „Zuchs“ zu sein, von den Heimatfreunden Lay bis hin zum jüngsten Koblenzer Karnevalsverein, den erst vor wenigen Monaten gegründeten Schwänscha vom Schwanenteich.

Aber nicht nur wegen des Hallenbades konnte der Baudezernent Anregungen für seine weitere Arbeit gewinnen. Wacker marschierte Bert Flöck im Rosenmontagszug mit und vernahm, dass nicht jeder mit dem Baugeschehen in der Stadt zufrieden ist. „Verzieht Euch, Ihr Ausbeuter, Ihr stillt mit unserem Wohnraum doch nur Eure Gier“: Das war eine klare Ansage der Katholischen Jugend St. Peter Neuendorf/Wallersheim an Verwaltung und Rat. Flächen an „Kraken“ abgeben, die nur exklusive, aber für den Normalverbraucher nicht zu bezahlende Wohnungen bauen, das geht nicht nur aus Sicht der Narren im Norden der Stadt überhaupt nicht. Die Kesselheimer Kirmesgesellschaft legte nach, die Akteure prangerten die hohe Abgabenlast für Bürger und die Tatsache an, dass zu wenig für die Allgemeinheit zurückfließt. Und das ist durchaus wörtlich zu nehmen, der kochende Hexenkessel, in dem offenbar viel zu wenig für den Stadtteil gebraut wird, war nicht zu übersehen.

Die Gier des Fiskus beschäftigte auch die Kirmesgesellschaft St. Bernhard Wallersheim. „Das Finanzamt treibt es bunt, dat Brauchtum giet vor de Hund“, verkündeten die Wagenbauer, die mit dieser Aussage auf die Umsatzsteuer-Schikanen und hohen Nachzahlungen zielten, die so manchen Verein an den Rand des Ruins gebracht haben. Umgesetzt wurde das alles über die Geschichte vom naiven Rotkäppchen und dem verfressenen, bösen Wolf. Dazu kam ein weiterer Akteur: ein Hund mit Wahnsinn im Blick.

Narren sind richtig sauer

Keine Frage: Nicht nur die Narren sind richtig sauer, was man auch an den weiteren Zugbeiträgen deutlich spürte. „Wir finden das beschissen, unsere Klassen wurden abgerissen“, machten die Teilnehmer vom Förderverein Willi-Graf-Schule deutlich. Schüler und Eltern in Neuendorf werden sich jedoch noch gedulden müssen – vom Ersatzbau an der Handwerkerstraße stehen erst die Fundamente. Aber immerhin: Man wird es noch erleben, vorausgesetzt, man ist nicht mit dem Fahrrad unterwegs. Dieser Überzeugung sind die oft prämierten Wagenbauer der KaJunSe aus Neuendorf und Wallersheim. Sie schossen mit der riesigen Figur den Vogel ab: Gevatter Tod lauert mit glühenden Augen und riesengroßer Sense auf das – gelinde gesagt – verbesserungswürdige Radwegenetz.

Fazit des „Zuchs“, der bei fast optimalen äußeren Bedingungen über die Bühne ging: Die Narren haben durchaus bissige Botschaften – die Verantwortlichen sollten ihre Lehren daraus ziehen.

Von unserem Mitarbeiter Reinhard Kallenbach

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