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Koblenz

Kulturbau: Glasaufzug wird für 70-jährigen Koblenzer zum Gefängnis

Zum Glück hatte keiner Höhenangst oder neigt zu Panikattacken in Aufzügen. Und zum Glück sind sie körperlich sehr fit – und waren nur zu dritt. Sonst hätte der Ausflug am Mittag für den Koblenzer Wolfgang Brandl und seine beiden Bekannten noch erheblich unangenehmer werden können. Sie blieben im Glasaufzug im Kulturbau stecken. Etwa in fünf Meter Höhe ging nichts mehr. Und Hilfe zu holen, war schon die erste Herausforderung.

Der 70-Jährige ist jetzt, wenige Tage nach dem Vorfall, entspannt – und war es auch weitgehend, als er mit seinem ehemaligen Studienfreund und dessen Frau im Aufzug stecken blieb. An die Zeitung hat er sich gewandt, weil ihn bei der Rettungsaktion einiges gestört hat. Dass kein Hinweis im Aufzug hing, dass man den Alarmknopf mindestens drei Sekunden halten muss, zum Beispiel. Der Hinweis steht jetzt übrigens (wenn auch sehr klein) über dem Knopf – die Stadt hat also schnell reagiert.

Bis die Feuerwehrleute da waren, verging einige Zeit. Auch deswegen, weil es noch keinen Hinweis gab, dass man den Alarmknopf ein paar Sekunden gedrückt halten muss.
Bis die Feuerwehrleute da waren, verging einige Zeit. Auch deswegen, weil es noch keinen Hinweis gab, dass man den Alarmknopf ein paar Sekunden gedrückt halten muss.
Foto: Wolfgang Brandl

An jenem Tag aber dauerte es nämlich eine Weile, bis die Feuerwehr automatisch informiert wurde. „Wir haben immer wieder auf den Knopf gedrückt, das klingt so ähnlich wie eine Hupe“, berichtet Brandl. Alles guckte dann, aber die Feuerwehr wurde nicht alarmiert. Denn dazu muss der Knopf gehalten werden. „Die Bedienungen im Café haben toll reagiert“, erzählt der Koblenzer. Erst haben sie drei Finger hochgehalten, um anzuzeigen, dass der Knopf länger gehalten werden muss – „aber das haben wir nicht kapiert, wir waren doch etwas aufgeregt.“ Und dann schrieb einer von ihnen seine Telefonnummer auf ein großes Stück Pappe. „Da konnten wir mit unseren Handys anrufen und erfuhren das mit den drei Sekunden“, berichtet Brandl lächelnd. Noch besser wäre es aber, wenn es eine Sprechverbindung zum Beispiel zur Tourist-Info gäbe, findet er.

Der Zettel über der Klingel ist neu.
Der Zettel über der Klingel ist neu.
Foto: Doris Schneider

Nachdem sie endlich alarmiert waren, waren Feuerwehrleute und wenig später auch Sanitäter schnell da, berichtet Brandl weiter. Die Helfer berieten sich einige Minuten, dann setzte sich der Aufzug mit den drei Eingesperrten ruckelnd nach oben in Bewegung, ein paar Zentimeter, Stopp, ein paar Zentimeter, Stopp. Von der Brüstung in halber Höhe des Kulturbaus aus öffneten Helfer eine Luke im Dach des Aufzugs und ließen eine Leiter herab in die Kabine. Die drei Gefangenen mussten dort hinaufsteigen und dann über eine weitere Leiter balancieren, um hinter die Brüstung zu kommen. „Die Frau meines Bekannten konnte das nicht gehen, sie hatte zu viel Angst. Sie setzte sich und schob sich rüber“, berichtet der Koblenzer.

Warum der Aufzug nicht ganz hoch oder nach unten gefahren wurde, damit die drei Besucher ihn einfach durch die Tür hätten verlassen können, das ist ihm unerklärlich. Darauf gibt die Stadt auch keine klare Antwort: Die Rettung funktioniere so, wie vom Leser beschrieben, entweder zum Notausstieg im zweiten Obergeschoss oder zum Ausstieg Dachterrasse, antwortet die Stadt auf Anfrage der RZ.

„Wenn wir nicht so fit wären oder älter oder sogar behindert, wären wir nicht rausgekommen“, sagt Brandl. Schon so war die Situation belastend. „Es wird auch schnell sehr warm in der Kabine, wir waren froh, dass wir nur zu dritt waren.“ Der Aufzug ist für 15 Menschen zugelassen, das hätte sehr unangenehm werden können.

An sich macht der Karthäuser niemandem einen Vorwurf, denn dass ein Aufzug stecken bleiben kann, das passiert nun Mal. Aber an den Details hat er durchaus Kritik. Den Hinweis auf die drei Sekunden hat die Stadt nun ja schon umgesetzt – wenn auch ziemlich klein. „Ohne Brille kann ich das nicht lesen“, sagt Brandl. Besser wäre ein etwas größeres Schild, das darauf hinweist, dass man ruhig bleiben und den Knopf länger drücken soll, findet er. Und eine Sprechverbindung zur Infostelle unten.

Dass der Aufzug stecken bleibt, ist jetzt erst zum zweiten Mal passiert, so die Stadt auf Anfrage der Rhein-Zeitung. Die Ursache bleibt unklar: „Wie schon nach dem ersten Fall war der Techniker der Wartungsfirma vor Ort und konnte keinen Fehler feststellen“, so Stadt-Pressesprecher Thomas Knaak.

Für die Feuerwehr ist es ein Standardeinsatz – für die drei Betroffenen, die im Glasaufzug festsaßen, war es alles andere als das, bis sie etwa eine Dreiviertelstunde nach dem Steckenbleiben wieder festen Boden betreten konnten. Mit älteren oder weniger fitten Menschen, mit Menschen, die zu Panik neigen oder mit kleinen Kindern hätte es richtig unangenehm werden können. Dass man bei der Aktion zusätzlich noch jede Menge Zuschauer hatte, machte es für die Eingeschlossenen auch nicht einfacher.

Von unserer Redakteurin Doris Schneider

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