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Simmern

Schwimmbadbau: Stadt tauscht Fläche mit der VG

Heftig zur Sache ging es am Mittwochabend im Simmerner Rathaus. Solch eine hitzige Debatte hatte der altehrwürdige Sitzungssaal schon lange nicht mehr erlebt. Es wurde hart gerungen, ausgeteilt und eingesteckt – es ging um den geeigneten Standort für das neue Hallenbad, das die Verbandsgemeinde Simmern plant und für den ein Flächentausch mit der Kreisstadt angestrebt wurde.

Auf dem Areal der „alten Eika“ soll das neue Hallenbad errichtet werden – wenn die finale Förderzusage steht. Nach Willen des Stadtrates soll es möglichst nahe an die Gemündener Straße rücken, um somit Platz zu gewinnen. Darüber wurde stürmisch diskutiert und gestritten.  Foto: Werner Dupuis
Auf dem Areal der „alten Eika“ soll das neue Hallenbad errichtet werden – wenn die finale Förderzusage steht. Nach Willen des Stadtrates soll es möglichst nahe an die Gemündener Straße rücken, um somit Platz zu gewinnen. Darüber wurde stürmisch diskutiert und gestritten.
Foto: Werner Dupuis

Zwar ist das Freizeitbad neben der Hunsrückhalle optisch noch gut in Schuss, technisch – und damit energetisch – aber in die Jahre gekommen. Es verursacht ein jährliches Defizit zwischen 600.000 und 650.000 Euro in der Verbandsgemeindekasse. Deshalb wurde erst eine umfassende Sanierung geprüft, wegen zu hoher Kosten aber wieder verworfen. 8 Millionen Euro müssten dafür aufgewendet werden, VG-Bürgermeister Michael Boos beziffert die Ausgaben für einen kompletten Neubau auf 7,5 Millionen Euro (wir berichteten). Kopfzerbrechen bereitete dem Verwaltungschef wie dem Verbandsgemeinderat der geeignete Standort. Drei davon waren ursprünglich im Gespräch: Unmittelbar an der Rottmann-Grundschule, am bisherigen Standort nach dem Abriss des alten Gebäudes, oder auf dem Areal, an dem im vergangenen Jahr die „alte Eika“ (Wasgau-Markt) abgerissen wurde – klar ist, dass das neue Bad in der Nähe der Heizzentrale errichtet werden soll, um so das Nahewärmenetz der Energieversorgung Region Simmern (ERS) nutzen zu können, die an das existierende Freizeitbad angedockt wurde. Während der Grundschulstandort aus Platzgründen mittlerweile vom Tisch ist, waren bis Mittwochabend noch die beiden anderen Möglichkeiten im Gespräch. Michael Boos erläuterte dem Simmerner Stadtrat, warum er einen Neubau auf dem Gelände der „alten Eika“ favorisiert: Bei einem Neubau an alter Wirkungsstätte könnten die Simmerner und ihre Gäste, der VfR Simmern und die Schulklassen zwei Jahre lang den Wassertempel nicht nutzen. Auch für das Image der Kreisstadt nicht unbedingt zuträglich, wie der Verwaltungschef betonte. Nicht zuletzt könnte die VG zwei Jahre lang keine Einnahmen generieren und die ERS – ebenfalls in der Hand der VG – würde für diese Zeit ihren Hauptabnehmer verlieren. Von Verlusten über 70.000 Euro per Anno war am Mittwoch die Rede.

Ein weiterer Vorteil, der aus Sicht der VG für den „Eika“-Standort spricht: Während das heutige Freizeitbad nicht im städtischen Sanierungsgebiet liegt, ist das ehemalige „Wasgau“-Gelände, wenn auch nur durch die Schulstraße getrennt, innerhalb der Sanierungszone – das verspricht dem Bauherren großzügige Fördermittel von Bund und Land. Laut Boos würden etwa 90 Prozent der Kosten für einen Bäderneubau von der öffentlichen Hand gefördert, wenn er im Sanierungsgebiet errichtet wird. Andernfalls müsste die Stadt ihr Areal verändern – sprich das Gebiet am Freizeitbad in die Sanierungszone aufnehmen, dafür an anderer Stelle Flächen herausnehmen. Eine Erweiterung ist laut Andreas Nikolay äußerst unwahrscheinlich. „Wir alle wissen, dass wir um die Größe des Sanierungsgebietes sehr hart kämpfen mussten“, erinnerte der Stadtbürgermeister den Rat an zähe Verhandlungen mit den Behörden, „deshalb werden die einer Erweiterung nicht zustimmen.“

Ein weiteres Problem: Das Areal der ehemaligen „Eika“ hatte eine Kommission um den Beigeordneten Michael Becker als ideale Fläche für die Ausrichtung des Maimarktes auserkoren. Dort sollten künftig die Simmerner ihr traditionsreiches Fest feiern. Deshalb hatte der Rat einen entsprechenden Wunsch der Verbandsgemeinde vor gut einem Jahr schon einmal negativ entschieden. „Deshalb bin ich auch sehr dankbar, dass dieses Thema erneut auf die Tagesordnung gesetzt wurde“, sagte Boos.

Von dieser wollte es CDU-Fraktionschef Thomas Klemm am liebsten wieder kippen – zumindest vom öffentlichen in den nichtöffentlichen Teil – und überraschte mit diesem Vorgehen ganz offensichtlich seinen Bürgermeister und Parteikollegen. Das Vorhaben scheiterte jedoch an der nicht vorhandenen Zweidrittelmehrheit. Klemm und sein Fraktionskollege Joachim Kuhn präsentierten dem Rat eine Übersicht über aktuelle und geplante Bauprojekte in der Kreisstadt – vom Ärztehaus bis zur Stadtmauer. In welchen Zusammenhang diese mit dem Neubau des Hallenbades zu bringen waren, erschloss sich noch lange nicht jedem Kommunalpolitiker.

Klemms Credo: Die Stadt bräuchte weitere Freiflächen zu ihrer Entwicklung, deshalb sei er gegen einen Tausch der Areale. Diesen „Deal“ hatten Boos und der VG-Rat der Simmerner Stadtspitze vorgeschlagen: Nach dem Bau des neuen Bades am „alten Eika“-Gelände würde das Freizeitbad abgerissen und der Stadt übergeben, die damit ein noch größeres Filetstück vom „Roten Platz“ (Schotterparkplatz an der Gemündener Straße) bis hin zur Schulstraße im Herzen der City verfüge. „Der ganze überhebliche Stil gefällt mir nicht. Das hat mit gegenseitiger Rücksichtsnahme nichts zu tun“, polterte dagegen lautstark Michael Becker. „Das Verhalten der VG ist eine Unverschämtheit. Die kommen an mit ihren Kinderchen und Schulen, wollen uns in eine schlechte Ecke stellen und betreiben in Wirklichkeit damit nur knallharte Interessenspolitik. Die Stadt war froh, nach dem Wasgau-Abriss endlich einen großen, attraktiven Park- und Messeplatz zu bekommen.“

Das ließ Boos nicht auf sich und seinem Rat sitzen. „Wir haben einen ganz normalen Antrag für einen Flächentausch gestellt, bei dem die Stadt nicht schlecht abschneidet. Nicht zuletzt ist ein Schwimmbad auch für die Stadt ein großer Vorteil.“

Bürgermeister Nikolay unterbrach die Sitzung für einige Minuten und bestellte seine CDU-Fraktionskollegen zum Gespräch ein. Die anderen Fraktionen hatten zu dieser Zeit schon Zustimmung signalisiert. „Wir sollten hier nicht Stadt und VG gegeneinander ausspielen“, erläuterte exemplarisch Peter Mumbauer (aSL). „Wir müssen für beide Seiten die beste Lösung finden und an einem Strang ziehen.“ Er schlug vor, den Neubau in Richtung Gemündener Straße innerhalb des Wasgau-Areals zu verschieben.

Nach der Unterbrechung betonte Nikolay, dass es in der CDU keine einheitliche Meinung gebe. „Das ist aber legitim, die Argumente sind nun mal unterschiedlich. Dennoch will die Mehrheit das neue Bad auf dem Eika-Gelände, allerdings mehr in Richtung Gemündener Straße.“ Im gefundenen Kompromiss heißt es dazu: „Die genaue Position des Bades wird in Absprache mit der Stadt festgelegt.“ Damit konnte die große Mehrheit leben, auch Boos dürfte ein Stein vom Herzen gefallen sein. Nur zwei Ratsmitglieder votierten gegen den Vorschlag.

Von unserem Redakteur Markus Lorenz

Der Ton macht die Musik

W as der Stadtrat am Mittwochabend erlebt hat, war eine Sternstunde der Kommunalpolitik, wenn auch von Misstönen begleitet. Endlich einmal wurden vor dem Plenum Argumente und Interessen ausgetauscht, um Positionen gerungen und nicht nur Beschlussvorlagen einfach abgenickt. Es ging manchmal ruppig und mehr als nur „herzlich“ zur Sache, aber genau von solchen Auseinandersetzungen lebt eine Demokratie – auch wenn zuweilen die Sachebene zu sehr verlassen wurde.

So wird sich Michael Becker in diesem Leben garantiert nicht mehr für einen Posten im diplomatischen Dienst empfehlen – zu laut und krawallig kam er am Mittwochabend daher. Der Erste Beigeordnete der Kreisstadt sollte sich vor Augen halten, dass nicht zuletzt der Ton die Musik ausmacht. Und in diesem vergriff sich Becker gleich mehrfach. Letzten Endes hat der Rat eine sowohl für die Stadt als auch für die VG vernünftige Lösung gefunden. Beide haben ins gleiche Horn gestoßen, wenn auch an der Tonlage noch gefeilt werden muss ...

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