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Bendorf

Lovestory statt Kirchensegen: Freie Trauungen florieren

Gleichgeschlechtliche Paare oder solche, die das zweite Mal den Bund fürs Leben eingehen, dazu viele junge Leute, die mit der Kirche einfach nicht mehr viel am Hut haben: Immer weniger Brautleute lassen sich aus diesen und sicher auch aus vielen weiteren Gründen heraus neben der standesamtlichen Hochzeit auch noch kirchlich trauen.

Sabine Schmidt aus Bendorf arbeitet als freie Traurednerin.
Sabine Schmidt aus Bendorf arbeitet als freie Traurednerin.
Foto: privat

Dafür entscheiden sich immer mehr Paare nach dem Standesamt zusätzlich für eine "freie Trauung". Gestaltet wird die Zeremonie von freien Traurednern. Zu dieser in Deutschland eher noch neuen, jungen Zunft gehört Sabine Schmidt aus Bendorf.

Seit 2013 ist die 55-Jährige jetzt im Hochzeitsgeschäft. Wie sehr dieses floriert, zeigt ihr Terminkalender und die Tatsache, dass sie, um die Nachfrage bedienen zu können, mittlerweile bereits zwei Angestellte hat. Von April bis Oktober wird quasi an jedem Wochenende geheiratet. "Da bin ich restlos ausgebucht", erzählt Sabine Schmidt, die die freien Trauungen im Nebenjob anbietet und hauptberuflich im öffentlichen Dienst arbeitet. Eine Zeit lang war sie dabei auch als Standesbeamtin im Einsatz, hat also auch hier schon Paare unter die Haube gebracht. Wobei die freien Trauungen im Gegensatz zur standesamtlichen Trauung natürlich keine rechtsverbindlichen Charakter haben. "Die ersetzen heute vielmehr die kirchliche Hochzeit. Viele Paare wünschen sich, auch in einem festlichen, würdevollen und sehr persönlichen Rahmen zu heiraten, haben aber keinen Bezug mehr zur Kirche", berichtet Sabine Schmidt. Hinzu kommt, dass die Gesellschaft immer bunter und multikultureller werde. "Vor kurzem erst hatte ich eine thailändisch-russische Hochzeit, davor eine pakistanisch-deutsche", erzählt die Traurednerin.

Jede Rede ist individuell

Entschließen sich Paare für eine freie Trauung, dann widmet sich Sabine Schmidt diesen sehr intensiv. Ihre Traureden sind keine Massenware, nichts von der Stange. "Jede Traurede ist vielmehr die ganz individuelle Lovestory des Paares, das da heiratet", sagt die Bendorferin.

Und die geht auch Sabine Schmidt manchmal selbst unter die Haut. Manchmal, gibt sie sie zu, muss sie dabei die ein oder andere Träne verdrücken. "Das sind ganz wunderbare Momente. Deshalb macht dieser Job auch so viel Freude", schiebt die Traurednerin hinter her.

Sie wird übrigens auch immer wieder einmal dann engagiert, wenn Paare nach langen Jahren des gemeinsamen, glücklichen Zusammenlebens ihre Eheversprechen wiederholen. Und das passiert manchmal an den ungewöhnlichsten Orten. Im vergangenen Jahr etwa auf einem Kreuzfahrtschiff im Indischen Ozean. "Das war aber Zufall, dass mein Mann und ich ausgerechnet die gleiche Reise gebucht hatten", erinnert sich Sabine Schmidt. In der Regel finden die Zeremonien aber eher in der Region statt. Schloss Sayn etwa sei ein beliebter Ort auch für freie Trauungen, oder auch Gut Besselich in Urbar.

Aber auch am Stattstrand in Koblenz, im Andernacher Casino oder in der Abtei Rommersdorf haben sich Paare schon von Sabine Schmidt frei trauen lassen. Eine ganz persönlichen Lieblingsort hat die Bendorferin nicht: "Wichtig ist, dass der Ort zum Paar passt. Darauf kommt es an." Wohl aber gesteht Sabine Schmidt frank und frei, dass sie einfach ein großer Fan von romantischen Hochzeiten ist. "Ich gucke mir auch im Fernsehen immer die Adelshochzeiten an", verrät sie schmunzelnd. Und während Freunde am Wochenende Golf- oder Tennisspielen in ihrer Freizeit, greift Sabine Schmidt in die Tasten und schreibt Traureden oder recherchiert im Internet nach neuen Kulissen für eine Traumtrauung.

Annette Hoppen

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Koblenz
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