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    Das Prinzip Chaos: So funktioniert Amazon

    Bei Amazon regiert das Chaos. Das hätte man nun nicht unbedingt gedacht bei dem größten Internetversandhändler der Welt, bei dem man vom Fernseher bis zum Klopapier so ungefähr alles kaufen kann und der ungebrochen auf Wachstumskurs ist. Doch bei einem Besuch in dem neuen gigantischen Logistikzentrum in Koblenz wird klar: Das Chaos ist ein Geheimnis von Amazons Erfolg.

    Ein Paket nach dem anderen wandert auf die Fließbänder im nagelneuen Logistikzentrum. Noch ist Amazon in Koblenz in der Aufbauphase, aber im Advent sollen hier bis zu 3000 Menschen arbeiten.
    Ein Paket nach dem anderen wandert auf die Fließbänder im nagelneuen Logistikzentrum. Noch ist Amazon in Koblenz in der Aufbauphase, aber im Advent sollen hier bis zu 3000 Menschen arbeiten.
    Foto: Denise Remmele

    Die Regale, die sich hier dicht an dicht durch eine riesige Lagerhalle ziehen, auf vier Stockwerken übereinander, Regalbrett über Regelbrett, wären für jeden Bibliothekar, Buchhalter oder andere ordentliche Wesen ein Graus. Da steht die H-Milch neben der Barbiepuppe, DVDs, Bücher und CDs drängen sich wild durcheinander in den Fächern. Einziges Prinzip, nach dem sich diejenigen richten, die die Regale einräumen: Etwas wird da hingestellt, wo gerade Platz ist und wo es halt hinpasst. So kann sich ein und dasselbe Produkt an zig Stellen in dem Lager finden – mit dem Vorteil, dass die Mitarbeiter, die die Artikel aus den Regalen suchen, viel kürzere Laufwege haben. „Und wir brauchen den Platz“, erklärt Gregory Bryan, Standortleiter in Koblenz. Selbst in einem Logistikzentrum, das mit 110 000 Quadratmetern so groß ist wie 17 Fußballfelder.

    Der Scanner ist eine Allzweckwaffe: Er sagt dem Mitarbeiter, welchen Artikel er wo und auf welchem Wege aus dem Lager holen soll.
    Der Scanner ist eine Allzweckwaffe: Er sagt dem Mitarbeiter, welchen Artikel er wo und auf welchem Wege aus dem Lager holen soll.
    Foto: Denise Remmele

    Mit dem klassischen Job eines Kommissionärs hat die Arbeit der Amazon-Leute nicht mehr viel zu tun. Ging dieser sonst mit seinem Laufzettel los, suchte die Ware für eine Bestellung zusammen, lud sie auf seinen Wagen und packte schließlich das Paket, so ist hier jeder Mensch ein kleines Rädchen in einem ausgeklügelten System, das auf höchste Effizienz ausgerichtet ist.

    Versandfertig aufs Fließband.
    Versandfertig aufs Fließband.
    Foto: Denise Remmele

    Der direkte „Vorgesetzte“ des einzelnen Lagerarbeiters, derjenige, der sagt, was zu tun ist, ist ein kleines elektronisches Gerät. Der Scanner gibt ihm genau vor, was er in welcher Reihenfolge abholen soll und welchen Weg er dafür idealerweise nimmt. Der Mensch ist ein Teil des logistischen Ablaufs, der die Ware zum Kunden bringt, zum Teil in wenigen Stunden.

    So werden die Waren angeliefert.
    So werden die Waren angeliefert.
    Foto: Denise Remmele

    Schritt eins: die Anlieferung der Waren. Schon in diesen Tagen, vier Wochen nach der Eröffnung des Koblenzer Zentrums, werden 20 bis 30 Lastwagen am Tag in der ersten von mehreren riesigen Hallen entladen. Die ersten Mitarbeiter – insgesamt sollen in den nächsten drei Jahren 1000 feste und 2000 Saisonkräfte in dem Logistikzentrum arbeiten – stehen mit ihren Scannern bereit. Jede Kiste wird geöffnet, gescannt und allein nach Größe sortiert auf einen der wartenden Wagen gestellt. Ruhig nehmen sich die Arbeitskräfte einen Karton nach dem anderen vor, gehetzt wirken sie nicht. Innehalten tun sie aber auch nicht, wie keiner ihrer vielen, vielen Kollegen.

    Schritt zwei: die Warenannahme. „Hier vereinnahmen wir die Ware ins System“, erklärt Bryan. Wieder ein Fließband, wieder werden die Waren ausgepackt, wieder gescannt, wieder auf einen Wagen gestellt. Wer nun auf der Amazon-Internetseite nachschaut, wie viele Romantik-Barbies oder Kaffeemaschinen zurzeit vorrätig sind, bekommt diese schon jetzt angezeigt.

    Schritt drei: die Einlagerung. Hier greift das Chaossystem. Mitarbeiter schieben die Wagen ins Lager und stellen die Waren irgendwo ins Regal. Entscheidend dabei ist: Beim Einräumen werden der Artikel und ein Strichcode am Regal ein weiteres Mal gescannt. Jetzt weiß zumindest das System, wo sich das Buch, das Katzenfutter oder die Pralinenschachtel verstecken. Dem Chaosprinzip im Lager steht ansonsten absolute Ordnung gegenüber. Jeder Wagen, jede Palette, selbst jeder Mülleimer hat seinen eingezeichneten Platz. Die Hallen sind hell und peinlich sauber.

    Schritt vier: die Bearbeitung der Bestellung. Jetzt kommt der Käufer ins Spiel. Im Internet gibt er seine Bestellung auf. Dass diese nun in einer Zentrale aufläuft, die sie an ein Logistikzentrum weitergibt, ist ein Irrtum. Das System erkennt von selbst, wo der bestellte Artikel vorrätig ist und welches der mittlerweile sieben deutschen Logistikzentren am nächsten gelegen ist. Dort landet die Bestellung direkt auf dem Scanner eines „Pickers“, der den Artikel aus dem Lager holt.

    Vor allem an dieser Stelle im Gefüge wirkt der Mensch in gewisser Weise wie ferngesteuert, als kleiner Bestandteil eines großen, automatisierten Systems. Vielleicht ist das ein Grund dafür, dass Amazon so viel Wert auf Motivation und ein gutes Miteinander legt. Jeden Morgen gibt es ein Meeting, bei dem die Mitarbeiter auf ihre Arbeit eingeschworen werden. Der Umgangston ist locker, jeder duzt jeden, auch ein „Hallo Gregory“ wird immer mal wieder zum Chef herübergerufen, wenn dieser durch die Hallen marschiert. „Nie rennt jemand“, sagt der. Geht man mit ihm durch ein Treppenhaus, bittet er selbst, doch den Handlauf zu benutzen. Aus Sicherheitsgründen.

    Schritt fünf: die Verpackung. Mehrere Arbeitsplätze finden sich an jedem der Fließbänder, die sich durch eine weitere Halle ziehen. Artikel für Artikel räumen die Packer in die Kartons, die das System passend zuteilt, und kleben sie mit Streifen zu, die ein Gerät direkt in der richtigen Länge ausspuckt. Dann das nächste. Und das nächste. Nur eine, dafür aber 45 Minuten lange Pause haben die Mitarbeiter am Tag. Beim Weg zur Kantine ginge bei mehreren kurzen Pausen zu viel Zeit verloren, erklärt Bryan. Schlecht, wenn man ein Raucher ist.

    Schritt sechs: der Warenausgang. Über die Fließbänder landen die Pakete schließlich in den vor der Halle geparkten Lastern von DHL, Hermes oder UPS. Wer einen Zuschlag bezahlt hat, bei dem klingelt der Paketbote noch am selben Abend. Für die Mitarbeiter endet der Tag an einem weiteren Scanner: Wie am Flughafen werden Menschen und Taschen kontrolliert. So groß ist das Chaos bei Amazon nicht, dass es nicht auffallen würde, wenn einer von mehreren Millionen Artikeln fehlen würde.

    Von unserer Redakteurin Stephanie Mersmann

     

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