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Koblenz

Nach Mord am Koblenzer Hauptfriedhof: Spezialisten reinigen Tatort

Doris Schneider

Auch die letzten Spuren sind jetzt weg: Montagmorgen ist der Tatort am Koblenzer Hauptfriedhof gereinigt worden. Der Blutfleck, die Chemikalien von den Untersuchungen der Spurensicherung, die rot-weißen Flatterbänder rund um die Batterie Hübeling sind beseitigt. Sonnenflecken scheinen durch die Bäume, der Wind weht leicht über den Friedhof, Vögel zwitschern. Davon, dass hier vor fast exakt 100 Tagen der 59-jährige Gerd Michael Straten ermordet und enthauptet wurde, gibt es jetzt keine Zeugnisse mehr.

Mit einem Hochdruckreiniger und Spezialmitteln haben Mitarbeiter der Stadt den Boden geschrubbt und mit einem Wasserschlauch abgespritzt, Fachleute der Feuerwehr haben mit einem Spezialgerät alles aufgesaugt. Dieser Bereich des Friedhofs ist nun wieder allgemein zugänglich. Im Übrigen wurde die Leiche von Straten nicht – wie zunächst berichtet – im quasi oberen Stockwerk des sogenannten Pulverturms, in dem Richtung Karthause gewandten Gebäudeteil in unmittelbarer Nähe zu der Engelsfigur gefunden, sondern einen Stock tiefer, in einer Art halb offenem Raum mit Mauerbögen.

Hier hat der Wohnungslose in den vergangenen Jahren nach Kenntnis der Kripo mehr oder weniger ständig kampiert. Und hier lagen Körper und Kopf des Getöteten – über die genaue Lage und die Tatwaffe gibt die Soko Hauptfriedhof nach wie vor keine Auskunft, da es sich um mögliches Täterwissen handelt, erklärt Waldemar Epp von der Soko.

Nach wie vor gibt es um Leben und Sterben des Mannes, der in den 80er- und 90er-Jahren in der Koblenzer Altstadt einen Laden mit Bildern und Rahmen hatte, mehr Fragen als Antworten. Ein paar Dinge weiß die Kripo natürlich mittlerweile über Straten: Dass er ein freundlicher, aber verschlossener Mann war, zum Beispiel, sagt Waldemar Epp im Gespräch mit der Rhein-Zeitung. Diese erste Erkenntnis hat sich im Lauf der Zeit immer mehr verstärkt. Dass er viel in der Stadt und am Hauptbahnhof unterwegs war und man ihn auch in den Beratungsstellen und Hilfemöglichkeiten für Wohnungslose kannte. Wie er seine Tage aber genau verbracht hat, bleibt noch immer ein wenig nebulös – trotz der 1000 Zeugen, mit denen die Soko-Mitarbeiter gesprochen haben, seitdem am Freitag, 23. März, ein Notruf bei der Polizei einging und der Leichenfund gemeldet wurde. Nachdem die Schutzpolizei den Ort inspiziert hatte, wurde sofort die Kripo eingeschaltet. Waldemar Epp war einer der Ersten, die am Tatort waren.

Seit mehr als drei Monaten arbeitet die Soko nun schon an diesem Fall, wertet Hinweise aus, befragt Zeugen. Allein dies nimmt ungeheuer viel Zeit in Anspruch, berichtet Epp. Über jede Befragung wird natürlich ein Bericht gefertigt, den die Soko-Leitung liest. Nahezu täglich setzen sich alle zusammen, berichten von ihren Ergebnissen. Daraus ergeben sich neue Ideen, neue Richtungen, in die gefahndet werden kann, neue Details und wiederum neue Arbeitsaufträge für die 35-köpfige Soko.

„Wir arbeiten unvermindert intensiv an dem Fall“, sagt der 39-Jährige. Eine richtig heiße Spur gebe es derzeit nicht – aber möglicherweise würden die Soko-Ermittler dies auch gar nicht sagen. Denn Erkenntnisse nicht zu früh an die Öffentlichkeit zu geben, das gehört dazu, um einen möglichen Verdächtigen vielleicht damit überführen zu können, dass er über Täterwissen verfügt.

Nicht ausgeschlossen ist, dass der Mordfall Straten auch in der Fernsehsendung Aktenzeichen XY erscheinen wird, auch wenn das derzeit nicht spruchreif ist, sagt Waldemar Epp. Im Moment werden allerdings die bestehenden Hinweise und Zeugenbefragungen noch ausgewertet – und da bleibt noch eine Menge zu tun.

Von unserer Redakteurin Doris Schneider

Die Chronologie im Mordfall

Das wissen wir über das Verbrechen:

22. März: Gerd Michael Straten wird am Abend das letzte Mal lebend gesehen, am Saarplatz.

23. März: Am Nachmittag, gegen 14.30 Uhr, wird seine Leiche gefunden, und zwar in der Batterie Hübeling auf dem Hauptfriedhof.

26. März: Die Polizei informiert in einer Pressemitteilung die Öffentlichkeit über das Verbrechen. Es deute darauf hin, dass es sich um einen gewaltsamen Tod handele, wird vorsichtig formuliert. Die Soko Hauptfriedhof nimmt ihre Arbeit auf.

28. März: Aus Gerüchten wird grausame Wahrheit: Die Polizei bestätigt gegenüber unserer Zeitung, dass der Getötete enthauptet wurde. Erst später wird auch mitgeteilt, dass der Fundort der Tatort ist und der abgetrennte Kopf – entgegen anderslautender Gerüchte) in der Nähe des Körpers lag.

29. März: Die Polizei informiert in einer Pressekonferenz über den Mordfall, der „außergewöhnlich brutal und menschenverachtend“ gewesen sei, so Oberstaatsanwalt Rolf Wissen. Über den Menschen Straten weiß man nun ein bisschen mehr: Er stammte aus Köln, kam 1979 nach Koblenz und führte in der Altstadt von 1986 bis 1997 ein Geschäft, in dem er Kunst und Bilderrahmungen anbot. Danach war er weitgehend wohnungslos, kampierte regelmäßig in dem Gebäude auf dem Friedhof, in dem er tot gefunden wurde.

31. März: Mit Flugblättern gehen Beamte der Polizei auf Anwohner in Friedhofsnähe und auf Passanten zu. Sie suchen mögliche Zeugen, die mehr über den sehr zurückgezogen lebenden 59-Jährigen und über mögliche Hintergründe für die Tat sagen können.

16. April: 700 Hinweise sind bisher eingegangen, so die Polizei, aber noch gibt es keine heiße Spur.

8. Juni: Die Soko wendet sich mit neuen Fragen an die Öffentlichkeit. So geht es unter anderem um einen Streit Stratens mit einem dunkelhäutigen Mann mit Rastalocken und roten Schuhen im August 2017 am Bahnhof und um zwei Männer, die in den Tagen rund um den Mord in der Nähe des Pulverturms waren.

23. Juni: Drei Monate nach dem Mord hat die Soko rund 1000 Zeugen befragt. Und sie arbeitet unvermindert intensiv an dem Fall. Eine richtig heiße Spur gibt es aber derzeit nicht. 

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