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Koblenz

Ein bewegtes Leben: Verluste, neue Liebe und viel Lebensmut – Eine 100-Jährige erzählt

Der 7. Februar 1918 ist ein Donnerstag. Der Erste Weltkrieg tobt noch immer. Wilhelm II. ist deutscher Kaiser. Zu Ehren seines 59. Geburtstags zehn Tage zuvor finden an der Front Wehrturnfeste statt. Und in Danzig erblickt das jüngste von vier Geschwistern das Licht der Welt: Dorothea Fach wird geboren. Beinahe unglaubliche 100 Jahre später blickt die rüstige Seniorin in Koblenz zufrieden auf ihr bewegtes Leben zurück.

An ihrem 100. Geburtstag blickt die gebürtige Danzigerin Dorothea Fach, die seit vielen Jahrzehnten in Koblenz lebt, auf ihr Leben zurück.
An ihrem 100. Geburtstag blickt die gebürtige Danzigerin Dorothea Fach, die seit vielen Jahrzehnten in Koblenz lebt, auf ihr Leben zurück.
Foto: Katharina Demleitner

Als Dorothea zur Welt kommt, ist Danzig Teil des Königreichs Preußens. Als das Nesthäkchen der Familie Knetter zwei Jahre alt ist, wird die Stadt vom Reichsgebiet abgetrennt und erhält den Status eines autonomen Freistaats. Dorothea wächst heran, besucht die Schule, lernt bei der Mutter, einer Schneiderin, das Handwerk und ist als sogenannte Hausschneiderin tätig. Drei Monate nach Beginn des Zweiten Weltkrieges heiratet sie den elf Jahre älteren Emil Fach, einen Musiker. „Die Zeit war schwer, und dann mussten wir fliehen“, erinnert sich die Seniorin beim RZ-Gespräch in ihrem Einzelzimmer im Seniorensitz der Blindenhilfe „Auf der Karthause“. Zwischen Bildern, Möbeln und einer Wanduhr aus ihrem Privatbesitz berichtet Dorothea Fach, wie sie mit ihrem Mann die Heimat verlassen musste. Ihre älteren Geschwister Heinz, Fritz und Erika starben während der Kriegsjahre, „aber ich habe es so weit überstanden“, sagt sie. In Koblenz angekommen, bezieht das Paar eine Wohnung in der Goldgrube. Emil Fach arbeitet als Hornist zunächst in einem Kulturorchester in Bad Neuenahr, später als Orchestermusiker bei der Rheinischen Philharmonie. Im September 1941 kommt Sohn Peter zur Welt, im Juni 1943 folgt Tochter Ingrid. „Als die ganze Familie zusammen war, war das sehr schön“, betont die Jubilarin. Ihre Mutter holt die junge Mutter nach, sie findet ebenfalls in Koblenz eine zweite Heimat. Der Zusammenhalt im Orchester ist groß, die Mitglieder feiern gemeinsam Geburtstage, Karneval und Advent. „Wir haben viel gefeiert, gern Wein und Sekt getrunken“, erinnert sich die Jubilarin schmunzelnd.

Die Handarbeit lässt sie nicht los, ab und zu näht sie für die Familie, das Sticken wird eine neue Leidenschaft. Tochter Ingrid setzt die Familientradition fort, wird wie Mutter und Großmutter Schneiderin und legt ihre Meisterprüfung ab. Sohn Peter findet eine Stelle im Autohaus Löhr und Becker, heiratet und bekommt eine Tochter. Als ihr Ehemann in Pension geht, wird er wenig später schwer krank. Sieben Jahre pflegt Dorothea Fach ihn zu Hause, 1983 stirbt er. „Er war ein sehr guter Mann, wir hatten eine schöne Zeit“, resümiert sie.

Auch mit ihrem Lebensgefährten Julius, den sie 67-jährig zwei Jahre nach dem Tod ihres Mannes kennenlernt, verbindet sie durchweg gute Erinnerungen. Doch auch dieser, acht Jahre ältere Partner bedarf ihrer Pflege, auch ihn muss sie 1993 schließlich beerdigen.

Seit November 2013 lebt Dorothea Fach im Seniorensitz „Auf der Karthause“. „Ich fühle mich gut, zumindest teilweise“, sagt sie und lacht. Zum Geburtstag gibt es ein Mittagessen mit ihrer langjährigen Bekannten und Betreuerin Ingrid Hahn, danach hat Oberbürgermeister Joachim Hofmann-Göttig seinen Besuch angekündigt. „Dann gibt es Apfelkuchen, den esse ich am liebsten“, freut sich die Hundertjährige, die noch immer gern mit dem Rollator um den Teich im nahe gelegenen Park geht, „die Fische zählen“, fügt sie schmunzelnd an. Am meisten Freude bereitet ihr Besuch. „Ich bin nicht gern allein“, sagt die Jubilarin.

Von unserer Mitarbeiterin Katharina Demleitner

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