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Koblenz

Dreijährige dürfen mittags nicht mehr schlafen: Wie eine Kita auf akute Personalnot reagiert

Doris Schneider

Die Eltern sind entsetzt: Kinder über drei Jahre dürfen in der Kita Bodelschwingh nach dem Essen keinen Mittagsschlaf mehr halten, weil es einen extremen Personalengpass gibt und die Kinder beim Fertigmachen und Schlafen nicht betreut werden können.

Akute Personalknappheit machen in der Kita Bodelschwingh auch schmerzhafte Maßnahmen nötig. Die Kita in Lützel ist dabei absolut kein Einzelfall – viele Einrichtungen gehen sozusagen auf dem Zahnfleisch.  Foto: Sascha Ditscher
Akute Personalknappheit machen in der Kita Bodelschwingh auch schmerzhafte Maßnahmen nötig. Die Kita in Lützel ist dabei absolut kein Einzelfall – viele Einrichtungen gehen sozusagen auf dem Zahnfleisch.
Foto: Sascha Ditscher

Und es gibt weitere Einschränkungen: Kinder, die einen Ganztagsplatz haben, können nur dann bis zum Nachmittag bleiben, wenn die Betreuung wegen Berufstätigkeit der Eltern zwingend nötig ist, die anderen müssen bis 12 Uhr abgeholt sein. Und wenn noch eine weitere Erzieherin ausfallen würde, dann würde es nur noch eine Notgruppe geben, für alle anderen bleibt die Kita geschlossen. „Das ist echter Wahnsinn“, sagen die beiden Mütter Tatjana Friesen und Uta Marx. Der Kita-Leitung und den Erzieherinnen wollen sie absolut keinen Vorwurf machen. Aber sie haben den Eindruck, dass der Träger nicht schnell genug reagiert, um die Personalabgänge zu kompensieren.

Zwei Erzieherinnen haben zum Jahresende gekündigt. Ihre Stellen wurden baldmöglichst ausgeschrieben, erklären Kita-Leiterin Christiane Bünning und Pfarrer Andreas Miksch im Gespräch mit der Rhein-Zeitung. Aber bis das entsprechende Gremium des Trägers, der evangelischen Kirchengemeinde Koblenz-Lützel, tagt, vergeht etwas Zeit. So war schon von vorneherein klar, dass die Stellen nicht nahtlos zum 1. Januar besetzt werden können.

Nicht klar war allerdings, dass es auch noch zu zwei weiteren Ausfällen kommen würde: Zwei Kolleginnen sind schwanger geworden und haben von ihren Ärzten ein sofortiges Beschäftigungsverbot bekommen. Das kommt immer häufiger vor, berichtet Presbyterin Anke Rothburg von der Kirchengemeinde. Spätestens seitdem auch kleinere Wickelkinder in den Kitas sind, gibt es für Schwangere ein erhöhtes Infektionsrisiko mit bestimmten Erkrankungen, die Ärzte reagieren darauf entsprechend fast automatisch mit einem Beschäftigungsverbot zum Schutz des Ungeborenen.

Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?
Notgruppen in der Kita, verkürzte Betreuungszeiten oder andere Einschränkungen – welche Erfahrungen haben Sie gemacht? Oder gab es vielleicht auch kreative Wege, um schlimmere Folgen von Personalengpässen zu verhindern? Wir rufen Eltern, aber auch Erzieher und Kita-Leitungen auf, ihre Erlebnisse zu berichten. Bitte schicken Sie eine Mail an redaktion-koblenz@rhein-zeitung.net

So ist die Situation also aktuell: Eine Vollzeitstelle, zwei Zweidrittelstellen und eine halbe Stelle sind plötzlich unbesetzt. Die Kita muss darauf reagieren und beschließt, dass die betreute Schlafpause der über Dreijährigen personell nicht mehr zu leisten ist. „Wir haben auch überlegt, Erzieherinnen aus dem Kleinkinderbereich rüberzuziehen, aber da laufen Eingewöhnungen, auf die sich die anmeldenden Eltern ja auch verlassen“, sagt Christiane Bünning. Damit den Kindern die Schlafpause nicht ganz so krass fehlt, wird am Nachmittag insgesamt ein ruhigeres Programm angeboten. Und die Erzieherinnen haben den Eindruck, dass das ganz gut klappt. „Und wenn ein Kind beim Vorlesen einschläft, wecken wir es natürlich auch nicht auf.“

Die Mütter sehen das anders: Uta Marx beobachtet, dass ihre dreieinhalbjährige Tochter am Nachmittag total groggy ist, dann auch schnell überdreht. „Ich habe auch Angst, dass sie sich den Mittagsschlaf jetzt komplett abgewöhnt, obwohl sie ihn eigentlich noch braucht.“ Das Gleiche gilt für die Zwillinge von Tatjana Friesen: „Am Nachmittag kann man nicht mehr viel mit ihnen unternehmen, sie sind dann total müde.“

Die Kita hätte diese Maßnahme gern vermieden, sagt die Leiterin. Aber sie sah sich zu dem Schritt gezwungen. Dazu kommt: Die freien Stellen adäquat zu besetzen, ist nicht mehr einfach. „Wir merken den Fachkräftemangel sehr“, sagt Presbyterin Anke Rothburg. Ersatz für die unbefristeten Stellen zu finden, ist nicht ganz so problematisch – aber wenn eine Erzieherin aus einer anderen Einrichtung wechselt, hat sie natürlich dort selbst auch Kündigungszeiten. Deshalb muss die Kita Bodelschwingh auch bis Mitte März beziehungsweise Anfang April überbrücken, bis die neuen Kolleginnen da sind. Das noch größere Problem aber sind die befristeten Schwangerschaftsvertretungen. Denn die sind als Job nicht sehr attraktiv.

Foto: dam

Auch eine mögliche Zusammenarbeit mit Studenten, wie sie in Bodelschwingh immer mal wieder ausprobiert wurde, klingt meist einfacher als es ist: „Wenn wir dann anfragen, dann haben die Studenten meist nicht so kurzfristig Zeit“, sagt Kita-Leiterin Christiane Bünning. Unterstützen könnten auch Eltern bei der Betreuung, aber auch das sei nicht immer so einfach. Akut werden Gespräche mit einem etwas älteren Erzieher geführt, der vielleicht als Aushilfe anfangen kann – ein Tropfen auf dem heißen Stein, aber besser als nichts.

In einer solchen Situation ist der Träger jedenfalls auf sich gestellt, es gibt keine Springerkräfte, beispielsweise beim Jugendamt, erklärt Stadt-Pressesprecher Thomas Knaak auf Anfrage der RZ. Wenn Zusatzkosten für externes Personal entstünden, könnte die Kita sich die von Stadt oder Land ersetzen lassen – aber das externe Personal steht nicht gerade Schlange im Bodelschwingh. Und selbst wenn: Die zusätzlichen Kräfte müssen ja auch ins Team und zu den Kindern passen, sagt Marina Freund, Fachberaterin für Kitas im Kirchenkreis. Auch wenn das für Eltern und Kinder eine schwierige Situation ist, muss doch bei den Vorstellungsgesprächen geschaut werden, ob das zusammenpasst. Wenn nicht, wären neue Probleme programmiert.

Von unserer Redakteurin Doris Schneider

Probleme sind kein Einzelfall

Dass es immer wieder zu Engpässen kommt, dass Kinder möglichst zu Hause gelassen werden sollen und nur Notgruppen zur Verfügung stehen, ist kein Einzelfall. Beispielsweise passiert das auch in der Gülser Kita Rappelkiste häufiger, beschreibt Kerstin Stieffenhofer, deren fünfjähriger Sohn in die Einrichtung geht.

„Dann kommt ein Schreiben, dass man die Kinder nur bringen soll, wenn es gar nicht anders geht.“ Betroffen sind dadurch vor allem die Mütter, die nicht arbeiten gehen, sondern ihre Kinder selbst erziehen, ärgert sich die 42-Jährige.

Sie hatte im Lauf der vergangenen 16 Jahre drei Kinder in der Kita und beobachtet: „Das war früher nicht so gravierend.“ Möglicherweise hängt die höhere Krankheitsquote auch mit der Betreuung der kleineren Kindern zusammen, die schneller krank werden und dann die größeren und die Erzieherinnen anstecken, vermutet die Gülserin. 

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