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Koblenz

Bahnhofsplatz: Lärm, Dreck, Urin und Kot – Wie geht es weiter?

Doris Schneider

Tag für Tag das gleiche Bild: 20, mal auch 30 Leute sitzen auf dem Bahnhofvorplatz oder am Busbahnhof. Morgens weniger, im Lauf des Nachmittags immer mehr. Morgens nüchtern, im Lauf des Tages viele immer betrunkener, manche bis hin zum Kontrollverlust. Dann wird oft gezankt und geschrien, manchmal auch geprügelt. Aber immer untereinander, die Gruppe beschäftigt sich überwiegend mit sich selbst. Viele Bürger und Anlieger des Platzes fühlen sich trotzdem von den Leuten, die ihren Tag am Bahnhof verbringen, extrem gestört.

Meist sitzen sie an der runden Steinbank vor der Sparkasse, manchmal aber auch am Busbahnhof: Diese Gruppe verbringt jeden Tag am Bahnhof. Um abzuhängen, Freunde zu treffen, Bier zu trinken.  Foto: Doris Schneider
Meist sitzen sie an der runden Steinbank vor der Sparkasse, manchmal aber auch am Busbahnhof: Diese Gruppe verbringt jeden Tag am Bahnhof. Um abzuhängen, Freunde zu treffen, Bier zu trinken.
Foto: Doris Schneider

Nicht nur, aber vor allem auch deswegen: Da es hier keine kostenlose Toilette gibt, wird überallhin gemacht. Je betrunkener, umso hemmungsloser. Schon seit Monaten diskutieren die Mitglieder des Stadtrats über die Situation am Platz, auch darüber, ob eine Toilette aufgestellt werden sollte und ob sie überhaupt eine Lösung wäre. Bei einer Expertenanhörung im Sozialausschuss wurde nun noch einmal klar: Es gibt Probleme. Aber einfache Lösungen gibt es keine, wie auch die folgende Zusammenfassung zeigt.

1 Wer trifft sich am Bahnhof? Meist so um 20 Leute sind es in der Regel, auch schon mal mehr, sagen sowohl Manuel Wehrmann, Leiter der Polizeiinspektion Koblenz 1, als auch der stellvertretende Leiter des Ordnungsamtes, Thomas Flöck und Achim Meis, Leiter der sozialen Dienste der Caritas. Gabriela Munsch vom Sophie-Schwarzkopf-Haus, einer Einrichtung unter anderem für ehemals Wohnungslose, spricht eher von 30 bis 40, wenn sie auch die Leute vor dem Lidl und der Landesbibliothek dazuzählt. Rund drei Viertel sind Männer, aber es gibt auch etliche Frauen, die hier regelmäßig sind, einige auch mit kleinen Kindern. Und: Es sind keine Jugendlichen dabei, das war früher mal anders.

2 Warum treffen sich die Leute hier? Viele haben gar keine Wohnung oder leben in schlechten Wohnungen. Die allermeisten, die sich hier treffen, haben Suchtprobleme, sind überschuldet, erklärt Prof. Robert Frietsch von der Hochschule, der eine Studie zu Wohnungslosen in Koblenz gemacht hat. Viele sind einsam, treffen hier Freunde, weil hier viel los ist und Alkohol und Tabak leicht zu besorgen sind, so Achim Meis von der Caritas. Und immer mehr Menschen haben sehr komplexe Problemlagen oder psychische Erkrankungen, schildert Streetworker Erich Weber vom Verein „Die Schachtel“.

3 Wie bewerten Polizei und Ordnungsamt die Situation? Markus Dwersteg von der Bundespolizei sieht die Situation ganz nüchtern: „Im Vergleich zu anderen Städten sind wir ein Dorf.“ Ganz andere Exzesse sieht man zum Beispiel im „Bonner Loch“ oder auch in den allermeisten anderen Städten. Und auch Manuel Wehrmann von der PI 1 und Thomas Flöck vom Ordnungsamt machen klar: Es wird zwar manchmal nahezu stündlich kontrolliert, aber dass die Leute dort sitzen und Bier trinken, ist erst einmal weder eine Straftat noch eine Ordnungswidrigkeit. Wird jemand beim aggressiven Betteln oder Urinieren erwischt, dann handeln die Mitarbeiter des Kommunalen Vollzugsdienstes: „Es gibt auch mal Taschenpfändungen und Platzverweise, mehr Möglichkeiten haben wir nicht“, sagt Flöck. Illegale Drogen spielen im Übrigen hier praktisch keine Rolle, Straftaten gegenüber Dritten auch nicht. Wenn es Zoff gibt, dann fast immer nur innerhalb der Gruppe selbst.

Jeden Tag wird am Bahnhofvorplatz aufgeräumt und gereinigt, mit der Maschine, per Hand oder beides.  Foto: Sascha Ditscher
Jeden Tag wird am Bahnhofvorplatz aufgeräumt und gereinigt, mit der Maschine, per Hand oder beides.
Foto: Sascha Ditscher

4 Was sagen die Platzanlieger? Christof Nießen, Geschäftsführer der Jukuwe, hatte die Diskussionen vor ein paar Wochen initiiert, weil die Umgebung rund um das Kurt-Esser-Haus mittlerweile täglich mit Urin und Kot verunreinigt ist. „Das sind unzumutbare Zustände.“ Und auch Michael Röhr, Betreiber der Tiefgarage unter dem Bahnhofsplatz, schildert am Rand der Expertenanhörung angeekelt: „Das ist nicht einer, der ins Parkhaus pinkelt, das sind Hunderte Liter. Und es ist ekelhaft, wenn Sie die Treppe runtergehen und da hockt einer und sagt: ,Hier können Sie jetzt nicht durch, ich kacke grad.'“

5 Wie könnte man die Situation entschärfen? Nicht zuletzt für diejenigen, die sich hier aufhalten, ist es kein einfacher Zustand: „Echt blöd, dass hier keine Toilette ist“, sagen zwei junge Frauen, die am Busbahnhof sitzen und Bier trinken. Parkhausbetreiber Michael Röhr ist überzeugt, dass die meisten Probleme gelöst werden könnten, wenn man die Substitutionspraxis in Bahnhofsnähe an den Stadtrand verlagert, denn von dort kommen etliche, die hier die Tage verbringen. Die meisten Referenten aber sehen eine Toilette und Waschmöglichkeit und eine Verstärkung der aufsuchenden Sozialarbeit als die vielversprechendsten Ansätze. Denn wenn man den Suchtkranken, die sich hier bis zur Besinnungslosigkeit betrinken, zu einer neuen Lebensperspektive verhelfen will, dann braucht man die Zusammenarbeit vieler Fachleute. Und den Veränderungswillen derer, die hier am Bahnhof sitzen, Tag für Tag.

Von unserer Redakteurin Doris Schneider

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