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    Lehmen

    Nach dem Erdbebeneinsatz in Mexiko: Als Benno Riehl ein pochendes Herz ortet

    Häuser stürzen ein, Menschen werden unter Trümmern begraben, Kinder sterben in ihren Klassenräumen. Als am Mittag des 19. September in Mexiko-Stadt die Erde bebt, weiß Benno Riehl aus Lehmen noch nicht, dass er zwei Tage später als Helfer genau dort auf einem Trümmerhaufen stehen und darauf hoffen wird, dass das Bioradargerät einen Herzschlag unter den Beton- und Stahlschichten ortet.

    Benno Riehl ist 53 Jahre alt und hat zwei Kinder. Er lebt mit seiner Familie auf einem Pferdehof in Lehmen.
    Benno Riehl ist 53 Jahre alt und hat zwei Kinder. Er lebt mit seiner Familie auf einem Pferdehof in Lehmen.
    Foto: Katrin Steinert

    Benno Riehl ist 53 Jahre alt, Familienvater und einer der ehrenamtlichen Helfer, die im Erdbebengebiet gearbeitet haben. Der Lehmener ist Mitglied der gemeinnützigen Organisation ISAR Germany, die weltweit nach Naturkatastrophen, Unglücksfällen und bei humanitären Katastrophen hilft. Benno Riehl war acht Tage lang 11.000 Kilometer von seiner Frau, den beiden Kindern und dem Pferdehof, auf dem sie leben, entfernt. Er ist vor Kurzem zurückgekehrt, sitzt nun mit einem Kaffee in der Küche und spricht über seine Erlebnisse. Für ihn war es der zweite Einsatz: 2015 packte er im Erdbebengebiet in Nepal mit an. Riehl ist Versorgungsingenieur und arbeitet als selbstständiger Heizungs- und Sanitärgutachter. Sein Steckenpferd ist die Trinkwasseraufbereitung, bei diesem Einsatz war sein Wissen als Baufachberater für beschädigte und einsturzgefährdete Häuser gefragt. 100 Gebäude checkte das zehnköpfige ISAR-Team. Viele davon mussten geräumt werden.

    Der elfstündige Flug steckt den Helfern in den Knochen, als sie gerade in Mexiko eine einfache Unterkunft beziehen. Die Gruppe hat ein brandneues Bioradargerät dabei, das einzige am Ort. Es kann bis zu 15 Meter unter Trümmern einen Herzschlag messen. Ein Suchtrupp vermutet einen Überlebenden. Ein Spürhund hat angeschlagen. So raffen Benno Riehl und seine Kollegen die Technik zusammen und fahren zur Einsatzstelle. Das Gerät aber bleibt stumm. Später wird feststehen: In dem Trümmerhaus starben fünf Menschen.

    Das Erdbeben mit der Stärke 7,1 hat nach Angaben von Hilfsorganisationen rund 1000 Menschen das Leben gekostet. In den Medien war von 337 Menschen die Rede. Die Trümmergebäude lagen vereinzelt in der gesamten Acht-Millionen-Metropole, auch angrenzende Regionen waren betroffen. Dazwischen gab es viele Straßenzüge, die stehen blieben. Das Team fuhr teilweise anderthalb Stunden zur Einsatzstelle.

    Das Team überprüft täglich zehn bis zwölf Gebäude

    Benno Riehl und das ISAR-Team retten im Einsatz zig Menschen das Leben. Nicht, weil sie diese aus den Trümmern ziehen, sondern weil sie deren Wohnhäuser als einsturzgefährdet bewerten – und die Zivilschutzbehörde sie räumen lässt. Darunter ein mehrstöckiges Gebäude, das nur noch steht, weil es gegen ein anderes gelehnt ist. Zehn bis zwölf Häuser arbeitet ein Team täglich ab: Mit Benno Riehl und einem weiteren Baufachberater sind immer ein Dolmetscher, ein Fahrer und ein Mitarbeiter der Zivilschutzbehörde am Ort. Die Fahrer und Autos wurden von Audi gesponsort, das dort ein Werk hat. Flüge, Unterkunft und Verpflegung muss die ISAR als gemeinnützige Organisation selbst durch Spenden finanzieren.

    Trümmer aus Stahlbeton: Das Erdbeben in Mexiko forderte Hunderte Menschenleben. Benno Riehl aus Lehmen suchte unter den Trümmern nach einem schlagenden Herzen (Riehl rechts vorne). 48 Menschen starben in diesem Gebäude.
    Trümmer aus Stahlbeton: Das Erdbeben in Mexiko forderte Hunderte Menschenleben. Benno Riehl aus Lehmen suchte unter den Trümmern nach einem schlagenden Herzen (Riehl rechts vorne). 48 Menschen starben in diesem Gebäude.
    Foto: Stefan Heine/ISAR

    Eines Abends geht die Alarmierung für das Bioradar erneut los. Riehls Team lässt alles stehen und liegen, wird zu einem fünfstöckigen Trümmerhaus gebracht. Das Erdbeben ist fünf Tage her, die Chance, dass jemand überlebt hat, geht gegen null, aber die Hoffnung bleibt. „Man sagt, dass es Einzelfälle gibt, in denen jemand nach 72 Stunden überleben kann, wenn er unverletzt ist und Wasser zur Verfügung hat“, erklärt Benno Riehl.

    Übers Nachbarhaus steigt der 53-Jährige mit Team auf die Trümmer, die oberen Etagen liegen verschoben übereinander. Der Trupp sucht den Boden der vierten Etage, steigt in einen Trichter. Es riecht stark nach Verwesung, unangenehm süßlich. Doch das interessiert die Helfer nicht. Sie suchen Leben. Über Funk halten sie Kontakt nach außen, die Kollegen wissen genau, wo sie gerade sind. So laufen auch die Prüfungen von Gebäuden ab. Der Suchtrupp bekommt über Funk Bescheid, sobald sich das Gebäude augenscheinlich bewegt oder Nachbeben kommen.

    Das Radar wird aufgebaut. Und dann: ein Ausschlag. „Der Moment, in dem der rote Punkt kommt, ein Herz schlägt, bombom, bombom. Da sind alle hellwach“, erzählt Riehl. Adrenalin pur. Das Bioradar erkennt durch acht Meter Stahlbeton ein pochendes Herz. Doch schnell stellt sich heraus: Es ist der Helfer eines anderen Teams auf dem Dach. Später steht fest: Insgesamt kamen 48 Menschen in diesem Gebäude ums Leben.

    Hätten mehr Verschüttete gerettet werden können?

    Benno Riehl und das ISAR-Team hätten sich gewünscht, dass ihr Bioradar direkt eingesetzt worden wäre. Systematisch. Dass Trümmerhaus für Trümmerhaus abgearbeitet worden wäre. „Dann hätten wir sicher noch den ein oder anderen retten können.“ Aber genau das war ein Problem in Mexiko: Die Armee hatte das Sagen und war als organisatorischer Apparat völlig starr und langsam, sagt Riehl. Bislang gibt es kein bilaterales Abkommen in Katastrophenfälle zwischen Deutschland und Mexiko und auch kein Abkommen mit den Vereinten Nationen, die die ISAR beauftragen. So dauerte es ewig, bis die ISAR das Okay erhielt, helfen zu können. „Andernfalls wären wir bereits zwölf Stunden nach dem Beben mit allem, was wir brauchen, mit unserem 60-köpfigen Team, vor Ort gewesen“, sagt Riehl. Nicht erst zwei Tage später. Er hofft, dass die Zusammenarbeit nun in die Gänge kommt.

    Wenn Benno Riehl an seinen Einsatz zurückdenkt, dann nicht an Leichengeruch, Lautstärke und Tränen verzweifelter Angehöriger. Was ihn nachhaltig bewegt, ist die Dankbarkeit, die er von den Einheimischen erfahren hat. „Das ist Wahnsinn“, sagt er und erzählt, wie er in rot-gelber ISAR-Kluft in ein Restaurant ging. Die Gäste im Lokal standen auf und klatschten. Auch, wenn sich sein Team abgesperrten Gebäuden näherte und die Absperrung überwinden durfte, um ins Innere zu gehen, jubelten und klatschten jene, die selbst nicht in die Trümmer durften.

    Die braunen Augen des 1,91 Meter großen und 115 Kilogramm schweren Lehmeners sind feucht, als er davon erzählt. „Da hatte ich schon einen Kloß im Hals“, sagt Riehl und trinkt einen Schluck Kaffee. Er ist für den nächsten Einsatz bereit. „Uns geht es in Deutschland und hier zu Hause sehr gut. Ich möchte etwas zurückgeben.“

    Von unserer Redakteurin Katrin Steinert
     

    Die Hilfsorganisation ISAR Germany

    Die gemeinnützige Hilfsorganisation I.S.A.R. Germany wurde 2003 in Duisburg gegründet und arbeitet weltweit. Der Name steht für „International Search-and-Rescue“.

    Sie ist ein Zusammenschluss aus Spezialisten verschiedener Hilfsorganisationen und dem Bundesverband Rettungshunde. Einsatzgebiete: humanitäre und Naturkatastrophen sowie Unglücksfälle. Die Suche und Rettung von Erdbebenopfern gehört dazu. Benno Riehl aus Lehmen lernte die ISAR bei einem Tag der offenen Tür kennen. Diese finanziert sich über Spenden, die meisten Helfer arbeiten ehrenamtlich. Infos auf  www.isar-germany.de

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