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Chef eines "rollenden Supermarkts": Lieferdienste beleben Geschäft

In immer mehr Dörfern verschwinden auch die letzten Lebensmittelgeschäfte aus dem Ortsbild. Das ist vor allem ein Problem für Alte, die nicht mehr mobil sind. Doch es gibt verschiedene Lieferdienste, die versuchen, Lücken in der Nahversorgung zu schließen (die RZ berichtete). Dazu gehört auch das Unternehmen Heiko. Seit knapp 30 Jahren rollen die Supermarktwagen der Firma durchs MYK-Land. Mittlerweile steuert das „Kaufzuhaus“ 82 Orte in der Region an. Der erste Wagen kam 1988 vom Zentrallager in Neuendorf (Kreis Bitburg-Prüm) in unsere Gefilde. Wir haben mit Firmeninhaber Reinhard Steinkamp (62) über das Kaufen am Wagen gesprochen und darüber, was neue Haustürlieferdienste in der Region, etwa von Fleischwarenproduzent Peter Hünten aus Löf, für sein Unternehmen bedeuten.

Das Gebiet des rollenden Supermarktes Heiko umfasst 2200 Orte – 82 davon liegen im Kreis MYK. Bei uns gibt es weitere Bringdienste von Bäckereien, kleinen Märkten, Kiosken und neuerdings einer Fleischerei. Heiko-Chef Steinkamp meint, dass die Lieferdienste voneinander profitieren.
Das Gebiet des rollenden Supermarktes Heiko umfasst 2200 Orte – 82 davon liegen im Kreis MYK. Bei uns gibt es weitere Bringdienste von Bäckereien, kleinen Märkten, Kiosken und neuerdings einer Fleischerei. Heiko-Chef Steinkamp meint, dass die Lieferdienste voneinander profitieren.
Foto: Heiko

Vorab zum Heiko-Verkaufsablauf, der immer gleich ist: Der Stammfahrer hält mit der Verkaufsklappe direkt an der Haustür, der Einkäufer studiert die Auslagen und nimmt auch vorbestellte Waren entgegen. In dem Wagen bekommt er nahezu alles für den täglichen Bedarf: von Gemüse und Obst über Getränke bis hin zu Fertiggerichten oder Sonderaktionen wie Spannbettlaken. Natürlich ist die Auswahl begrenzter als in einem normalen Supermarkt.

Reinhard Steinkamp
Reinhard Steinkamp
Foto: Heiko

Herr Steinkamp, Sie sind ein alter Hase im Geschäft: Hat die Nachfrage nach der fahrenden Nahversorgung in den vergangenen Jahren zu- oder abgenommen?

Es ist ein Spiel der Kräfte. Unsere Zielgruppe sind die Senioren. Und diese Gruppe wächst. Allerdings sind die Senioren heute viel länger aktiv und auch selbst mit dem Auto unterwegs. Heißt: Die Zielgruppe wächst, wird aber älter. Ein anderer Trend ist, dass die Haushalte kleiner werden. Das merke ich, weil die Nachfrage nach kleinen Packungen steigt. Wir haben viele Stammkunden, die bleiben uns bis ins höchste Alter treu. 80 bis 85 Prozent unserer Kunden sind übrigens Damen.

Es gibt in unserer Region weitere Haustürangebote. Ein Fleischwarenproduzent aus Löf an der Mosel bringt seit Kurzem seine Frischwaren zu den Leuten heim, auch einige Bäcker tun dies seit Längerem. Wie blicken Sie auf diese Entwicklung?

Uns stört das gar nicht. Konkurrenz belebt das Geschäft. Fahrende Händler sind in anderen Ländern viel populärer, beispielsweise in Holland und den frankophilen Regionen. Wenn es in Deutschland mehr Lieferdienste gäbe, würde das eher das Geschäft beleben.

Warum ist die Kultur des Einkaufs an mobilen Stellen bei uns nicht so ausgeprägt?

Die Deutschen haben Hemmungen, bei fahrenden Händlern zu kaufen, weil sie Angst haben, übers Ohr gehauen zu werden. Deshalb ist Konkurrenz gut. Wenn nämlich jemand bei einem fahrenden Bäcker oder am Eierauto kauft, kauft er auch meist bei uns. Er hat gelernt: Der Lieferdienst ist zuverlässig, barrierefrei und bequem. Wir erleben das auch umgekehrt. Wo wir mit unserem Wagen sind, funktionieren meist auch andere Lieferdienste. So kauft ein Kunde beispielsweise bei uns Gemüse und Obst, bei einem anderen sein Lieblingsbrot und sein Fleisch.

Wie bewerten Sie denn den Trend, dass auch immer mehr Supermärkte und Discounter einen Lieferdienst anbieten wollen?

Das ist Konkurrenz, keine Frage. Als Spezialanbieter mit vollem Sortiment müssen wir damit leben. Wir müssen uns natürlich auch selbst bewegen und beispielsweise im Internet unterwegs sein. Die Lieferdienste der Großen werden aber unseren Gedanken bekannter machen, dass Waren nach Hause kommen. Die Supermärkte mit Lieferservice kennen wir meist. Da hängt es stark am Betreiber, ob der Dienst funktioniert oder nicht. Wenn es ein privater Betreiber ist, so meine Erfahrung, dann klappt es. Ein Nachteil ist aber der Lieferaufschlag, den viele verlangen. Ein Vorteil von uns gegenüber den Großen: Wir haben regionale Produkte.

Man sagt, dass das Einkaufen vor allem für Alte ein wichtiger Baustein im selbstbestimmten Leben ist – und vor allem oft die einzige Möglichkeit ist, Kontakt zu Mitmenschen zu haben. Machen Sie auch diese Erfahrung?

Ja. Vor allem der Kontakt zum Händler ist wichtig. Unser Stammfahrer ist 46-mal im Jahr da, abzüglich seines Urlaubs. Da entstehen persönliche Gespräche, lustige und traurige. Oft kommen unsere Fahrer öfter als die eigenen Kinder.

Wie kommt der rollende Supermarkt Heiko eigentlich dazu, in einen Ort zu fahren?

Meist sind es der Bürgermeister, die Landfrauen oder ein anderer Verein, die uns kontaktieren. Dann stehen wir anfangs mit dem Verkaufswagen an ausgewählten Plätzen zu festgelegten Uhrzeiten, damit die Leute uns kennenlernen können. Dann werden nach wenigen Wochen die Privatadressen aufgenommen, und der Fahrer hält nach Wunsch des Kunden direkt vor der Haustür.

Welche Rolle spielt das Dorfladensterben speziell für Ihr Unternehmen?

Nur noch 14 Prozent der Orte, die wir anfahren, hat ein Lebensmittelgeschäft. Unser Unternehmen wurde 1950 mit dem Eierverkauf gegründet, ab 1972 kamen weitere Lebensmittel dazu. Damals ging die erste Welle des Dorfladensterbens los. Jetzt ist die Phase, in der auch die letzten Tante-Emma-Läden in den Orten sterben, die damals noch einen Laden hatten. Oft werden wir kontaktiert, wenn es heißt: „Bei uns schließt der Dorfladen oder der Supermarkt.“

Fahren Sie mit dem rollenden Supermarkt eigentlich nur die Dörfer an?

Nein! Wir haben auch Anfragen aus Köln, Koblenz und Mayen, wo man einen Kilometer oder mehr bis zum nächsten Markt laufen muss. Machen Sie das mal mit zwei Einkaufstüten. Das Problem kennen die Politiker. Wenn Wahlen sind, kommen dann bei uns viele Anfragen. Dann ist wieder vier Jahre Ruhe. Aber das Problem bleibt.

Von unserer Redakteurin Katrin Steinert

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