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Koblenz

Ein letzter Gruß: Koblenzer nehmen Abschied von brutal ermordetem Obdachlosen

Viele der Menschen, die am Freitag auf dem Friedhof in Lützel zum Abschied nehmen gekommen sind, haben eins gemeinsam: Sie kannten Gerd Michael Straten nicht persönlich. Und doch hat sie der brutale Mord so bewegt, dass sie einen letzten Gruß hinterlassen wollen.

In der Friedhofshalle auf dem Friedhof in Lützel wurde der Sarg des Toten am Freitagnachmittag aufgebahrt.
In der Friedhofshalle auf dem Friedhof in Lützel wurde der Sarg des Toten am Freitagnachmittag aufgebahrt.
Foto: Nina Borowski

Es ist kurz nach 14 Uhr und das mediale Interesse an dem Fall ist weiterhin ungebrochen. Zig Fernseh- und Rundfunkteams stehen vor der Friedhofshalle in Lützel und warten auf Koblenzer, die kommen, um sich zu verabschieden. Nach und nach kommen Menschen auf den Friedhof. Manche haben eine weiße Rose dabei, andere kommen gemeinsam mit dem Partner, eine ältere Dame hat ihren Hund dabei. Das mediale Aufgebot sorgt bei einigen für unsichere Blicke an diesem denkwürdigen Tag.

Bei Sonnenschein und blauem Himmel ertönt leise Musik aus dem Inneren der kleinen Friedhofshalle. Auf einem Podest steht umringt von Blumen und Kerzen ein schlichter Holzsarg. Vor rund sechs Wochen wurde die Leiche von Gerd Michael Straten auf dem Koblenzer Hauptfriedhof gefunden. Die brutale Tat ist seit Wochen Gesprächsthema in der Stadt. Die Ermittlungen der Soko Hauptfriedhof laufen auf Hochtouren – doch bisher ohne Erfolg.

Einige ließen einen letzten Gruß da.
Einige ließen einen letzten Gruß da.
Foto: Sascha Ditscher

„So sinnlos!“, schreibt Jutta im Kondolenzbesuch, das vor der Friedhofshalle ausliegt. Sehr persönlich verabschiedet sie sich von Straten, den sie nur von einem zufälligen „kurzen Dialog“ kennt. Bei ihr im Garten hätte der Obdachlose einen Schlafplatz aufschlagen können. „So ein feiner Mann und wertvoller Mensch“, endet der Eintrag. Ein anderer schreibt an den „lieben guten Freund“ , der bereit war, ihn zu verstehen und mit seinen „sehr bescheidenen Möglichkeiten in meiner großen Not mit ganz wenig Geld“ zu helfen. Wieder an anderer Stelle steht ein einfaches „Es tut mir leid, ruhe in Frieden“.

Die Betroffenheit und Anteilnahme ist groß unter den Besuchern, die an diesem strahlenden Frühlingsnachmittag auf den Petersberg gekommen sind. Auf dem von Kerzen umgebenen, geschlossenen Sarg in der Halle liegt ein Kranz aus weißen Rosen und Lilien, auf dem Band steht „Ruhe in Frieden, Deine Familie“. Auch von der Stadt Koblenz gibt es einen rot-gelb gehaltenen Kranz. Einige Besucher haben einzelne Blüten oder Sträuße abgelegt, andere Kerzen mitgebracht. „Wie er umgebracht wurde, ist so furchtbar, ich möchte mein Mitgefühl zeigen“, sagt eine Koblenzerin. Geköpft zu werden sei ein schrecklicher Tod. „Ich fürchte, der oder die Täter werden nicht gefunden“, ergänzt sie. In dem Kunst- und Rahmenladen, den Straten von 1986 bis 1997 in der Altstadt führte, meint sie „mal gewesen zu sein“. Sie selber kannte den Obdachlosen nicht, aber Bekannte hatten Kontakt. Nur vom Sehen kannte Marion Becker den 1979 nach Koblenz gezogenen Straten, den sie als freundlich, nett und gepflegt beschreibt, „nicht so ein Suffkopp“. Sein Tod „ist einfach traurig, deswegen will ich mich verabschieden“, erklärt sie. Dass es überhaupt die Möglichkeit gibt, dem Mordopfer die letzte Ehre zu erweisen, begrüßt Elvira Müller. „Gut, dass die Familie das zulässt“, so die 62-Jährige. In aller Stille ihre Anteilnahme zu bekunden, ist ihr ein Anliegen.

Aber die Brutalität der Tat hat viele Menschen bewegt.
Aber die Brutalität der Tat hat viele Menschen bewegt.
Foto: Sascha Ditscher

Nach Bekanntwerden der Tat war zunächst unklar, ob es Angehörige gibt. Polizei und Staatsanwaltschaft haben dann bekanntgegeben, dass sich die Familie um das Begräbnis des Mordopfers kümmern wird. Durch die Koblenzer Polizei lässt die Familie mitteilen, dass die Bevölkerung die Möglichkeit bekommen soll, sich zu verabschieden.

Warum Gerd Michael Straten, dessen enthauptete Leiche vor etwas mehr als einem Monat in der Batterie Hübbeling auf dem Hauptfriedhof entdeckt wurde, sterben musste, ist nach wie vor ein Rätsel. Die Details, die zur Tat bisher bekannt sind, sind verstörend: Der Leichnam wurde in einem Festungsgebäude im oberen Teil des Hauptfriedhofs gefunden, unter einer Statue, die einen Friedensengel darstellt. Der Kopf des Toten war abgetrennt. Mit welcher Waffe oder welchem Instrument, dazu macht die Polizei bisher keine Angaben.

Und auch, wie der 59-Jährige getötet wurde, wird nicht bekannt gegeben. Nur dass es ein gewaltsamer Tod war, das sagt die Polizei. Lange wurde der Leichnam in der Rechtsmedizin in Mainz untersucht. Über die Ergebnisse schweigt sich die 35-köpfige Soko Hauptfriedhof aus. Mittlerweile hat die Staatsanwaltschaft aber bestätigt, dass der Mord in dem Gebäude auf dem Friedhof verübt wurde, in dem der Leichnam gefunden wurde, und dass der Kopf des Toten ebenfalls am Tatort lag.

nbo/kde

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