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Koblenz

Adieu, Miljöö: Koblenzer Kult-Café ist jetzt Geschichte

Doris Schneider

Am Donnerstagmorgen um halb 8 hat Nicole König den ersten Sekt getrunken – und bei dem einen ist es nicht geblieben. Aber es kam auch jede Menge Kaffee dazu, denn es gab an diesem Tag eine Menge zu tun. Viele, viele Hände mussten geschüttelt, unzählige Male „Danke“ gesagt werden, wenn Gäste „Alles Gute“ gewünscht hatten. Um 18 Uhr dann soll die Cafétür zum letzten Mal abgeschlossen werden, sagt sie morgens bei Sekt und Kaffee im Gespräch mit der RZ. Das Café ist voll, jeder Platz besetzt. Viele kommen, um Abschied zu nehmen: Adieu, Miljöö.

Für Nicole König (45) und Claudia Lehnen (50), die das Café in der Altstadt in den vergangenen 20 Jahren geführt haben, ist es ein emotionaler Abschied. Ein sehr emotionaler. Und ein langer. Aber nicht nur für sie. „Unfassbar, was wir an E-Mails, Anrufen und Nachrichten über Facebook bekommen haben in den letzten Wochen“, sagt Nicole König gerührt. Gäste erzählen ihre Erinnerungen, berichten, wie viel ihnen das Café bedeutet hat. Paare erzählen, wie sie sich im Miljöö kennengelernt und gefeiert haben. Für eine Freundin von Claudia Lehnen haben sie das Café mal in einen halben Wald verwandelt und das Etzegässchen in eine Partymeile. Eine ehemalige Lehrerin kam in den vergangenen Wochen häufiger und hat für den letzten Tag noch einmal einen Besuch angekündigt: Sie will ein letztes Mal auf dem Klavier spielen, das eins der Markenzeichen des Cafés ist. Eine Frau schreibt, dass sie früher ihr Kind schon immer mit ins Café genommen hat und die Tochter nun als Erwachsene hier ihren „Mädelsabend“ verbringt. Ein Ehepaar beschreibt, dass es immer, wenn es in Koblenz ist, hier isst. Mit Tränen in den Augen haben die beiden das gesagt, sagt Nicole König. „Wir haben mit vielen Menschen geweint, das war der Hammer.“ Und viele kamen auch ganz allein und saßen lang beim Kaffee. Man merkte richtig, dass sie in ihren Jugenderinnerungen schwelgen, erzählt Nicole König.

Jetzt nehmen Nicole König (links) und Claudia Lehnen Abschied – mit Sekt und Tränen.
Jetzt nehmen Nicole König (links) und Claudia Lehnen Abschied – mit Sekt und Tränen.
Foto: Doris Schneider

Das gilt auch ein bisschen für die beiden Freundinnen, die vor 20 Jahren das Miljöö übernommen haben. „,Ach was, die Mädchen', haben viele gesagt und uns das nicht zugetraut“, erzählen die beiden Frauen lachend. Aber sie haben es geschafft: Das Miljöö, das es damals schon knapp 15 Jahre gab, hat seinen eigenen Charakter behalten und sich doch auch weiterentwickelt. „Auch aus den absoluten Anfangszeiten waren jetzt viele Leute da, das war unglaublich.“

Unstimmigkeiten mit dem Vermieter sind es, die Nicole König letztlich zur Aufgabe gezwungen haben. Insofern ist es aber nicht nur ein Abschied mit Tränen, sondern auch eine Entlastung, sagt die 45-Jährige nachdenklich. Zeit, zurückzudenken, bleibt jetzt sowieso nicht mehr allzu viel: Es muss noch vieles geräumt werden, bevor der Schlüssel am 2. Januar übergeben wird. Die Möbel werden erst einmal eingelagert – „obwohl wir unendlich viele Angebote hatten von Leuten, die einen Stuhl oder Tisch kaufen wollten“, erzählt Nicole König lachend. Aber sie kann sich nicht trennen – auch nicht von der Idee, vielleicht noch einmal irgendwann eine Art Miljöö 2 zu eröffnen. Den Namen hat sie sich jedenfalls schützen lassen, spruchreif ist aber noch nichts, sagt sie. Auch hier im alten Miljöö wird es im Übrigen irgendwie weitergehen, hat sie gehört: Hier soll auch weiterhin ein Café betrieben werden, vom Inhaber der Gecko Lounge, soweit sie weiß.

Die Spezialität, das Frühstück bis 17 Uhr, wird es aber auch im Pfefferminzje geben.
Die Spezialität, das Frühstück bis 17 Uhr, wird es aber auch im Pfefferminzje geben.
Foto: Doris Schneider

Die gebürtige Pfaffendorferin schaut in die nähere Zukunft, die direkt um die Ecke liegt: Weiter geht es im Pfefferminzje, das Nicole König, die früher im Logo gearbeitet und das Mephisto betrieben hat, schon seit einigen Jahren ebenfalls führt. Die gute alte Tradition des Frühstücks bis 17 Uhr wird mit rübergenommen, auch einiges andere, von der Speisekarte zum Beispiel. Ansonsten ist es aber nicht das Miljöö, kann und soll es auch nicht sein, sagt Nicole König. Das Miljöö, das war einmalig. Für sie und viele ihrer Gäste.

Von unserer Redakteurin Doris Schneider

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