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Bendorf

Bendorfer Tafel ist mehr als nur Essenausgabe

Die Bendorfer Tafel ist vor fünf Jahren eingerichtet worden. Sie wird seither unter der Regie der evangelischen Kirchengemeinde betrieben.

Was die Wohlstandsgesellschaft verschmäht, ist ein Segen für Arme: In der Bendorfer Tafel im evangelischen Gemeindesaal wissen die Helfer aber, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt. Die Hilfsangebote hier haben viele Facetten, auch Seelsorge gehört dazu.
Was die Wohlstandsgesellschaft verschmäht, ist ein Segen für Arme: In der Bendorfer Tafel im evangelischen Gemeindesaal wissen die Helfer aber, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt. Die Hilfsangebote hier haben viele Facetten, auch Seelsorge gehört dazu.
Foto: Annette Hoppen

Von unserer Mitarbeiterin Annette Hoppen

Bendorf. Jeden Montag wird die Armut sichtbar in Bendorf. Der Rücken gekrümmt, der Gang gebrechlich, zieht eine alte Frau ihren Einkaufstrolley sichtbar mühsam in Richtung des evangelischen Gemeindesaals am Yzeurer Platz. "Ich hoffe, heute gibt es Käse", sagt sie. Denn Käse ist teuer. Zu teuer für die 75-Jährige. Die kleine Rente ist zum Sterben zu viel, zum Leben aber zu wenig. Das Amt stockt das Witwengeld zwar auf. Doch wenn Miete, Heizkosten und Strom bezahlt sind, bleiben am Tag keine 10 Euro mehr übrig. Käse ist teuer – doch heute wird es für die alte Frau zum Abendessen ein Käsebrot geben. Dazu vielleicht ein paar aufgeschnittene Tomaten. Die Packung Geflügelsalat will sie sich aufheben, "für morgen Mittag." Der Trolley ist gut gefüllt mit Obst, Gemüse und Kartoffeln. 1 Euro hat sie bezahlt. Für Lebensmittel, die sonst keiner mehr haben will.

Denn verteilt werden die Lebensmittel von der Bendorfer Tafel. Die sammelt die Spenden jeden Montag bei Discountern und Supermärkten in der Region ein. Naht das Verfallsdatum, werden die Regale gesiebt. Äpfel und Pfirsiche mit Druckstellen sind unverkäuflich. Brot vom Vortag ebenso. Was von der Wohlstandsgesellschaft verschmäht wird, ist für die Armen ein Segen.

Die Ausgabestelle in Bendorf gehört zum Verein "Koblenzer Tafel". Vor fünf Jahren wurde sie eingerichtet, wird seither unter der Regie der evangelischen Kirchengemeinde betrieben. Auf etwa 50 Helfer ist die Zahl derer angewachsen, die sich hier längst auch konfessionsübergreifend engagieren. Und: Mittlerweile gehören zum Ehrenamtsteam auch viele Männer und Frauen, die das Angebot der Tafel zwar sprichwörtlich notgedrungen nutzen, aber etwas zurückgeben wollen, indem sie mitanpacken. Etwa 300 Menschen strömen in Bendorf regelmäßig zur Tafel. "Weil die Zahl ständig gewachsen ist, haben wir die Berechtigungsscheine aufgeteilt. Die Leute können alle 14 Tage kommen", erzählt Eva Schräpler, Helferin der ersten Stunde, die die organisatorischen Fäden der Bendorfer Tafel zieht, Dienste einteilt, aber auch den Menschen einfach nur zuhört, ihnen Zeit und Aufmerksamkeit schenkt.

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, heißt es im Matthäus-Evangelium. Die Bendorfer Tafel lebt diesen Bibelspruch in vielen seelsorgerischen Facetten, ohne missionarisch-aufdrängend zu agieren. Jeder ist willkommen, Muslime, Christen, Menschen, die mit der Kirche eigentlich gar nichts am Hut haben. "Herzwerk" heißt der Arbeitstitel vielfältiger Projekte, unter dem die Kirchengemeinde das Angebot der Lebensmittelausgabe immer auf weitere Hilfeleistungen ausgeweitet hat. Als eine Flüchtlingsfamilie nach einem Deutschkurs fragte, wurde der kurzerhand auf die Beine gestellt. Eigentlich kümmert sich Peter Paskowski in der evangelischen Kirchengemeinde ehrenamtlich um Suchtkranke. Nun ist er auch in die Rolle des Deutschlehrers geschlüpft, berichtet er.

Drinnen an den Tischen im Gemeindezentrum steht unterdessen Lya Weber und sortiert die Salatköpfe. "Manches müssen wir wegschmeißen, aber den Großteil der Lebensmittel können wir weitergeben", sagt die gebürtige Holländerin, deren Idee es zu verdanken ist, dass es bei der Tafel auch eine Art Kleiderkammer gibt. "Dass viele Leute, die zu uns kommen, kein Geld für einen neuen Pullover oder eine Hose haben, hat man oft ganz einfach gesehen", erzählt Lya Weber. Sie fing an, Kleiderspenden zu sammeln. Mittlerweile gehört die Kleiderkammer ebenso fest zum Angebot der Bendorfer Tafel wie eine Schuldnerberatung oder auch das Herzwerk-Café.

Für 30 Cent pro Stück gibt es hier montags frischen Kuchen, Kaffee und Wasser sind kostenlos. Eva Schräpler weiß jedoch: "Viele können selbst die 30 Cent nicht aufbringen. Die bekommen den Kuchen geschenkt." Drei- bis viermal im Jahr lädt die Gemeinde die "Tafelkunden" außerdem zu einem "Frühstück mit Herz" ein, erzählt Helferin Christel Blum. An Heiligabend gibt es eine Feier – mit einem Weihnachtspäckchen für jeden Gast. Etwa 100 zumeist einsame alte Menschen, aber auch Familien mit Kindern kommen dann in den Gemeindesaal. Jeder ist eingeladen.

Der Kreis der Empfänger für die Tafel wechselt dagegen alle zwei Monate, die Warteliste ist lang. Kinder- und Altersarmut werden offenbar. Die alte Frau mit der kleinen Rente ist dankbar, dass sie den Berechtigungsschein bekommen hat. Mit ihrem Trolley macht sie sich wieder auf den Heimweg. Die Packung Käse liegt obenauf.

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