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Koblenz

Mord an Obdachlosem in Koblenz: 400 Spuren – aber die heiße fehlt noch

Nina Borowski

Zehn Tage nach dem Mord an dem wohnungslosen Gerd Michael Straten hat die Sonderkommission Hauptfriedhof rund 400 Spuren ausgewertet – aber die ganz heiße Spur ist noch nicht dabei, sagt Soko-Leiter Thomas Lauxen am Montag gegenüber der RZ.

Mit Flugblättern befragen die Mitarbeiter der Soko Hauptfriedhof am Samstagmorgen die Anwohner rund um den Friedhof: Wer kann etwas über das Leben und Sterben von Gerd Michael Straten sagen? Jeder Hinweis wird ausgewertet, jedes kleine Detail kann wichtig sein.
Mit Flugblättern befragen die Mitarbeiter der Soko Hauptfriedhof am Samstagmorgen die Anwohner rund um den Friedhof: Wer kann etwas über das Leben und Sterben von Gerd Michael Straten sagen? Jeder Hinweis wird ausgewertet, jedes kleine Detail kann wichtig sein.
Foto: Nina Borowski

Noch ist unklar, wer den 59-Jährigen im sogenannten Pulverturm getötet hat. Die Tat lässt erschaudern: Die Leiche wurde enthauptet aufgefunden.

Irgendwann zwischen Donnerstag, 22. März, und Freitag, 23. März, muss Straten getötet worden sein. Gegen 20 oder 21 Uhr am Donnerstag soll er noch lebend gesehen worden sein, am Freitag gegen 15 Uhr wurde seine Leiche gefunden, in der halb offenen Halle eines Gebäudeteils der alten Feste Kaiser Alexander, das heute als Ehrenmal für die Toten des Zweiten Weltkriegs dient.

Wer den Toten unterhalb einer Engel- oder Madonnenfigur entdeckt hat und ob dies durch Zufall geschah, dazu sagt Lauxen auch am Montag nichts. Und auch nicht, wie Straten ums Leben kam.

In den vergangenen Tagen hat die Polizei zwischen 150 und 170 Hinweise bekommen, sagt Lauxen, telefonisch, persönlich, per Mail. Und außerdem haben sich viele Menschen gemeldet, die der Soko Glück und Erfolg wünschen. Der gewaltsame Tod des Wohnungslosen beschäftigt die Menschen. Mehr noch als die anderen wahrscheinlich die Anwohner am Hauptfriedhof, die rund 25 Kripo-Beamte am Samstagmorgen mit Flugblättern aufgesucht und um Hinweise gebeten haben.

„Ich kann gut verstehen, dass der eine oder andere eine gewisse Angst oder Ängstlichkeit spürt. Objektiv besteht dazu aber kein Grund“, sagt Lauxen. Trotzdem sind in diesen Tagen vermehrt Streifen auf dem Friedhof und auch rund um das Gelände unterwegs, wie der Soko-Leiter weiter betont. 10.000 Euro hat die Staatsanwaltschaft jetzt für Hinweise ausgelobt, die zur Ermittlung des oder der Täter führen.

Oberstaatsanwalt Rolf Wissen hatte die Tat bei einer Pressekonferenz am Donnerstag als außergewöhnlich brutal und menschenverachtend beschrieben. Viele Fragen lassen die Ermittler aber noch unbeantwortet: „Wer hat den grausigen Fund gemacht“, „Wie genau wurde der Mann getötet“, „Was für eine Waffe wurde genutzt“, „Wurden auch andere Körperteile abgetrennt als der Kopf?“ – darauf bekommen die Medien (noch) keine Antworten, aus ermittlungstaktischen Gründen.

„All dies ist mögliches Täterwissen, das letztlich dabei helfen könnte, den Mörder zu überführen“, betont Lauxen auch am Samstagmorgen noch einmal.

Erst vor wenigen Wochen waren Beamte einer Sonderkommission im Koblenzer Stadtteil Neuendorf im Einsatz und haben mit einer ähnlichen Flugblattaktion nach Hinweisen zu einer damaligen Tat gesucht. Dort ging es ebenfalls um Mord.

Quelle: YouTube (erweiteter Datenschutzmodus)

„Bei dieser Aktion haben wir sehr viele Hinweise bekommen. Darunter war auch ein sehr guter“, sagt Lauxen auf RZ-Nachfrage. Mehr möchte er hierzu an dieser Stelle nicht sagen – ebenfalls aus ermittlungstaktischen Gründen.

Womit die Polizei allerdings sehr offensiv an die Öffentlichkeit geht, das sind Details zur Person des Opfers: Gerd Michael Straten wuchs in Köln auf, bevor er 1979 nach Koblenz kam. Von 1986 bis 1997 führte er hier ein Geschäft in der Altstadt, in dem er Kunst und Bilderrahmungen anbot, schildert Thomas Lauxen. Danach war er weitgehend wohnungslos. Diverse Zeugen schildern ihn als zurückhaltend, freundlich und gebildet, interessiert an Kunst und am Zeitgeschehen.

Gut 150 Menschen hat die Polizei schon vernommen, sagt Lauxen. Und das Bild hat sich immer mehr verfestigt: Straten legte viel Wert auf ein gepflegtes Äußeres, er trank kaum oder keinen Alkohol und nahm auch keine Drogen zu sich.

Er hielt sich häufig in der Nähe des Hauptbahnhofs auf und besuchte regelmäßig Cafés, Biomärkte und Bibliotheken, wo er oft stundenlang die Zeitung las. Vor allem im Sommer war er auch als Pfandsammler auf Festivals unterwegs und mietete dafür manchmal ein Auto.

Das erzählt am Montagmorgen auch ein Mann, der jeden Tag am Hauptbahnhof ist: Er und ein paar Kumpels haben Straten im vergangenen Sommer mal auf einem Festival in Bayern getroffen, dort sammelte dieser Pfandflaschen. Näher aber hat er den nun Ermordeten nicht gekannt, sagt der Mann dann. „Wir hier sind die Junkies, der war eher bei den Alkis.“

Spekulieren aber tun alle, Junkies wie Alkis: „Das waren Satanisten oder Islamisten“, fasst einer der Männer achselzuckend die Diskussionen zusammen. „Das sind die gängigen Ideen“, bestätigt Lauxen aus den vielen Gesprächen, die die Soko geführt hat. Ob was dran ist? Das weiß noch niemand.

Von unseren Redakteurinnen Nina Borowski und Doris Schneider

Wer kann helfen, den Mord aufzuklären?

Die Soko Hauptfriedhof sucht weiterhin Zeugen, die etwas über den Ermordeten und sein Umfeld sagen können.

Gerd Michael Straten wurde brutal getötet. Von wem ist weiter unklar. Foto: Polizei
Gerd Michael Straten wurde brutal getötet. Von wem ist weiter unklar.
Foto: Polizei
  • Wer kannte Gerd Michael Straten?
  • Wer kann Angaben zu seinem Umfeld und zu Kontaktpersonen machen?
  • Wer hat Auffälliges im Bereich des Hauptfriedhofes bemerkt?
  • Wer kann Angaben zu Streitigkeiten zwischen dem Opfer und anderen Personen machen?
  • Wer kennt weitere Personen, die auf dem Hauptfriedhof leben oder sich dort oft aufhalten?
  • Wer kann sonstige sachdienliche Hinweise geben?

Hinweise nehmen die Kriminaldirektion Koblenz, Tel. 0261/1031, sowie jede andere Polizeidienststelle entgegen. Infos: www.polizei.rlp.de/de/fahndung

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